Der Geograf Erle Ellis war mit Freunden unterwegs, um am Strand von Squirrel Island vor der Küste des US-Bundesstaats Maine ein ruhiges Wochenende zu verbringen. Das Rauschen der Wellen, der weite Sand – es war herrlich. Da lag plötzlich vor seinen Füßen ein funkelndes, bunt schimmerndes Etwas, das aussah wie ein Relikt aus einer geheimnisvollen unterseeischen Welt. Ein Stein von der Größe eines Tennisballs, merkwürdig verformt, als ob seit Tausenden Jahren das Wasser an ihm gearbeitet hätte. Ellis war begeistert von dem Fund und verstaute ihn in seiner Tasche. Er glaubte, ein besonders schönes Stück reiner Natur gefunden zu haben.

Wenige Hundert Meter weiter war es vorbei mit der Begeisterung. Die Freunde kamen zu einer Mülldeponie, auf der Inselbewohner jede Menge Abfall abgeladen und in Brand gesteckt hatten. Dort lagen viele seltsam geformte Gebilde herum, die funkelten und schimmerten. Was Ellis in der Tasche hatte, war nicht unberührte Natur, sondern ein verschmolzenes Stück Müll.

Der Wissenschaftler erinnert sich gut an seinen Ärger und den ersten Impuls, dieses falsche Ding wegzuwerfen. Er behielt es. Und es inspirierte seine Forschungsarbeit. Seit einigen Jahren leitet Ellis das Labor für anthropogene Landschaftsökologie an der University of Maryland und untersucht, wie Natur und Kultur verschmelzen – wie ein Stück Menschenwerk sich in ein Stück neuer Natur verwandeln kann. Er verfolgt die Frage, was heute noch an Natur in klassischem Sinn übrig ist, was der Mensch verändert und was genau dabei entsteht.

Welcher Ort ist wirklich unberührt?

In mühsamer Kleinarbeit hat der Forscher mithilfe von Satellitenbildern ermittelt, wie viel echte Wildnis es weltweit überhaupt noch gibt. Auf den ersten Blick mögen grüne Flächen auf Satellitenbildern aussehen wie Urwälder. Nähere Analysen ergeben meistens, dass längst Straßen die Gebiete durchkreuzen und dass Menschen beeinflussen, wie und wo diese Wälder wachsen.

Je mehr Aufnahmen er durch seine Programme jagte, desto klarer trat Ellis vor Augen, wie tief greifend der Planet bereits vom Menschen verändert wird. Auf drei Viertel der Landfläche fand er optisch erkennbare Spuren menschlicher Interventionen: Städte, Weiden, Äcker, Industriebrachen, Müllkippen, Forstplantagen, Straßen, Bergbaugebiete, Stauseen. Nur in Hochgebirgen, Wüsten, an den Polen und in einigen Waldgebieten findet sich noch Wildnis, sofern man außer Acht lässt, dass auch dort aus der Luft synthetische Chemikalien und Rußpartikel aus Schornsteinen niedergehen und der vom Menschen verursachte Klimawandel seine Effekte zeigt.

Ellis sieht Ähnlichkeiten zwischen der Erde und seinem Ding vom Strand. Eine "Gebraucht-Erde" sei am Entstehen, ein Gebilde aus zweiter Hand. "Es ist veraltet, die Erde als natürliches Ökosystem zu sehen, das von Menschen gestört wird", sagt er, "vielmehr ist die Erde bereits ein Humansystem mit eingebetteten natürlichen Ökosystemen geworden."

