Das nervtötende Zwitschern muss aufhören. Sofort. Und der Kater weiß auch, wie: Er wird sich an den Baum anpirschen, ihn mit einem eleganten Sprung erklimmen und dem Vogel ein für alle Mal den Garaus machen. Perfekter Plan! Also los: Er pirscht, er springt, und er landet – am Baum. Nicht auf dem Baum. Links eine Pfote, rechts eine Pfote, umklammert der Kater den Stamm, als wolle er ihn umarmen. Weiter hoch geht nicht, runter auch nicht, und der Vogel ist weg. Mist! Wenn ihn jetzt die Nachbarskatze so sieht – peinlich!

Peinlich? Ja, aus menschlicher Sicht hat sich der Kater mit seinem missglückten Jagdmanöver gründlich blamiert. Doch ist ihm das bewusst? "Recht gut belegt ist, dass manche Tiere in bestimmten Situationen ähnliche Empfindungen haben wie wir", sagt der Verhaltensbiologe Norbert Sachser von der Universität Münster. Das gelte zumindest für grundlegende Emotionen wie Angst und Freude, die bei Tieren wie bei Menschen auch mit Veränderungen des Herzschlags und der Hormonkonzentration einhergehen.

Peinlichkeit scheint aber mehr zu sein als eine Empfindung. Sie ist auch ein schneller Gedanke, nämlich: "Jetzt haben andere gesehen, dass ich was Blödes gemacht habe." Dieser Gedanke setzt nicht nur Ich-Bewusstsein voraus, das man nur bei manchen Tieren vermutet – einige Affenarten, Delfine, Elefanten und Rabenvögel erkennen sich zum Beispiel im Spiegel –, sondern auch Einfühlungsvermögen. Man muss sich die Gedanken eines Beobachters vorstellen können.

Schimpansen scheinen diese Fähigkeit zu haben. Verhaltensexperimente deuten zumindest darauf hin, dass sie beim Spielen die Perspektive ihrer Mitspieler einnehmen, um deren Absichten und Ziele zu erahnen und ihre eigene Strategie darauf abzustimmen. Sie scheinen sich in den Kopf anderer hineinversetzen zu können. Theoretisch müssten sie also auch mit den Augen eines Beobachters auf sich selbst blicken können. Ob sie das tatsächlich tun und ob sie sich dann auch peinlich finden, bleibt trotzdem Spekulation. Beobachtungen der Affenforscherin Jane Goodall sprechen jedenfalls dafür: Sie erzählt in einem ihrer Aufsätze von einem jungen Schimpansen, der beim Spielen aus einem Bananenbaum gestürzt war. Gleich nachdem er sich wieder aufgerappelt hatte, habe er sich zum Alphatier umgeguckt, schildert Goodall, so als wollte er nachsehen, ob der Ranghöhere sein Missgeschick bemerkt hatte.

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"Ich halte es für wahrscheinlich, dass zumindest soziale Tiere so etwas wie Peinlichkeit kennen", sagt auch der Evolutionsbiologe Marc Bekoff, der mehrere Bücher über Tier-Emotionen geschrieben hat. "Wenn ein Löwe gegen einen Baum läuft und nicht signalisiert, dass es ihm peinlich ist, könnten andere glauben, er habe es absichtlich gemacht und sei verrückt. Dann wird er womöglich vom Rudel verstoßen." Zeigt er aber, dass es ihm peinlich ist, demonstriert er, dass es ein Missgeschick war und er sich sonst "normal", also wie alle anderen, verhält.

Das ist zwar nur eine Theorie, aber plausibel. Auch uns Menschen sind Handlungen peinlich, die gesellschaftliche Normen verletzen. In "peinlich" steckt das Wort "Pein", Schmerz. Wir lernen, dass Normverstöße unangenehme Gefühle nach sich ziehen, und versuchen, sie künftig zu vermeiden. Die Angst vor der Pein erzieht uns zur Konformität mit der Gruppe und schützt uns davor, von ihr verstoßen zu werden. Für unsere Urahnen war die Gruppe lebenswichtig. Peinlichkeit könnte uns also einen evolutionären Vorteil verschafft haben – manchen Tieren vielleicht auch.