Die Woche war anstrengend gewesen. Und morgen, am Sonntag, würden beide schon wieder arbeiten müssen: Daniel als Gärtner, Andrea bei ihrem Zweitjob in der Tankstelle. Deshalb hatten die beiden Lust auf einen ruhigen Abend, an jenem Samstag vor dreieinhalb Jahren, erinnert sich Andrea Rühmann. Im Fernsehen gab es Wetten, dass..? . Sie machten es sich auf dem Sofa bequem, Snacks und Getränke standen bereit. Es sollte für lange Zeit der letzte Abend gewesen sein, den das Paar zu zweit verbrachte.

Schon bald verging Andrea der Spaß an den Gags von Thomas Gottschalk. "Selber schuld", dachte die damals 22-Jährige zunächst: Wer so viele Gummibärchen futtere wie sie, müsse sich über Bauchschmerzen nicht wundern. Die Schmerzen wurden aber immer heftiger. Als sie auch später im Bett nicht aufhörte zu wimmern, machte sich ihr Freund Daniel Sorgen. Womöglich ist es der Blinddarm, dachte er. Und bestellte schließlich einen Krankenwagen.

Wie sich herausstellen sollte, war der Blinddarm jedoch völlig in Ordnung. Tatsächlich waren es starke Wehen, die Andrea quälten. Sie bekam ein Kind. Nur hatte sie neun Monate lang überhaupt nicht bemerkt, dass sie schwanger war.

Das klingt erstaunlich und ist schwer zu glauben, sind doch die Anzeichen einer Schwangerschaft eigentlich unübersehbar. Kann eine Frau so etwas ignorieren? Kann ihr wirklich entgehen, dass in ihrem Körper ein Kind heranwächst? Ja, lautet die Antwort von Fachärzten. Andrea Rühmann ist bei Weitem kein Einzelfall. Knapp 270 Frauen pro Jahr werden in Deutschland von der Geburt völlig überrascht – und halten urplötzlich ein Kind im Arm. Sogar Ärzte übersehen manchmal eine Schwangerschaft.

Wahrscheinlicher als Drillinge

"Dass eine Frau erst bei der Geburt von ihrer Schwangerschaft erfährt, kommt dreimal so häufig vor wie eine Drillingsgeburt", sagt der Berliner Gynäkologe Jens Wessel. Für seine Habilitation erstellte er die weltweit umfassendste Studie zu dem Thema, in die sämtliche Berliner Geburtskliniken einbezogen waren. Anhand der Mutterpässe erfassten 19 Krankenhäuser und weitere Einrichtungen, etwa Geburtshäuser und Arztpraxen, ein Jahr lang alle Fälle in der Stadt, bei denen die Schwangerschaft erst ab der 20. Woche medizinisch festgestellt worden war – oder sogar erst bei der Geburt.

Die betroffenen Frauen wurden von Wessel ausführlich befragt und untersucht. 65 von ihnen waren nicht frühzeitig zum Frauenarzt gegangen, weil sie monatelang gar nicht gemerkt hatten, dass sie schwanger waren. Und zwölf davon hatten sogar bis zur Geburt nie den Gedanken gehabt, dass sie ein Kind erwarteten, darunter eine Mutter von Zwillingen, die in der 39. Woche überraschend geboren wurden.

Als Andrea und Daniel am 31. Oktober 2010 um zwei Uhr früh in der Notfallambulanz des nahe gelegenen Kreiskrankenhauses im niedersächsischen Peine eintrafen, wurden sie sofort zum Hausärztlichen Notdienst weitergeschickt. Dort fragte der Arzt die junge Frau, die sich vor Schmerzen krümmte, ob sie schwanger sei. "Nein", sagte Andrea in gutem Glauben. Der Mediziner tastete zwar ihren Bauch ab, doch der erschien ihm ganz weich. So schloss er auf einen Hexenschuss, sie bekam eine Spritze. Der Arzt gab ihr Novalgin-Tropfen mit und schickte sie nach Hause. Die Schmerzen hörten aber nicht auf.

Offenbar erkennen sogar Ärzte manchmal nicht, dass sie eine hochschwangere Patientin vor sich haben. Darauf deutet auch die Studie von Jens Wessel hin. Neben vielen anderen Beispielen schildert er den Extremfall einer 33-Jährigen, die im siebten Monat auf den Gedanken kam, dass sie womöglich schwanger sei. Doch der Gynäkologe, den sie konsultierte, habe auf eine Unterleibsentzündung getippt, berichtete die Frau. Weil sie immer weiter zunahm, sei sie zu einer anderen Frauenärztin gegangen – die ebenfalls nichts festgestellt habe. Der Hausarzt schickte die Patientin schließlich zur Computertomografie, um ein Karzinom auszuschließen. Auch dort sei die Schwangerschaft nicht aufgefallen, man habe lediglich Gallensteine diagnostiziert. Noch am selben Abend brachte die Frau zu Hause ihr Kind zur Welt. Sie war bereits in der 40. Woche.

Unbemerkte Schwangerschaften sind kein Vorlesungsstoff

Der Fall ist schon deshalb schockierend, weil die Frau – wenn auch sehr spät – selbst den Verdacht hegte, ein Kind zu bekommen. Meist schließen die Ärzte das aus, weil die Schwangere es nicht für möglich hält. "Wenn mir eine erwachsene Frau sagt, dass sie nicht schwanger ist, dann glaube ich ihr das", argumentieren manche Mediziner. Auf das Phänomen, dass eine werdende Mutter ihren Zustand nicht wahrnimmt, werden sie im Studium nicht ausreichend vorbereitet.

So war es auch bei Jens Wessel. Als junger Assistenzarzt erlebte er erstmals im Kreißsaal der damaligen Frauenklinik Pulsstraße, die zur Freien Universität Berlin gehörte, einen solchen Fall. Sein großes Erstaunen quittierten die älteren Kollegen mit einem unaufgeregten Achselzucken: So etwas komme eben manchmal vor.