Sehnsucht nach Natur

Je weniger Natur es gibt, desto größer wird die Sehnsucht nach ihr. "Natur" ist heute ein allgegenwärtiges Marketingtool vor allem der Lebensmittel- und Tourismusbranche. Wir essen "Naturjoghurt", trinken "100 Prozent natürliches" Mineralwasser, werden mit Fotos angeblich "unberührter Natur" in Urlaubsgebiete gelockt. Natur steht für Reinheit und Schönheit, für Gleichgewicht und Harmonie. Natur, das sind endlose Regenwälder, bunte Korallenriffe, weite Savannen, geheimnisvolle Höhlen – möglichst ohne Personen im Bild. Natur ist all das, was nicht vom Menschen beeinflusst ist, was ganz von selbst wächst und vergeht. Vor allen Dingen ist Natur gut.

Unser Verhältnis zur Natur hat sich in der Geschichte stetig gewandelt. In vielen ursprünglichen Kulturen haben Schamanen die Einheit von Menschen, Tieren und Pflanzen beschworen. Dann trieb die Genesis-Geschichte einen Keil zwischen Mensch und Natur, christliche Religionshüter erhoben zur Doktrin, dass der Mensch über der Natur steht und nur er eng mit Gott verbunden ist. Während der Aufklärung wurde Natur zu einem Mechanismus erklärt, der verstanden und klassifiziert werden kann. Im aufkommenden Industrialismus galt Natur als reine Ressource, die für menschliche Bedürfnisse ausgebeutet werden kann.

"Wo man hinspuckt, keimt es!"

In der Vergangenheit hatte das Wort viel dunklere Bedeutungen als heute. Dem Philosophen René Descartes galt alles Natürliche als primitiver Automat, wertlos im Vergleich zur göttlichen Seele des Menschen. Generationen von Ingenieuren verachteten Natur, weil sie ihnen ekelhaft und unordentlich erschien, wie Max Frischs Homo Faber, der im Regenwald verächtlich ausruft: "Wo man hinspuckt, keimt es!" Ideologen haben Natur politisch missbraucht. Im Nationalsozialismus spielte der Naturbegriff eine zentrale Rolle, um Rassenwahn und Genozid zu rechtfertigen. "Das Wörtchen Natur ist der Liebling des Terrors", schrieb der deutsche Philosoph Günther Anders in den fünfziger Jahren.

Der englische Philosoph und Forscher Robert Boyle hat im 17. Jahrhundert Dutzende verschiedene Bedeutungen von Natur aufgelistet und erörtert, ob man ganz auf den Begriff verzichten sollte, weil er so unklar ist. Heute ist das Wort weitgehend auf eine Bedeutung reduziert: Natur ist eine Sphäre, die am besten getrennt vom Menschen funktioniert. In zahllosen Kontroversen, von der Gentechnik bis zum Klimawandel, geht es darum, die gute Natur vor dem weniger guten Menschen zu schützen – vor dem, der ihre Ruhe stört, der sie aus einem harmonischen Gleichgewicht bringt.

Doch schon in der Vergangenheit stimmte die Idee einer menschenleeren Wildnis oftmals gar nicht. Bei näherem Hinsehen entpuppen sich manche Ikonen des Naturschutzes, wie die Nationalparke in der amerikanischen Prärie, als Artefakte. In ihrem Buch Rambunctious Garden hat die Autorin Emma Marris nachgezeichnet, wie dicht die Steppen Nordamerikas von indigenen Völkern besiedelt waren und von ihnen genutzt wurden, lange bevor die Europäer einfielen. Dann starben Millionen Ureinwohner an den Infektionskrankheiten, die mit der ersten Welle der Eroberer ins Land kamen. Spätere Siedler, die in die entleerten Landschaften vordrangen, wähnten sich in unberührter Natur. Noch später kamen Städter hinterher, die begannen, die vermeintlich einsame Wildnis in philosophischen Abhandlungen und ästhetischen Fotografien zu idealisieren. 

