Peter Herzig hat ein bisschen Meer vor dem Fenster: Sein Büro im Forschungsinstitut Geomar liegt an der Kieler Förde. Auf seinem Schreibtisch stehen Modellschiffchen, auf der Fensterbank liegen riesige Muscheln, Kunststoffnachbildungen von Tiefseekrabben und geheimnisvolle schwarze Knollen, die entfernt an Blumenkohl erinnern. Im Laufe des Gesprächs wird er einige von ihnen noch brauchen.

ZEIT Wissen: Professor Herzig, Meeresexpeditionen waren mal große Abenteuer. Schiffe kenterten oder froren im Eis ein. Ist es heute noch ein Abenteuer, als Forscher zur See zu fahren?

Peter Herzig: Ich bin zum Glück auch nie auf solchen Fahrten gewesen, die kurz davor waren, dass das Schiff sinkt. Ich habe auch nie einen Hurrikan an Bord erlebt. Mein schlimmstes Erlebnis auf See war, dass sich ein Matrose einen Arm halb abgetrennt hat, den der Mannschaftsarzt wieder zusammenflicken musste. Grundsätzlich ist heute eine gewisse Routine in der Forschung auf See eingekehrt. Sie hat daher nicht mehr den Abenteuercharakter wie früher. Vielleicht ist auch der Spaßfaktor geringer, weil man über jede Minute und jeden Euro Rechenschaft ablegen muss.

ZEIT Wissen: Aber stehen Sie als Wissenschaftler nicht immer noch mit Staunen vor dieser riesigen anderen Welt der Ozeane?

Herzig: Doch, mit großem Staunen. 70 Prozent der Erdoberfläche sind von Meerwasser bedeckt. Und davon kennen wir – nehmen wir mal die Beschaffenheit des Meeresbodens – vielleicht zehn Prozent, wenn es hochkommt. Auf Expeditionen stoßen wir immer wieder auf unterseeische Berge und große Schluchten in der Tiefe, von denen wir nichts wussten. Insofern kennen wir die Ozeane kaum besser als vor 30 Jahren. Ich glaube, es wird auch in Zukunft nicht einfach sein, sie in ihrer Gesamtheit zu kennen oder zu verstehen. Das wird nur über autonome Fahrzeuge gehen, die ausschwärmen, durch die Tiefsee fahren und den Meeresboden kartieren. Aber letztlich werden wir nie alle Bereiche der Ozeane erfassen können.

ZEIT Wissen: Was war Ihr erstes Erlebnis mit dem Meer?

Herzig: Ein Badeurlaub im belgischen Knokke.

ZEIT Wissen: Sie stammen vom Niederrhein und haben Rohstoffgeologie studiert. Wie kommt man denn von da zur Meeresforschung?

Herzig: Ende der siebziger Jahre wurden die Schwarzen Raucher entdeckt, diese Heißwasserquellen am Meeresgrund. Wir haben schnell festgestellt, dass viele Erzlagerstätten an Land, etwa in Australien, Kanada oder den Vereinigten Staaten, ehemals am Grunde von Urozeanen entstanden sind. Am Meeresboden können wir heute also beobachten, wie neue Lagerstätten entstehen. 1983 bin ich zum ersten Mal zur See gefahren, auf einer 60-tägigen Forschungsfahrt zu Schwarzen Rauchern im Indischen Ozean. Seitdem war ich von der Meeresforschung infiziert.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Wissen 4/2014, das am Kiosk erhältlich ist.

ZEIT Wissen: Wie war diese erste Tour?

Herzig: Wahnsinnig aufregend. Damals war es wirklich ein Abenteuer für mich. Da war diese Euphorie, dass wir etwas Neues im Meer entdeckt haben. Überall fand man diese heißen Quellen.

ZEIT Wissen: Was hat Sie daran so begeistert?

Herzig: Mit so einem Riesenschiff, mit dieser ganzen Technologie, einer Crew von 30 Seefahrern, Steuerleuten und Matrosen und genauso vielen Wissenschaftlern an einem Thema arbeiten zu können. Schon im Studium habe ich gemerkt, dass ich nicht jemand bin, der für den Rest seines Lebens Sandsteinbänke im Ruhrkarbon zählen möchte. Ich habe dann doch mehr die Dollarzeichen in den Augen gehabt und mir gesagt, ich möchte etwas machen, bei dem mein Wissen auch Anwendung findet.

ZEIT Wissen: Wie wichtig wird es für die Zukunft sein, die Ozeane immer besser zu verstehen?

Herzig: Wir sind jetzt 7,5 Milliarden Menschen auf dem Planeten, 2050 werden es neun Milliarden sein. Dann werden wir es uns nicht mehr leisten können, ausschließlich auf dem "30-Prozent-Planeten" der Kontinente zu leben. Wir werden auch diese 70 Prozent Erdoberfläche benötigen, um zu überleben. Die vielen Menschen werden Bedürfnisse haben, die man zum Teil aus dem Ozean decken muss. Dabei müssen wir aber eine Balance hinbekommen. Eine 100-prozentige Ausbeutung der Weltmeere können wir uns nicht leisten.

Im Meer schlummern Öl, Gold und seltene Elemente

ZEIT Wissen: Wenn wir uns das Meer als Kaufhaus vorstellen, was wäre dort im Angebot?

Herzig: Natürlich Nahrung – Fische, Meeresorganismen, Algen. In der Abteilung Energie gibt es sogenannte Gashydrate. Das ist dieses brennende Eis, Methangas in fester Form zusammen mit Wasser. Deren Energieinhalt ist, ganz konservativ abgeschätzt, doppelt so groß wie alles, was wir an Energie in Öl- und Gasvorräten an Land und im Meer zurzeit kennen. Das sind keine Peanuts. In der Abteilung Metallrohstoffe haben wir Kupfer, Zink, Gold und Silber in den Massivsulfiden, die sich an den Schwarzen Rauchern bilden, Nickel, Kupfer und Kobalt in den Manganknollen, aber auch Elemente wie Indium, das Sie brauchen, um Flachbildschirme zu beschichten. Und es gibt sogar Schmuck: Vor der Küste von Namibia finden Sie Diamanten in Top-Schmuckstein-Qualität.

ZEIT Wissen: Wie kommen diese ganzen Rohstoffe überhaupt ins Meer?

Herzig: Zum Teil aus zerklüfteten vulkanischen Regionen am Grund der Ozeane. Das Meerwasser, das unter enormem Druck steht, dringt in den Meeresboden ein, wird ein bis zwei Kilometer tief hineingepresst. Dort trifft es auf Kammern aus vulkanischer Magma, die bis zu 1200 Grad heiß ist. Das Meerwasser heizt sich auf, wird weniger dicht, steigt wieder nach oben. Dabei verändert es sich chemisch zu einer aggressiven Suppe, die aus den Gesteinen Schwefel und Erze herauslöst. Tritt es an den Schwarzen Rauchern durch den Meeresboden aus und vermischt sich mit zwei Grad kaltem Tiefseewasser, lösen sich diese Erze wieder heraus, es bilden sich Mineralien.