Der erste Kanzler des Deutschen Reiches, Otto von Bismarck, galt als guter Esser. "Ich kann nicht ordentlich Frieden schließen, wenn man mir nicht ordentlich zu essen und zu trinken gibt", soll er einst gesagt haben. Das Frühstück hat der Eiserne Kanzler der Legende nach besonders zelebriert. Sein Tisch soll reich gedeckt gewesen sein: mit Koteletts, Räucherfisch, Wurst, Butter und Eiern. Von Letzteren, so berichtete Bismarcks Leibarzt Ernst Schweninger, soll er an manchen Morgen 16 Stück vertilgt haben.

Das Sprichwort "Iss morgens wie ein Kaiser" hat Bismarck also offenbar beherzigt. Von wem dieses folgenschwere Zitat stammt, ist nur noch schwer nachzuvollziehen. Aber es hält sich beständig. In kaum einer anderen Esskultur genießt das Frühstück einen so hohen Stellenwert wie in der deutschen. Es gilt als die wichtigste Mahlzeit des Tages – eine scheinbar unumstößliche Ernährungsdoktrin. Dramen spielen sich ab, weil Mütter ihre Kinder nicht ohne Frühstück aus dem Haus lassen. Wer morgens nichts esse, schade regelrecht seiner Gesundheit, heißt es. Aber stimmt das wirklich? Und haben Menschen schon immer gefrühstückt?

Paläoanthropologen versuchen, die frühzeitliche Ernährung zu rekonstruieren. Ihre Spurensuche ist kompliziert, was sollte schon von urzeitlichen Speisen übrig geblieben sein? Anhaltspunkte dafür, was unsere Vorfahren aßen, liefern immerhin Überreste ihrer Kauapparate. "Die Vielzahl verschiedener Ausbrüche am Zahnschmelz lässt vermuten, dass vor drei bis vier Millionen Jahren vielfältiger gegessen wurde als heute", sagt der Paläoanthropologe Ottmar Kullmer von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung. Während Nüsse – das "Getreide der Steinzeit" – und Rinden große Ausbrüche an Zähnen verursachten, hinterließen Blätter, Gräser und andere Pflanzen nur kleine Kratzer.

Die wichtigste Mahlzeit des Tages? Quatsch!

Was der Urmensch gegessen hat, lässt sich also einigermaßen rekonstruieren. Aber ob er gefrühstückt hat, ist schwieriger zu sagen. Wahrscheinlich ist es jedoch nicht: Forscher gehen davon aus, dass die ersten Menschen gar keine geregelten Mahlzeiten kannten. Das Leben der Jäger und Sammler diente primär der triebgesteuerten Beschaffung von Nahrung. Essen konnte, wer etwas Nahrhaftes fand. Und verzehrt wurde es auf der Stelle. Erst die Entdeckung des Feuers vor etwa 1,5 Millionen Jahren, so vermuten Paläoanthropologen, veränderte die Ernährungs- und Lebensweise. Die Urmenschen sammelten das Feuer aus Buschbränden und Blitzeinschlägen, errichteten Feuerstellen und wurden sesshaft. Ihre Nahrung vertilgten sie nicht länger roh auf der Pirsch, sondern garten und aßen sie im Verband. Das Essen am Feuer wurde zum sozialen Akt. Auch Mahlzeiten, ja sogar frühstücksähnliche Situationen wären möglich gewesen. Aber da die Urmenschen am Tag Tiere jagten oder Früchte sammelten, halten Experten es für wahrscheinlich, dass sie vor allem abends am Wärme und Sicherheit spendenden Feuer speisten – und mit leerem Magen in den Tag starteten.

Für die Jagd waren sie dennoch gerüstet. Das behauptet zumindest Christoph Raschka, Allgemeinmediziner und Sportwissenschaftler an der Universität Würzburg. Raschkas Forschungsschwerpunkt ist die Leistungsphysiologie. Aus seiner Sicht hat das Frühstück keinen Sinn. Er begründet seine These mit den Vorgängen im Körper bei Nacht. Während des nächtlichen Fastens greift unser Organismus auf die kurzfristigen Energiespeicher in Leber und Muskeln zurück. Er setzt die Hormone Cortisol und Adrenalin frei, die Energie zum Aufstehen und Bewegen bereitstellen, und mobilisiert Glukose. Die dient im Blut als Treibstoff für die bevorstehenden Anstrengungen des Morgens. Ein evolutionsbiologischer Trick: So konnte der Urmensch – in einer Welt ohne Vorratshaltung – erst einmal auf die Pirsch gehen, um Nahrung zu beschaffen. Der Mechanismus ist laut Raschka auch in unseren heutigen Körpern noch intakt. Insofern müssten auch wir eigentlich nicht frühstücken.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Wissen 4/2014, das am Kiosk erhältlich ist.

Vielleicht haben die Menschen in einigen Ländern auch deshalb ihr Frühstück später in den Tag verlegt. In Frankreich etwa gibt es das petit déjeuner – das kleine Mittagessen. Wir brauchen das Frühstück also scheinbar nicht, warum aber essen wir es dann?

Vielleicht ist es bloß Gewöhnung. Der menschliche Körper reagiert auf Mahlzeiten, indem Stoffwechselprozesse angeregt werden. Im Laufe des Lebens entwickeln wir vermutlich eine Art antizipatorisches Verhalten: Wenn wir von klein auf stets um sieben Uhr frühstücken, dann stellt sich unser Körper mit der Zeit darauf ein – und erwartet sein Frühstück um sieben Uhr. "Mahlzeiten können unseren Stoffwechsel konditionieren", sagt Susanne Klaus, die sich am Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam mit der Physiologie des Energiestoffwechsels beschäftigt.