Menschenleer war der Amazonas praktisch nie

Auch der Amazonas, Inbegriff unberührter Natur, war in der Geschichte offenbar deutlich weniger menschenleer als gedacht. Im Boden unter den gerodeten Regenwäldern finden Archäologen uralte Straßennetze und Siedlungen – Spuren vergangener Zivilisationen, die nach ihrem Untergang von Wald überwuchert wurden. Im Mittelmeerraum haben Menschen weit vor der Industrialisierung die Natur tief greifend verändert. Die kargen Landschaften von heute sind mitnichten ein Naturprodukt. Nach der letzten Eiszeit war das Gebiet von Griechenland über Zypern bis tief hinein in den heutigen Irak von mächtigen Wäldern bewachsen. Doch sie wurden sukzessive für Landwirtschaft, Schiffsbau und Metallverarbeitung dezimiert. Viele der Wüsten und Halbwüsten im Nahen Osten sind das Ergebnis jahrhundertelanger Übernutzung.

Anfang 2014 protestierten in Kenia Tausende Mitglieder des Sengwer-Stammes, die vom Jagen und Sammeln leben, dagegen, dass sie aus ihrer Heimat vertrieben werden sollen, um ein Naturschutzgebiet zu schaffen. Sie argumentieren, dass ihr Volk den Wald, um den es geht, seit langer Zeit durch ihre Lebensweise geprägt habe und es auch dort längst keine unberührte Natur mehr gebe.

Selbst das Weltklima haben die Menschen bereits weit vor unserer Zeit beeinflusst. Ende 2013 zeigten Forscher im Journal Nature, dass zwischen 800 vor Christus und 1400 die Konzentration des Treibhausgases Methan in der Atmosphäre um 17 Prozent gestiegen ist, was zu einer leichten Erwärmung beigetragen hat. Die Erklärung für den Anstieg sehen die Wissenschaftler darin, dass im selben Zeitraum in Asien der Reisanbau populär wurde. In den feuchten Reisfeldern entstehen große Mengen des Treibhausgases Methan.

Die früheren Veränderungen sind allerdings nichts im Vergleich zu dem, was heute geschieht. Allein zwischen 2000 und 2012 verschwand eine 1100 mal 1100 Kilometer große Waldfläche. Die CO2-Emissionen erreichten 2013 einen neuen Rekordwert von 36 Milliarden Tonnen, Forscher rechnen mit einer Erderwärmung um mehrere Grad in diesem Jahrhundert. Unsere Siedlungsgebiete wachsen und sollen in wenigen Jahrzehnten zusammengenommen die Größe Australiens einnehmen. Rechnet man die Biomasse aller lebenden Säugetiere überschlagsweise zusammen, entfallen heute 90 Prozent auf den Menschen und seine Nutztiere. In Labors von Biotechnikern entstehen immer neue Lebensformen, von genveränderten Nutzpflanzen bis hin zu Bakterien mit synthetisch erzeugtem Erbgut.

Paul Crutzen und das Anthropozän

Wegen der Fülle von negativen wie auch positiven Veränderungen spricht sich eine wachsende Zahl von Umweltschützern und Wissenschaftlern dafür aus, den Menschen nicht länger getrennt von der Natur zu denken. Es geht darum, anzuerkennen, dass Erdsystem und Mensch durch die vielen Eingriffe auf Gedeih und Verderb miteinander verbunden sind. Der Chemie-Nobelpreisträger Paul J. Crutzen hat den Perspektivenwechsel mit einem neuen Wort auf den Punkt gebracht, das die Umweltdebatte quasi auf den Kopf stellt.

Der gebürtige Niederländer ist ein großer, sprühender Geist in einem kleinen, gebrechlichen Körper. Seinen Nobelpreis hat Crutzen 1995 bekommen, weil er als einer der Ersten in den siebziger und achtziger Jahren die Gefahren erkannt hat, die von synthetischen Chemikalien für die schützende Ozonschicht der Erde ausgehen. Dieser Schock hat ihn dazu gebracht, alle Umweltveränderungen durch den Menschen systematisch zu erfassen. Als er im vergangenen Dezember im Kurfürstlichen Schloss von Mainz seinen 80. Geburtstag feierte, trug er einmal mehr eine lange Liste vor: gigantische Mengen von Stickstoff und Phosphor für die industrielle Landwirtschaft, gewaltige Agrar- und Stadtflächen und Milliarden Nutztiere, Millionen Tonnen Elektroschrott, die Überfischung der Meere.

