Wir stoßen gegen ein Glas. Langsam, ganz langsam beginnt es zu kippen. Noch könnten wir danach greifen, doch unser Arm ist wie erstarrt. Kurz scheint das Glas für immer in der Schräge zu verharren, dann beschleunigt sich sein Sturz. Nichts mehr zu machen. Ohje. Ein Fuß verliert auf Glatteis seinen Halt, der andere folgt. Als es unseren Blick zu den Dächern reißt, bleibt die Welt für einen Gedanken stehen: Hoffentlich breche ich mir nichts, ohje. Ein Ball fliegt auf uns zu. Schnell ausweichen, den Kopf schnell nach links! Oder nach rechts! Ohje. Bump.

Jeder kennt sie, die "Ohje-ohje-Phase": wenn das Kind gerade in den Brunnen fällt, wenn wir wissen, dass der Aufschlag unvermeidlich ist und wir nichts mehr retten können. Dann reagiert unser Körper, als stünde ein Säbelzahntiger vor ihm. Augenblicklich beginnt unser Herz zu rasen, wir atmen schneller, unser Blutdruck steigt, die Hände werden feucht, unser Körper wird überschwemmt mit Adrenalin und Cortisol. Unser Körper schreit innerlich auf. Die "Ohje-ohje-Phase" ist eine intensive Zeit, auch für unsere Wahrnehmung.

"Mit einer Truppe guter Berggänger stiegen wir zur Seealp hinab. Da brachte mich eine Bewegung zu Fall. Ich fuhr auf dem Rücken nach unten über den Fels und flog schließlich noch 20 Meter weit durch die Luft. Während dem Fall stellte sich die Gedankenfluth ein", schreibt der Geologe Albert Heim 1892, "was ich in den fünf bis zehn Sekunden gedacht habe, lässt sich in zehn Mal mehr Minuten nicht erzählen." Es ist das erste bekannte schriftliche Zeugnis einer "Ohje-ohje-Phase". Wenn sich die Zeit dehnt wie im Film Matrix, sehen wir jede kleinste Bewegung, hören das leiseste Geräusch, unser Gehirn geht in den Overdrive – "objectives Beobachten, Denken und subjectives Fühlen gingen gleichzeitig nebeneinander vor sich", schreibt Albert Heim.

Dehnt sich die Zeit wirklich oder nur im Rückblick?

Warum ist das so? Die Wissenschaft hat zwei Theorien. Im einen Fall gehen die Forscher davon aus, dass sich unsere Wahrnehmung in der "Ohje-ohje-Phase" extrem beschleunigt, und je schneller wir innerlich werden, desto langsamer erscheint uns die Welt um uns herum. Ein Pilot aus dem Vietnamkrieg erinnert sich daran, wie er plötzlich an Höhe verlor und ihm "in drei Sekunden mehr als ein Dutzend Dinge eingefallen sind, die ich tun konnte, um das Flugzeug abzufangen". Die zweite Theorie der Forscher: Wir bilden uns die Zeitdehnung nur ein – und zwar im Nachhinein. Wenn ein Studienteilnehmer beschreibt, wie er fast von einem Zug überfahren wurde – "Als die Bahn an mir vorbeiraste, sah ich das Gesicht des Fahrers wie in Zeitlupe" –, dann hat sein Gehirn gemäß dieser Theorie in diesen Sekunden lediglich mehr Erinnerungen angelegt als in einer unbedrohlichen, nicht überraschenden Situation. Das lässt ihn glauben, dass sich die Zeit gedehnt hätte.

Die "Ohje-ohje-Phase" ist oft eine Extremsituation, und manchmal ist sie nur so lang wie die Zeit, die ein hart getretener Fußball braucht, um elf Meter weit zu fliegen und dann an den Innenpfosten zu prallen, wie es Bastian Schweinsteiger im Champions-League-Finale 2012 passiert ist. Sie beginnt im Augenblick der Erkenntnis, dass gerade etwas gehörig schiefgeht, im Moment des Schusses. Sie nimmt genau in dem Moment ihren Anfang, wenn wir sie bemerken: Das Wasser der Dusche ist brühend heiß! Im Bus sind Kontrolleure! Die Nudel mit Tomatensoße fällt auf mein weißes Hemd! Wenn eine Comicfigur über den Abgrund rennt und in der Luft stehen bleibt, ist noch nichts passiert. Erst wenn sie die Tiefe unter sich bemerkt, folgt unweigerlich das Ohje.

In diesem Moment der Erkenntnis greift unser Körper auf alte Mechanismen zurück und wägt ab: kämpfen oder fliehen? Hektisch die Nudel auffangen: ob das noch was bringt? Langsam zur Bustür gehen und auf einen schnellen Stopp hoffen: Könnte das klappen? Was richtig ist, ist selten schnell und eindeutig entscheidbar, und das kann zu irrationalem Verhalten führen. Manche kratzen sich dann an der Nase – oder sie sehen nach heftigem Herumgefuchtel die Nudel auf dem Hemd des Sitznachbarn landen, was eine zweite "Ohje-ohje-Phase" auslöst. Nur rund zehn Prozent der Menschen in Extremsituationen reagieren angemessen, haben Psychologen herausgefunden, weitere zehn Prozent schaden sich selbst – und drei Viertel sind erst einmal fassungslos und verwirrt.

Denn das ist die dritte Möglichkeit, die uns zur Verfügung steht: lähmendes Entsetzen. Erst einmal gar nichts tun. Darauf warten, dass man ausgerutscht oder der Ball im Gesicht gelandet ist. Oder mit schlimmsten Folgen – und jetzt wird es ernst: Beim Brand in der Londoner U-Bahn im Jahr 1987 liefen viele Pendler weiter in die Station – obwohl ihnen brennende Menschen entgegenkamen. Als die Estonia 1994 sank, reagierten die Passagiere nicht, sie standen einfach nur herum. Nachdem das erste Flugzeug ins World Trade Center eingeschlagen war, fuhren viele derjenigen, die in den Türmen waren, erst einmal ihren PC herunter oder suchten minutenlang ihre Autoschlüssel, bevor sie begannen, sich in Sicherheit zu bringen. Diese Verhaltensweisen basieren nicht nur darauf, dass wir uns der Realität verweigern; das Sich-tot-Stellen ist eine alte, automatische Reaktion. Wir versteinern manchmal sogar angesichts von Dingen, die lebensbedrohlich sein könnten: Ohje, eine Schlange! Uff, nur ein Ast. In der Frühzeit hat das manchmal geholfen, wenn eigentlich gar nichts mehr half.