Gefahr lauert unter der Erde, unter Küstenlinien und Metropolen. Sie dringt in den Alltag von Millionen ein, verkrustet ihr Leben, macht Zukunft zunichte. Menschen verlieren ihre Heimat, Babys werden krank. Heute führt die Gefahr zu Konflikten, vielleicht gibt es übermorgen Krieg. Die Gefahr ist gut sichtbar, aber kaum bekannt. Sie heißt "Salz".

Wenn die Kleinbauern in dem Küstendorf Bhamia in Bangladesch duschen, trocknen Salzkristalle an ihren Körpern, auf den Wäscheleinen glitzert die frisch gewaschene Kleidung. Viele leiden an Durchfall. Für Trinkwasser müssen sie kilometerweit laufen, Palmen und Reispflanzen sterben. Vor einigen Jahren noch schmeckte das Wasser in Bhamia süß, heute sind Tausende geflohen, weil es dort kein gutes Leben mehr gibt.

"Wir kochen auch (nur) mit Wasser", wirbt das "Restaurant im Wasserwerk" in Hamburg – doch eigentlich ist das Gebäude ein ehemaliges Wasserwerk. Es musste wegen Versalzung geschlossen werden. Nach fast 100 Jahren Betrieb.

Experten nennen die Gefahr "Salzwasserintrusion". Der größte Teil des Wassers auf der Welt ist untrinkbar salzig, nur etwa 2,5 Prozent sind süß. Eigentlich sind Salz- und Süßwasser durch ihre unterschiedliche Dichte voneinander getrennt. An Küsten etwa ist es normal, dass salziges Meerwasser und Süßwasser vom Land aufeinandertreffen. Diese Grenze setzt sich unterirdisch fort, das Grundwasser ist auf natürlichem Wege geschützt – außer das Gleichgewicht wird gestört. Dann vermischen sich Süß und Salzig, und die Vorräte sind für Jahrzehnte oder gar für immer verloren. Das Salz lässt sich kaum noch entfernen. Denn die Entsalzung kostet Unsummen Geld und verbraucht viel Energie – beides ist in vielen Ländern rar.

In Bangladesch, wo rund 155 Millionen Menschen dicht gedrängt leben, steigt seit Jahren der Meeresspiegel und drückt Salzwasser unterirdisch ins Land hinein. Wo die großen Flüsse Brahmaputra und Ganges zusammenfließen und in den Golf von Bengalen münden, sickert bei Überschwemmungen Salzwasser ins Erdreich. Sollte der Meeresspiegel weiter ansteigen, wird Salzwasser ins Inland vordringen, prognostiziert der Klimarat der Vereinten Nationen (IPCC). Dann würde es die Hauptstadt Dhaka erreichen: Millionen Menschen, die trinken, essen, sich waschen und vom Wohlstand der westlichen Industrieländer träumen, die überall Fabriken bauen, um ihren Konsum zu bedienen. Fabriken, die immer mehr Wasser verbrauchen.

Und obwohl bereits seit etwa 20 Jahren an der Salzwasserintrusion geforscht wird, sind selbst grundlegende Daten unsicher. Noch ist nicht einmal geklärt, wie groß der Anteil versalzenen Wassers weltweit bereits ist und wie viele Süßwasservorräte in Gefahr sind. Alle zwei Jahre treffen sich internationale Wasserexperten beim Salt Water Intrusion Meeting (Swim), um ihren Kampf gegen die Versalzung unserer Wasservorräte zu koordinieren und neue Methoden zu kommunizieren. "Swimmer" nennen sie sich – und schlagen seit Jahren Alarm. "Wir tauschen uns über Einzelfälle aus und haben noch gar nicht kapiert, was auf uns zukommt", warnt der Forscher Gualbert Oude Essink, dessen Forschungen in den neuesten Bericht des IPCC eingegangen sind.

Von der Weltöffentlichkeit werden die Swimmer kaum wahrgenommen. Als sich im Sommer 2012 Tausende Wissenschaftler und mehr als 100 Staats- und Regierungschefs in Rio de Janeiro trafen, um wieder einmal viel heiße Luft zu produzieren, trafen sich die Swimmer in Búzios, einem kleinen Dorf am Rande der Millionenstadt. Ohne Fernsehkameras. Ohne Limousinen. Dafür mit neuen Sorgen und der ungebrochenen Hoffnung auf neue Erkenntnisse über die salzige Gefahr. Die Swimmer wissen: Sie müssen forschen, anpacken und helfen – weil kaum jemand die Gefahr kennt. Und weil immer weitere Probleme der Salzwasserintrusion sichtbar werden.

In Ägypten etwa kommen gleich mehrere Faktoren zusammen. Fast alle der mindestens 80 Millionen Ägypter siedeln im fruchtbaren Nildelta, und fast alle leben dort von der Landwirtschaft. Die verbraucht zu viel Nilwasser, und das bricht dem Salzwasser Bahn. Zwar vermischt sich Meerwasser an allen Flussmündungen mit süßem Flusswasser – wird jedoch an den Oberläufen zu viel Wasser entnommen, dringt das Salzwasser immer weiter flussaufwärts vor. In Ägypten staut zudem der Assuan-Damm am Oberlauf Wasser. Was dazu führt, dass immer weniger Sedimente, etwa Sand oder Steine, in das Delta gespült werden. Sedimente füllen die Küsten auf und befestigen sie. Fehlen sie, erodieren die Ufer, und das Land sinkt immer weiter ab. Die Folge: Das durch den Klimawandel stetig steigende Meer kann über- und unterirdisch noch schneller vordringen. Forscher sagen im Nildelta gravierendere Wasserknappheit durch wachsende Salzwasserintrusion bereits in etwa zehn Jahren voraus.

"Der Mensch spielt eine sehr große Rolle bei der Salzwasserintrusion", sagt der Weltklimarat. Wenn aus unterirdischen Reservoirs oder aus Flüssen mehr Wasser abgezapft wird, als sich durch Regen oder Zuflüsse nachbildet, kann sich Salzwasser im Extremfall mit dem Süßwasser komplett vermischen. Durch falsche Bewässerung kann zudem der Salzgehalt im Boden ansteigen: wenn sich Wasser auf der Oberfläche staut, verdunstet und Salze übrig bleiben. Dann versalzen ganze Regionen. Am Indus in Pakistan etwa ist Landwirtschaft auf den Feldern schon heute kaum mehr möglich.