Hören Sie endlich auf, vom Holozän zu sprechen. Wir sind im Anthropozän!
Paul Crutzen, Nobelpreisträger

All diese Veränderungen fasst er in einem neuen Begriff zusammen, den er im Jahr 2000 bei einer Tagung des Internationalen Geosphären-Biosphären-Programms erfunden hat. Seine Kollegen nannten damals in den Debatten immer und immer wieder als aktuelle geologische Erdepoche das Holozän, dessen Beginn vor 11.700 Jahren mit dem Ende der letzten Eiszeit angesetzt wird. Crutzen rutschte ungeduldig auf seinem Stuhl hin und her, bis ihm der Kragen platzte. "Hören Sie endlich auf, vom Holozän zu sprechen", rief er einem Redner zu, "wir sind nicht mehr im Holozän. Wir sind im ..., im ..., im ... Anthropozän!"

Im Saal wurde es still. Denn Crutzen hatte mit einem einzigen Wort die mentale Barriere zwischen Kultur und Natur abgeschafft: Die Menschheit kratzt nicht nur an der Oberfläche der Natur, sondern verändert sie tief greifend, global und langfristig – so sehr, dass sich das zu einer geologischen "Erdepoche des Menschen" summiert. Natur – das ist in Zukunft vor allem Menschenwerk. "Der Planet wird nie wieder derselbe sein", sagt Erle Ellis.

Die Idee vom Anthropozän gewinnt an Zulauf

Crutzens Idee breitet sich seitdem weltweit aus. Viele Wissenschaftler nutzen das Wort "Anthropozän" in ihren Veröffentlichungen bereits so, als wäre es die offizielle Bezeichnung unserer Zeit. Ob das Anthropozän künftig in Geologie- und Schulbüchern stehen wird, wird die Internationale Kommission für Stratigraphie entscheiden. Deren Aufgabe ist es, die Erdgeschichte in sinnvolle Zeitabschnitte zu unterteilen. Die Organisation lässt Crutzens Vorstoß bis 2016 prüfen. Geologen wie Charles H. Langmuir von der Harvard University und Wally Broecker von der Columbia University unterstützen das Vorhaben. "Der Aufstieg der menschlichen Zivilisation verändert die Geschichte des Planeten grundlegend", schreiben sie, "zum ersten Mal dominiert eine einzelne Spezies die gesamte Oberfläche, sitzt an der Spitze aller Nahrungsketten an Land wie im Meer und hat einen Großteil der Biosphäre für ihre eigenen Zwecke unter Kontrolle."

Der Mensch ist kein Eindringling mehr

Crutzen und seinen Mitstreitern geht es nicht darum, einfach nur den Status quo mit einem schicken neuen Wort zu schmücken, das den neuen Realitäten eine Art wissenschaftliche Legitimation verleiht. Der Chemie-Nobelpreisträger will nicht denen, die Lebensräume zerstören und das Klima verändern, das schlechte Gewissen nehmen. Im Gegenteil, er geißelt kurzsichtiges Wirtschaften und fordert: "Wir müssen dringend zu Hütern und Bewahrern des Erdsystems heranreifen." Den Schlüssel dazu sieht er eben darin, den Menschen nicht mehr als eine von außen kommende Kraft zu sehen, sondern als integralen Bestandteil der Natur.

