GesundheitIst das Landleben gesünder als das in der Stadt?

Die frische Luft. Die viele Bewegung. Die schöne Natur. Muss doch gesund sein. Oder? von Susanne Schäfer

Beim ersten Hahnenschrei aus den Federn, zum Wachwerden Holz hacken, über die Felder zur Arbeit wandern und abends mit den Burschen fingerhakeln. So wie man sich als naiver Städter das Landleben vorstellt, muss es sehr gesund sein, mit all der Aktivität an der frischen Luft. So einfach ist es aber nicht. Dass der Landmensch sich mehr bewegt, bestätigen Studien nicht eindeutig. In den USA gibt es sogar Hinweise darauf, dass Menschen auf dem Land weniger aktiv und dicker sind als Menschen in den Städten.

Dennoch haben Forscher in vielen Studien gezeigt: Das Landleben hat Vorzüge für die Gesundheit. Die aktuelle Untersuchung des Robert-Koch-Instituts zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland stellt fest, dass Großstädter häufiger unter allergischen Erkrankungen wie Asthma, Heuschnupfen, Neurodermitis oder Nahrungsmittelallergien leiden als Landbewohner. Der Anteil der Menschen, die einmal in ihrem Leben von einer dieser Krankheiten betroffen sind, steigt leicht mit der Größe des Wohnorts: In Gemeinden mit weniger als 5000 Einwohnern sind es 29 Prozent, in mittelgroßen Städten mit 20.000 bis 100.000 Einwohnern 30 Prozent, in Großstädten 33 Prozent.

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Einige Wissenschaftler führen die Hygiene-Hypothese an, um zu erklären, weshalb Landmenschen seltener an Allergien erkranken. Sie besagt, dass eine Neigung zu Überempfindlichkeitsreaktionen oft gar nicht erst entsteht, wenn man schon in den ersten Lebensjahren mit bestimmten Mikroben in Kontakt kommt. Anders gesagt: Der ländliche Dreck härtet ab. Andere Forscher vermuten, dass die Luftverschmutzung in den Städten Allergien auslösen könnte.

Ein bisschen mehr Grün reicht schon

Wer in der Stadt aufwächst, hat außerdem ein höheres Risiko für Angststörungen, Schizophrenie und psychische Störungen, die mit der Stimmung zusammenhängen. Woran liegt das? Um das herauszufinden, stellten Forscher des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim gesunden Probanden knifflige Fragen (zum Beispiel Rechenaufgaben) und setzten sie dabei zusätzlich unter Druck: Sie sagten den Freiwilligen, sie seien nicht gut genug und müssten sich noch mehr anstrengen. Eine Messung der Hirnaktivität ergab, dass diejenigen, die in der Stadt groß geworden waren oder jetzt in der Stadt lebten, daraufhin stärkere Stressreaktionen zeigten als Versuchspersonen vom Land. Städter haben sich also keineswegs an den höheren Stresspegel der Großstadt gewöhnt, im Gegenteil: Sie können Stresssituationen weniger gut bewältigen als Landmenschen. Vielleicht macht sie das anfälliger für psychische Störungen.

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Um seine psychische Gesundheit zu verbessern, muss man aber nicht unbedingt aufs Land ziehen. Mediziner der University of Exeter werteten Daten des British Household Panel Survey aus und erkannten, dass Städter, die erst in einem dicht bebauten und dann in einem grüneren Viertel wohnten, sowohl gleich nach dem Umzug als auch drei Jahre später eine bessere psychische Gesundheit hatten.

Dass die Natur auch zur Heilung körperlicher Erkrankungen beitragen kann, zeigte erstmals 1984 eine Studie: Patienten, die in einem Krankenhauszimmer mit Blick auf viel Grün lagen, erholten sich schneller von einer Operation und brauchten weniger Schmerzmittel als Patienten in ähnlichen Räumen mit Blick auf ein Gebäude. Seitdem haben viele Studien bestätigt, dass der enge Kontakt zur Natur die Gesundheit und das Wohlbefinden stärkt. Für diesen Effekt ist allerdings nicht unbedingt ein ganzer Acker oder ein Wald notwendig – ein Park in der Stadt tut es manchmal auch. —

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  • Schlagworte Stadt | Allergiker | Natur | Gesundheit | Lebensstil | Stress
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