Die Reisterrassen von Banaue auf den Philippinen gehören zum Weltkulturerbe der Unesco. © CEphot/Uwe Aranas/wikimedia

Der Geograf Erle Ellis war mit Freunden unterwegs, um am Strand von Squirrel Island vor der Küste des US-Bundesstaats Maine ein ruhiges Wochenende zu verbringen. Das Rauschen der Wellen, der weite Sand – es war herrlich. Da lag plötzlich vor seinen Füßen ein funkelndes, bunt schimmerndes Etwas, das aussah wie ein Relikt aus einer geheimnisvollen unterseeischen Welt. Ein Stein von der Größe eines Tennisballs, merkwürdig verformt, als ob seit Tausenden Jahren das Wasser an ihm gearbeitet hätte. Ellis war begeistert von dem Fund und verstaute ihn in seiner Tasche. Er glaubte, ein besonders schönes Stück reiner Natur gefunden zu haben.

Wenige Hundert Meter weiter war es vorbei mit der Begeisterung. Die Freunde kamen zu einer Mülldeponie, auf der Inselbewohner jede Menge Abfall abgeladen und in Brand gesteckt hatten. Dort lagen viele seltsam geformte Gebilde herum, die funkelten und schimmerten. Was Ellis in der Tasche hatte, war nicht unberührte Natur, sondern ein verschmolzenes Stück Müll.

Der Wissenschaftler erinnert sich gut an seinen Ärger und den ersten Impuls, dieses falsche Ding wegzuwerfen. Er behielt es. Und es inspirierte seine Forschungsarbeit. Seit einigen Jahren leitet Ellis das Labor für anthropogene Landschaftsökologie an der University of Maryland und untersucht, wie Natur und Kultur verschmelzen – wie ein Stück Menschenwerk sich in ein Stück neuer Natur verwandeln kann. Er verfolgt die Frage, was heute noch an Natur in klassischem Sinn übrig ist, was der Mensch verändert und was genau dabei entsteht.

Welcher Ort ist wirklich unberührt?

In mühsamer Kleinarbeit hat der Forscher mithilfe von Satellitenbildern ermittelt, wie viel echte Wildnis es weltweit überhaupt noch gibt. Auf den ersten Blick mögen grüne Flächen auf Satellitenbildern aussehen wie Urwälder. Nähere Analysen ergeben meistens, dass längst Straßen die Gebiete durchkreuzen und dass Menschen beeinflussen, wie und wo diese Wälder wachsen.

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Je mehr Aufnahmen er durch seine Programme jagte, desto klarer trat Ellis vor Augen, wie tief greifend der Planet bereits vom Menschen verändert wird. Auf drei Viertel der Landfläche fand er optisch erkennbare Spuren menschlicher Interventionen: Städte, Weiden, Äcker, Industriebrachen, Müllkippen, Forstplantagen, Straßen, Bergbaugebiete, Stauseen. Nur in Hochgebirgen, Wüsten, an den Polen und in einigen Waldgebieten findet sich noch Wildnis, sofern man außer Acht lässt, dass auch dort aus der Luft synthetische Chemikalien und Rußpartikel aus Schornsteinen niedergehen und der vom Menschen verursachte Klimawandel seine Effekte zeigt.

Ellis sieht Ähnlichkeiten zwischen der Erde und seinem Ding vom Strand. Eine "Gebraucht-Erde" sei am Entstehen, ein Gebilde aus zweiter Hand. "Es ist veraltet, die Erde als natürliches Ökosystem zu sehen, das von Menschen gestört wird", sagt er, "vielmehr ist die Erde bereits ein Humansystem mit eingebetteten natürlichen Ökosystemen geworden."

Sehnsucht nach Natur

Je weniger Natur es gibt, desto größer wird die Sehnsucht nach ihr. "Natur" ist heute ein allgegenwärtiges Marketingtool vor allem der Lebensmittel- und Tourismusbranche. Wir essen "Naturjoghurt", trinken "100 Prozent natürliches" Mineralwasser, werden mit Fotos angeblich "unberührter Natur" in Urlaubsgebiete gelockt. Natur steht für Reinheit und Schönheit, für Gleichgewicht und Harmonie. Natur, das sind endlose Regenwälder, bunte Korallenriffe, weite Savannen, geheimnisvolle Höhlen – möglichst ohne Personen im Bild. Natur ist all das, was nicht vom Menschen beeinflusst ist, was ganz von selbst wächst und vergeht. Vor allen Dingen ist Natur gut.

Unser Verhältnis zur Natur hat sich in der Geschichte stetig gewandelt. In vielen ursprünglichen Kulturen haben Schamanen die Einheit von Menschen, Tieren und Pflanzen beschworen. Dann trieb die Genesis-Geschichte einen Keil zwischen Mensch und Natur, christliche Religionshüter erhoben zur Doktrin, dass der Mensch über der Natur steht und nur er eng mit Gott verbunden ist. Während der Aufklärung wurde Natur zu einem Mechanismus erklärt, der verstanden und klassifiziert werden kann. Im aufkommenden Industrialismus galt Natur als reine Ressource, die für menschliche Bedürfnisse ausgebeutet werden kann.