Die Idee vom Anthropozän fasst die zahllosen rasanten Veränderungen auf der Erde – vom Plastikplankton bis zum Weltklimawandel – zusammen und verändert den Blick auf die Natur, die dabei entsteht. In dieser neuen Welt gibt es kein Innen und kein Außen mehr. Menschen sind keine von außen kommende Kraft, die ein natürliches System stören. Gerade wegen unserer vielen Eingriffe in die Umwelt sind wir Akteur und Teil des Erdsystems. Was wir früher Natur nannten, wird zur grünen Infrastruktur und letztlich zum grünen Sicherheitssystem der menschlichen Zivilisation. Auf einem urbanisierten Planeten ist der Amazonas so etwas wie der Central Park der Erde. Wildtiere wie Orang-Utans und Tiger bekommen den Status von Haustieren, weil sie in ihrem Überleben auf unser Management angewiesen sind. Moore und Regenwälder sind in dieser Sichtweise CO2-Speicher, polare Gebiete Klimaanlagen, Gletscher Süßwasserspeicher, Mangrovenwälder und Korallenriffe bilden die Infrastruktur des Küstenschutzes.

Zugleich wird das, was wir früher Kultur nannten, zum Bestandteil der Biosphäre. In dieser Logik sind nicht nur Äcker, sondern auch unsere vielen Siedlungen und Städte eigene Ökosysteme, die in Zukunft wie Regenwälder oder Moore als neue Art von Natur funktionieren müssen. Unsere Maschinen und ihre Produkte sind in dieser Perspektive Bewohner der Erde, die sich irgendwie in deren Stoffwechsel einfügen, also komplett wiederverwertbar werden müssen.

Natur und Kultur, Lebewesen und technische Objekte, Gewordenes und Erdachtes bilden im Anthropozän neuartige Hybride. So wie Erle Ellis’ Fundstück vom Strand zugleich Altmetall und Neunatur ist, verschwimmen auch in der Tierwelt die Grenzen. Der australische Leiervogel hat in seinen Balzgesängen immer andere Vogelarten imitiert. Seit er sein Habitat mit Menschen teilt, sind Handygeräusche, Kameraklicken und sogar das Rasseln von Motorsägen Teil seines Sound-Repertoires geworden. Auf YouTube gibt es exzentrische Beispiele dieser Entwicklung: Elche, die sich auf Trampolins vergnügen; ein Rabe, der immer und immer wieder auf einem Plastikdeckel ein Dach hinabsurft; ein Adler, der Parkrangern die Videokamera klaut und einen "Selfie" dreht.

Besiedelte Gebiete sind mitunter sogar artenreicher

Die Welt entfernt sich von den Idealen jener Umweltschützer, die von menschenleeren Räumen träumen, in denen Tiere und Pflanzen so leben wie vor einigen Tausend Jahren. Die letzten Reste unberührter Natur verschwinden jedoch, wenn in Zukunft selbst Pflanzen, die mitten in entlegenen Regenwaldgebieten wachsen, sich bei der Photosynthese aus Kohlenstoffatomen bilden werden, die zuvor durch Auspuffe und Schornsteine gewandert und über die Luft in alle Weltgegenden verteilt worden sind. Was uns in Zukunft bleiben wird, ist berührte Natur. Dieser Wandel kann nostalgisch machen und verstärkt den Drang, die letzten Wildnisgebiete zu erhalten. Doch zugleich steckt in der Anthropozän-Idee auch ein neuer ethischer Imperativ. Als "Ära der Verantwortung" haben die Umweltberater der Bundesregierung die neue Erdepoche bezeichnet. Crutzen selbst sieht es als unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, "dass die Umwelt, in der meine Enkel leben werden, in einem besseren Zustand sein wird als die Umwelt heute". Dafür reicht es nicht, Natur in Reservate zu packen und einen Zaun darumzuziehen. Im Anthropozän muss letztlich der ganze Planet zu einem vielfältigen und dynamisch wachsenden Biosphärenreservat werden, Landwirtschaftsflächen, Nutzwälder, Städte und Industriegebiete eingeschlossen.

