Darreichungsform

Schon lange suchen Menschen nach einem Mittel für ewiges Leben. Falsch! Sie müssen nicht suchen, sie müssen sich bewegen

Man nehme ein Stück Gold und löse es in Flüssigkeit: So einfach liest sich das Rezept für Aurum Potabile, den Goldtrunk der Alchemisten, der von allen Leiden befreit und unsterblich macht. Nur zwei Zutaten braucht es für ein ewiges Leben – und doch ist es bis heute keinem Chemiker, Arzt oder Magier gelungen, das sagenumwobene Lebenselixier zu brauen.

Den Traum haben die Menschen trotzdem noch nicht aufgegeben. Anhänger der Alternativmedizin glauben fest daran, beinahe jedes gesundheitliche Problem mit dem entsprechenden Schüßler-Salz oder der passend potenzierten Globuli-Sorte aus der Welt schaffen zu können. Im Internet kursieren zahllose Erfahrungsberichte von Menschen, die dank Eigenurin, Algenkur oder Detoxpflaster von ihren Hautkrankheiten und sogar Tumoren befreit wurden. In klinischen Tests entpuppen sich solche angeblichen Wundermittel aber meist als Enttäuschung. Unerwünschte Wirkungen haben viele zwar tatsächlich nicht, erwünschte allerdings meist auch nicht.

Eine Arznei, die alle Krankheiten heilt und obendrein das Leben verlängert, existiert nicht. Oder vielleicht doch? Ja, tatsächlich, es gibt da etwas. Ein Mittel, das man als Universalmedizin betrachten könnte. Es kostet nichts, ist frei von künstlichen Zusatzstoffen und wirkt unzähligen Leiden entgegen: die Bewegung.

Anwendungsgebiete

Gegen Herzinfarkte, gegen Osteoporose und sogar gegen Krebs: Welche Wirkungen Sport haben kann

Wie eine hoch dosierte Pille setzt jede körperliche Anstrengung Kaskaden physiologischer Vorgänge in Gang. Das Herz pumpt schneller, die Körpertemperatur steigt, Dutzende von Botenstoffen strömen in Kopf und Glieder. Im Gehirn entstehen neue Nervenbahnen. Krankes Gewebe heilt, neue Zellen wachsen heran, und Erbsubstanz wird repariert. Die Mechanismen, die Sport im Körper lostritt, sind so vielfältig und komplex, dass Mediziner sie bis heute nur zu einem Bruchteil verstanden haben. Auch das breite Spektrum seiner Heilkraft können sie nur erahnen. Eines aber wird ihnen mit jeder neuen Erkenntnis bewusster: Bewegung ist eine hocheffektive Therapie, die gegen weitaus mehr Krankheiten hilft, als sie bisher wussten.

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Lange bekannt ist, dass Sport die Muskulatur kräftigt. Wer sich viel bewegt, ist weniger anfällig für Verspannungen und spannungsbedingte Kopfschmerzen, und er schützt sein Skelett bis ins hohe Alter vor Brüchen. Denn auch die Knochensubstanz profitiert von Sport: Studien zeigen, dass äußere Krafteinwirkungen die Zellen des Knochenmarks anregen, neues Gewebe zu produzieren. Jede Kraft, die ein Muskel erzeugt, wirkt auch auf den Knochen, mit dem er verbunden ist. Dabei verformt sich der Knochen leicht – und das setzt innere Aufbauprozesse in Gang.

Wer regelmäßig trainiert, am besten schon im Kindes- oder Jugendalter, senkt daher sein Risiko für die Alterserkrankung Osteoporose, bei der die Knochen nach und nach an Dichte und Stabilität einbüßen. Der deutsche Dachverband Osteologie und die Weltgesundheitsorganisation haben "körperliche Aktivität" daher in ihre Leitlinien zur Osteoporose-Prävention aufgenommen. Strittig ist noch, wie viel und welche Art von Aktivität am besten ist. "Radfahren oder Schwimmen reichen nicht aus", sagt Dieter Felsenberg, Leiter des Zentrums für Muskel- und Knochenforschung der Charité in Berlin. Er rät dazu, zweimal die Woche intensives Krafttraining zu betreiben. Wer untrainiert ist, sollte mit leichten Hüpfübungen oder Treppensteigen beginnen und sich langsam steigern. "Auch Tanzen ist gut: Tänzer haben in der Regel sehr feste Knochen", sagt der Mediziner.

Gegen Wohlstandskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Leiden, Diabetes mellitus und Bluthochdruck gilt Bewegung ebenfalls längst als probates Mittel – vorbeugend und sogar als eigene Therapieform. Sie hält die Arterien gesund und bewahrt uns so vor Infarkten und Schlaganfällen. Sie kurbelt die Bildung des sogenannten guten HDL-Cholesterins an, das schädliche Blutfette aufnimmt und zur Leber transportiert, wo sie ab- oder umgebaut werden. Zudem senkt Sport langfristig den Blutdruck. Und auch der Zuckerhaushalt lässt sich mit Ausdauertraining so stabil halten, dass körperlich aktive Typ-2-Diabetiker keine Tabletten mehr schlucken müssen.

Der schwedische Sportmediziner Peter Nordström wies jüngst nach, dass die Schutzwirkung der Bewegung über Jahrzehnte anhält. Er und seine Mitarbeiter analysierten den gesundheitlichen Werdegang von knapp 743.500 Männern, die in den siebziger und achtziger Jahren als Teenager für den Wehrdienst in der schwedischen Armee gemustert worden waren. Dabei waren unter anderem die Ausdauer, die Muskelkraft in Knien, Armen und Händen und die Körpermaße der Jugendlichen untersucht worden. Mithilfe späterer Krankenhausdaten konnten die Forscher dann ermitteln, wer von den ehemaligen Rekruten mehr als 30 Jahre später einen Herzinfarkt erlitten hatte. Von den unsportlichen Rekruten, so zeigte sich, wurden später mehr wegen eines Infarktes behandelt als von den sportlich aktiven.