Die gute Nachricht lautet: Glück ist noch möglich, das Abendland bleibt bestehen, und wir werden weiterhin nach Liebe suchen. Wir müssen an keinen Gott glauben, wir brauchen nicht zu heiraten, wir dürfen unsere Körper tätowieren. Wir können mit Ringen in der Nase Arzt werden, hetero-, homo-, bi-, pan-, poly- oder sonst-wie-sexuell sein und ohne Aufsehen zu erregen die Kanzlerin beschimpfen. Uneheliche Kinder sind gang und gäbe und Homo-Ehen hoffähig.

Wir finden für alles einen Coach und können in zahllosen Optionen unser Leben selbst bestimmen. Nie war der Einzelne freier als heute. Sei, wer du bist!, ruft uns die Welt entgegen. Entfalte dich! Verwirkliche dich! Mach was aus dir! Das ist der Imperativ des zeitgemäßen Individualismus. Es passt ins Bild, dass zu den erfolgreichsten Unternehmen weltweit heute ein Konzern gehört, der das freie Ich als Weltformel erfunden hat. Das i in iPod, iMac und iPhone steht für das ICH, den unternehmerischen Geist des Individuums und seine unbegrenzten Möglichkeiten. Der "iMensch" ist Marke seiner selbst.

Die schlechte Nachricht lautet: Nie war der Glücks- und Erfolgsdruck größer als heute. Wir sind zum Glück verdammt. Wir sind zum Erfolg gezwungen. Wir müssen wir selbst sein. Individualismus ist zum Zwang geworden. Das Individuum wird paradoxerweise zur Anpassung gedrängt an das große Ideal, individualistisch zu sein. Das Resultat ist ein Individualisierungskonformismus, der die entscheidende Frage elegant ignoriert: Weiß der iMensch überhaupt noch, wer er ist?

Erstes Kapitel: Maske

Stellen wir uns folgende Situation vor, die tatsächlich so stattgefunden hat: In einem Seminar zum Thema Selbstmanagement erzählt eine Versicherungsangestellte, ihr Arbeitgeber habe ihr verboten, die Fingernägel in einem bestimmten Pinkton zu lackieren. Die Farbe sei zu auffällig. Was soll die Frau tun? Soll sie auf ihrem Pink bestehen und das ganze Instrumentarium des modernen Individualismus aufbieten – Selbstbestimmung! Selbstverwirklichung! Selbstentfaltung! Gleichberechtigung! Freiheit? Soll sie einen Streit riskieren, gar ein Zerwürfnis? Oder soll sie froh sein, in ihrem Unternehmen überhaupt die Nägel lackieren zu dürfen, und sich also für ein unauffälliges Rot entscheiden? Oder soll sie die Nägel gar unlackiert lassen? Lesen wir den Pinkton als Chiffre für einen ausgeprägten Wunsch nach Individualismus und das Verbot des Vorgesetzten als Zwang zur Anpassung, ist die Blaupause eines klassischen Konflikts gelegt: Muss der Mensch von heute seine Kanten abschleifen, um Erfolg zu haben?

Der Seminarleiter rät der Frau abzuwägen: Wie wichtig ist der Job? Wie wichtig ist der Lack, auch wenn der ihre "i"-Marke sein sollte? Denken wir uns weiter in die Frau hinein. Sie kehrt nach Hause zurück und konfrontiert ihren Partner mit dem Verbot des Vorgesetzten. Der Partner sagt: Dann mach den Lack doch einfach ab! Ja, das tut sie auch, aber hat der Mann verstanden, worum es ihr geht? Die Frau möchte nichts überstürzen und entscheidet sich für unlackierte Nägel, aber es keimt in ihr die Erkenntnis, dass sie in diesem Unternehmen auf Dauer fehl am Platz ist. Kurze Zeit später meldet sie sich bei einem Headhunter und verlässt auch ihren Partner. Der Lack der Beziehung war ohnehin seit Langem ab, der Mann hatte nie begriffen, wer die Frau eigentlich war, was sie wollte und was ihre Persönlichkeit ausmachte.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Wissen 4/2014, das am Kiosk erhältlich ist.

Der Sinn von Persönlichkeit besteht in der wiedererkennbaren Selbstdarstellung. Das lateinisch-antike Wort Persona heißt übersetzt Theater-Maske. Jeder Mensch trägt seine Maske, jeder Mensch ist Darsteller seiner selbst, und die Welt ist eine Bühne. "Im sozialen Alltag ist alles Selbstdarstellung", sagt der maßgebliche deutsche Persönlichkeitspsychologe Jens Asendorpf von der Berliner Humboldt-Universität, "und die Selbstdarstellung wird immer individualisierter."

Die eine trägt einen gelben Hut, die Zweite lässt sich Brauen, Lippe und Nase piercen, der Dritte geht im Reggae-Look, der Vierte raucht Zigarre mit 32. Nichts ist unmöglich, und die Generation 30 plus hat gelernt, das Leben als Event zu begreifen. Selbst das Dinner mit Freunden wird zur Inszenierung, und aus Unsicherheit darüber, wie man sich möglichst perfekt darstellen soll, um souverän zu wirken, bucht der Gastgeber schon mal einen professionellen Designer, der Zutaten, Gänge und die Choreografie ihrer Präsentation plant. Für Kosmetika und Kleidung geben die Deutschen heute im Schnitt mehr Geld aus als für ihr Essen. Die Werbeindustrie erzeugt heute meisterhaft die Illusion, gerade dieses eine Ding fehle noch im Besitzstand, um wirklich unverwechselbar zu sein.

In den fünfziger und sechziger Jahren waren die Ansprüche der Gesellschaft an den Einzelnen so homogen wie der Druck, diese Ansprüche einzuhalten. Man fügte sich den Normen, ging selbstverständlich in die Kirche, Nischen waren kaum zu finden. Mut zum eigenen Typ bewiesen schon diejenigen, die abends nicht die Tagesschau guckten. Heute ist das nicht mehr so einfach, weil es so viele Nischen gibt. "Jeder", sagt Asendorpf, "will sein Ding machen." Und das heißt gleichzeitig: Jeder muss auch. Immer geht es um das eigene Profil, die individuelle Persona, die identifizierbare Maske. Permanent souffliert der Geist der Zeit: Du musst dich abgrenzen! Du musst interessant sein! Du sollst einmalig sein! Ja, aber wie soll man das sein, wenn es alle sein sollen? Steckt überhaupt noch Individualismus im Individuum? Und wenn ja: Wie viel Exzentrik ist sozialverträglich, gar karrierefördernd?