Ermutigend ist, dass besiedelte Gebiete sogar artenreicher sein können als menschenleere. So haben Wissenschaftler etwa in Nepal festgestellt, dass die Tigerpopulationen ausgerechnet dort wuchsen, wo die Zahl der Menschen am stärksten zugenommen hatte. Und in Australien beobachteten Forscher in einem Gebiet, das Aborigines verlassen hatten, einen krassen Rückgang von seltenen Arten. Ohne Menschen blieben die Buschbrände aus, an die sich diese Arten angepasst hatten.

Aus Industriebrachen werden Biotope

Im Anthropozän sind auch Städte kein Gegensatz mehr zur Natur. Ein gutes Beispiel dafür ist Berlin. In der Hauptstadt pfeifen Mauersegler durch die Straßen, für die hohe Gebäude dieselbe Heimat bieten wie die Klippen und Felsabhänge, an denen sie von Natur aus brüten. Gänsesäger überwintern dort, wo die warmen Abwässer von Gewerbegebieten die Flüsse auch im Winter offen halten. Die einst vom Aussterben bedrohten Wanderfalken nutzen den Turm des Rathauses zum Brüten und das Scheinwerferlicht des Fernsehturms am Alexanderplatz zum Jagen. Seltene und als gefährdet eingestufte Arten wie Sumpfohreulen, Neuntöter und Schwarzkehlchen nutzen den früheren Flughafen Tempelhof als Lebensraum. Für viele dieser Vogelarten bietet die Großstadt ein besseres Biotop als das intensivierte Agrar- und Gewerbeland im Umland.

In Berlin wächst Neu-Natur sogar aus den Fäkalien früherer Stadtbewohner. Rund um das Dorf Hobrechtsfelde am Nordrand der Stadt wurden zwischen 1910 und 1960 die Ausscheidungen von Millionen Menschen verteilt. Eine Weile funktionierte das Entsorgungssystem gut, es gelang sogar, auf den menschlichen Dungflächen Gemüse anzubauen und Fische zu züchten. Doch dann landeten zu viele Pharmazeutika, synthetische Waschmittel und Industrieabfälle auf den Rieselfeldern, und Großkläranlagen kamen in Mode. Zurück blieb eine massiv überdüngte Landschaft mit teils bizarrem Aussehen.

Wer nicht weiß, was hier früher passiert ist, steht staunend vor Resten von Betonbecken, rätselhaften Wällen und grellgrüner Vegetation. Nun wird ein Mix an robusten Weidetieren eingesetzt, um die größte Waldweide-Landschaft Europas zu kreieren: Englische Parkrinder, Schottische Hochlandrinder, Uckermärker, Konikponys und Fjordpferde verteilen sich in der 800 Hektar großen Landschaft. Sie verändern Biss für Biss, Tritt für Tritt die Vegetation. Ein lichter Wald soll entstehen, der teilweise wie eine Savanne wirkt. Feuchter, offener, artenreicher soll das Landschaftsbild werden. Allerweltsgräser sollen zurückgehen, seltene Arten wie Hirschkäfer und Braunkehlchen zunehmen. Einen fixen Idealzustand gibt es bei dem staatlich geförderten Projekt nicht. "Es funktioniert nach dem Prinzip Versuch, Irrtum, Umdenken", sagt Projektleiter Andreas Schulze.

Ähnlich experimentierfreudig geht es auf den früheren Truppenübungsplätzen Jüterbog-West und Döberitzer Heide zu. Die Gebiete sind in den vergangenen zwei Jahrhunderten von den Armeen Preußens, des Deutschen Reichs und der Sowjetunion genutzt worden. Seit dem Fall der Berliner Mauer und dem darauffolgenden Abzug der russischen Truppen liegen sie brach. Es zeigte sich, dass die geballte Gewalt von Panzern, Truppen und Geschützfeuer etwas Erstaunliches geleistet hatte. Unter der zeitgenössischen brandenburgischen Landschaft trat eine andere, ältere Landschaft hervor, eine offene Sandlandschaft, wie sie wohl nach der letzten Eiszeit typisch war, mit weiten Sandflächen und Dünen, weit entfernt vom Meer, ganz so, wie man dies auch aus der Sahara kennt.

