Was ist das überhaupt: die Energiewende? Und wann soll diese Wende geschafft sein?

Den Wohlstand von heute verdanken Industrienationen wie Deutschland vor allem zwei Energieträgern: Kohle und Öl. Sie sind leicht zu transportieren und können Energie dort liefern, wo sie gebraucht wird – im Auto, in der Fabrik, in der Stadt. In den 1970er Jahren wurde dann klar, dass dieses Energiewunder des 20. Jahrhunderts Haken hat. Die Ölvorräte sind endlich, und Kohlekraft verursacht einen enormen CO2-Ausstoß, der den Treibhauseffekt verstärkt. Einer der Ersten, die daraufhin umdachten, war der amerikanische Umweltforscher Amory Lovins. Er skizzierte 1980 eine Zukunft, die auf sauberen, erneuerbaren Energien aufbaut. Die deutsche Ausgabe seines Reports trug den Titel Energie-Wende – und die Wende startete dann 2001 mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) der rot-grünen Koalition durch: Das EEG förderte den Ausbau von Wind-, Solar- und Bioenergie. Der zweite Schub kam nach der Katastrophe im Atomkraftwerk Fukushima 2011: Beschlossen wurden der Atomausstieg bis 2022 und der Umbau des Energiesystems auf mindestens 85 Prozent erneuerbare Energien bis 2050. Die Energiewende ist ein Jahrhundertprojekt.

Brauchen wir neue Stromleitungen?

Eines der größten Probleme der Energiewende ist, dass der Wind nicht da weht, wo die Industrie produziert. Die meisten Windparks stehen in Norddeutschland, die Industrie hat hingegen ihre großen Fabriken im Süden. Wenn in den kommenden Jahren Atom- und Kohlekraftwerke vom Netz gehen sollen, muss der Windstrom aus dem Norden nach Süden geleitet werden. Die Stromleitungen hierfür fehlen aber noch. Die Bundesnetzagentur hat deshalb Ende 2012 einen genauen Plan vorgelegt, der aufzeigt, wo überall neue Trassen gebaut werden müssen. Insgesamt sind 2.650 Kilometer neuer Leitungen nötig, davon 1855 Kilometer möglichst rasch. Bislang sind jedoch erst 268 Kilometer der neuen Stromautobahnen fertig – und 2013 ist kein einziger neuer Kilometer hinzugekommen, wie die Bundesnetzagentur bemängelt. Sie schätzt nun, dass 2016 erst die Hälfte des Netzausbaus geschafft sein wird. Zudem protestieren immer wieder Bürger dagegen, dass Leitungen durch ihre Gemeinden gelegt werden sollen.

Macht die Energiewende meinen Strom teurer?

Die Energiewende gibt es nicht zum Nulltarif. Damit die erneuerbaren Energien vorankommen, erhalten Betreiber von Windparks und Solaranlagen einen festen Preis für den Strom, den sie produzieren. Der ist deutlich höher als bei Kohle- oder Atomstrom. Die Differenz wird mit der sogenannten EEG-Umlage von allen Stromverbrauchern bezahlt. Für private Haushalte liegt sie derzeit bei 6,24 Cent pro Kilowattstunde – das macht 2014 für einen Drei-Personen-Haushalt rund 220 Euro. Der größte Batzen des Gesamtpreises stammt aus Erzeugung und Transport des Stroms. Er hat sich seit 2001 fast verdoppelt und betrug im vergangenen Jahr – einschließlich Mehrwertsteuer – zwei Drittel des Strompreises, die EEG-Umlage nur gut 18 Prozent.

Welche Rolle spielen eigentlich die Energiekonzerne?

Die großen vier – Vattenfall, E.on, EnBW und RWE – gelten Umweltverbänden und -bewegten als Feinde der Energiewende. Tatsächlich hätten die Konzerne den Atomausstieg gern verhindert, weil der Strom aus der Kernspaltung seit je ein gutes Geschäft ist. Nun stehen sie vor der Aufgabe, die Grundversorgung mit Strom auch ohne Atommeiler sicherzustellen – und bauen dafür neue Kohlekraftwerke. Die Stromproduktion aus Braunkohle hat dadurch fast wieder den Stand zur Zeit der Wiedervereinigung erreicht: Waren es 1990 in Ost und West 171 Milliarden Kilowattstunden, sind es 2013 immerhin 162 Milliarden Kilowattstunden gewesen. Der Grund: CO2-Zertifikate im europäischen Emissionshandelssystem sind mit vier bis fünf Euro pro Tonne überaus billig, Kohlestrom rechnet sich also.

Entstehen durch die Energiewende neue Jobs?

Dank des Erneuerbare-Energien-Gesetzes ist aus den Nischentechnologien von einst ein beachtlicher Wirtschaftszweig entstanden: 2012 waren knapp 380.000 Menschen mit der Erzeugung erneuerbarer Energien beschäftigt. Das ist ungefähr die Hälfte der Jobs in der Autoindustrie. Seit zwei Jahren schwächelt das grüne Jobwunder allerdings, weil die ersten Windrad- und Solarzellenhersteller vor der internationalen Konkurrenz in die Knie gehen. Die Energiewende verursacht aber auch einen Strukturwandel, bei dem Jobs in der Atom- und Kohleenergiebranche verloren gehen werden.

Ist der massive Ausbau der Solarenergie in Deutschland sinnvoll?

Was in diesem nicht gerade sonnenverwöhnten Land niemand für möglich gehalten hätte, ist eingetreten: Deutschland erlebt seit vier Jahren einen Solarboom. Die installierte Leistung aller Solaranlagen ist mit aktuell 35,7 Gigawatt größer als die aller anderen Kraftwerkstypen. Die Strommenge, die aus den Modulen kommt, beträgt immerhin ein Viertel der Menge des jährlich produzierten Atomstroms. Leider wird er vor allem in der Mitte des Tages ins Netz eingespeist. Dort verdrängt er Strom aus Gaskraftwerken, die eigentlich dazu gedacht sind, einen kurzfristig besonders hohen Strombedarf mit abzusichern. Die großen Energieerzeuger fahren viele Gaskraftwerke, die deutlich weniger CO2 ausstoßen als Kohlekraftwerke, gar nicht erst hoch, weil sich so der Betrieb für sie nicht rechnet. Die derzeit billigeren Kohlekraftwerke hingegen laufen weiter. Der Solarboom würde erst dann helfen, wenn Sonnenstrom zwischengespeichert werden könnte.