Überleben nur noch Tiere, die sich dem Mensch anpassen?

Die Landschaften sind mit militärischen Hinterlassenschaften gespickt, mit Bunkern, Schutt und Altmetall. Dieser Lebensraum zieht viele Tier- und Pflanzenarten an, die anderswo selten geworden sind, von der Dünenspringspinne bis zum Ziegenmelker. Damit die offenen Flächen nicht zuwachsen, hat die Heinz-Sielmann-Stiftung in der Döberitzer Heide mongolische Przewalski-Pferde und Wisente ausgesetzt. Sie sollen aufkommende Sträucher fressen und so die Sandflächen offen halten. In Jüterbog-West erhalten Tierarten, die in der Agrarlandschaft selten geworden sind, technische Hilfe: Für den Wiedehopf, einen orange-weiß-schwarzen Vogel mit einem ausgeprägten Schopf, werden künstliche Brutröhren installiert. Viele der alten Bunker haben Naturschützer als Fledermausquartiere optimiert. In der Landschaft verteilt liegen alte Metallplatten, unter deren Extrahitze sich die Schlingnatter gerne aufhält.

Wo wird das alles hinführen? Wird es auf der Erde künftig nur noch Arten geben, die sich menschlichen Lebensräumen anpassen können oder die wie Nutztiere direkt menschlichen Bedürfnissen dienen? Die Gefahr besteht, und Wissenschaftler warnen bereits davor, dass die sechste große Aussterbewelle im Gange ist. Doch je mehr Arten schwinden, desto deutlicher wird werden, dass von Bodenbakterien bis zu großen Fischen im Meer das ganze Spektrum von Biodiversität nötig ist, um die Erde für Menschen dauerhaft bewohnbar zu halten. In der Erdepoche des Menschen werden wir entdecken, wie sehr wir auf die Millionen anderen Arten angewiesen sind, mit denen wir den Planeten teilen.

Deshalb spielen nun auch Ingenieure und Biotechniker eine wichtige Rolle dabei, Technologien in den Dienst an der neuen Natur zu stellen. Zuchtprogramme in Zoos und Botanischen Gärten sind für viele Arten bereits heute die letzte Rettung. Tiere wie das Przewalski-Pferd, die Kihansi-Kröte oder das Arabische Oryx gibt es heute nur deshalb wieder im Freien, weil sie zuvor in menschlicher Obhut gewesen und von Tierärzten und Biologen behandelt worden sind. Pflanzensamen werden in gigantischen Sammlungen wie dem "Svalbard Global Seed Vault" für eine ferne Zukunft verwahrt und stehen später zur Verfügung, um die Arten wieder in die Umwelt zu entlassen oder zu menschlichen Zwecken zu nutzen. Eine eigene Disziplin von Biologen, die Restorations-Ökologen, kümmert sich darum, geschädigte und verarmte Habitate durch gezielte Eingriffe in einen ursprünglicheren Zustand zurückzuführen und zu neuem Leben zu erwecken. Gentechniker setzen nicht nur immer neue Lebensformen frei, sondern erkunden auch, ob sich längst ausgestorbene Arten wie das Mammut durch Klontechnik wiederauferwecken lassen. Seltene Tiere werden inzwischen mit einem dichten Netz von Kameras, Sensoren und Peilsendern überwacht, um Schutzmaßnahmen optimieren zu können. Zunehmend kommen im Naturschutz auch Drohnen zum Einsatz, etwa um illegale Holzfäller aufzuspüren oder seltene Tiere zu entdecken. Viele Entscheidungen über ökologische Fragen werden bereits heute vom Netz der optischen Sensoren im Weltall beeinflusst, die mit wachsender Auflösung ein Echtzeitbild unseres Planeten, seiner Vegetation, Chemikalien, Meeresströmungen und Verwerfungen erzeugen.

Nester aus Kippenresten

Unberührte Natur erweist sich im 21. Jahrhundert als Illusion. Doch die neue Natur, zu der Menschen, Tiere, Pflanzen und Technologien verschmelzen, ist ebenso voller Überraschungen und Abenteuer wie die klassische Natur. Bisher lagen die meisten Ökoforschungsstationen in den relativ kleinen letzten Wildnisgebieten. Biologen haben menschlich veränderte Phänomene eher gescheut. Nun entdecken sie Aufregendes: Vögel in Mexiko-Stadt nutzen Zigarettenstummel zum Nestbau, und das Nikotin vertreibt sogar Milben und andere Parasiten. In Japan klauben Raben Alukleiderbügel von Balkonen und bauen daraus Nistplätze. In New York wurde eine neue Froschart gefunden. Und an amerikanischen Straßen konnten Biologen der Evolution zusehen: Bei Klippenschwalben verkürzen sich die Flügel, seit sie begonnen haben, an Straßenbrücken zu nisten – Vögel mit kürzeren Flügeln können Autos besser ausweichen und überleben daher eher bis zur Fortpflanzung.

Ökologie und Ökonomie werden eins

Wissenschaftler wie Erle Ellis versuchen nun das zu leisten, was Alexander von Humboldt vor 200 Jahren mit den Naturlandschaften getan hat: Der Geograf entwickelt eine Systematik der unnatürlichen Vegetation der Erde. Die zentrale Rolle spielen darin nicht mehr "Biome", wie Forscher bisher Lebensräume nennen, sondern "Anthrome", Menschenräume. "Die Zukunft der Erde wird nicht mehr von angeblichen Grenzen der Natur abhängen, sondern von dem, was Menschen ersinnen und gemeinsam leisten können", sagt Ellis.

Ist das Anthropozän eine Art Freifahrtschein, die Zerstörungen von heute einfach fortzusetzen? Wohl kaum. Diese Zerstörungen können vielmehr passieren, weil die Menschheit bisher die Natur konsequent als das fremde Gegenüber ausgeblendet hat. Lebendiger Regenwald taucht in keiner Unternehmensbilanz auf, erst wenn Holz entsteht oder auf Rodungsflächen Palmöl angebaut wird, entsteht ökonomischer "Wert". UN-Klimakonferenzen und Unternehmen, die sich am nachhaltigen Wirtschaften versuchen, stecken derzeit in der Sackgasse, weil Umweltschutz als ökonomische Last gilt. "Es gibt ein falsches Verständnis von der Natur des Wertes und ein falsches Verständnis vom Wert der Natur", sagt Pavan Sukhdev, der früher Manager bei der Deutschen Bank war und seit 2008 dafür eintritt, die Grundprinzipien der Ökonomie radikal zu verändern. Für ihn sind Ökologie und Ökonomie im Anthropozän eins – und deshalb darf es nicht länger möglich sein, das Naturkapital der Erde zu ignorieren und zu verschleudern.

Die letzten Reste echter Wildnis sind im Anthropozän besonders schützenswert. Die Natur der Zukunft zu gestalten ist aber eine viel größere Aufgabe. Da geht es um vielfältige Landwirtschaft, um artenreiche Städte, um vollständig wiederverwertbare Elektrogeräte und vieles mehr. Selbst wenn der Plan der UN gelingt, bis zum Jahr 2020 17 Prozent der Landfläche und 10 Prozent der Meeresfläche unter effektiven Schutz zu stellen, wartet Größeres: dafür zu sorgen, dass auf 83 Prozent der Landfläche und 90 Prozent der Meeresfläche Nahrung, Produkte und Wohnraum so entstehen, dass sie nicht wie bisher zu Unmengen giftigen Abfalls sowie verarmten Landschaften und Meeresgebieten führen. Wenn dieser Wandel nicht gelingt, könnte das Anthropozän sehr kurz ausfallen.