ZEIT Wissen: Herr Steidl, was sind die häufigsten Alterserscheinungen bei Haustieren?

Thomas Steidl: Heutzutage werden Haustiere besser gepflegt, altersgerechter ernährt und tierärztlich intensiver versorgt; dadurch hat sich die Lebenserwartung von Haustieren wie Hund und Katze in den vergangenen Jahren enorm erhöht. Aber auch die Zahl der Alterserkrankungen hat zugenommen. Ähnlich wie beim Menschen haben wir es bei Haustieren oft mit orthopädischen Problemen wie Arthrose und mit Tumorerkrankungen zu tun. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass sich auch im Gehirn von Hund und Katze demenzähnliche Vorgänge abspielen. Das könnte zukünftig neue Behandlungen erfordern.

ZEIT Wissen: Gibt es neue Ansätze in der Alterspflege?

Steidl: Diagnose und Therapie von Tumorerkrankungen haben in den vergangenen Jahren gute Fortschritte gemacht. Dadurch ist es oft möglich, die Lebensqualität eines Tieres – trotz unheilbarer Erkrankung – über einen längeren Zeitraum zu erhalten.

ZEIT Wissen: Wie verändert sich das Verhalten eines Haustiers im Alter?

Steidl: Mit dem Alter werden Tiere bequemer und bewegen sich weniger – das ist ein natürlicher Vorgang, nicht krankhaft. Allerdings können manche Verhaltensweisen von Alterserkrankungen herrühren. So haben etwa demente Hunde und Katzen häufig keinen regelmäßigen Tag-Nacht-Rhythmus mehr, geben unmotivierte Laute von sich, werden inkontinent oder unrein. Häufig ist aber nicht klar, ob wirklich Demenz oder ein organisches Versagen dahintersteckt.

ZEIT Wissen: In welchen Fällen sind regelmäßige Besuche beim Tierarzt ratsam?

Steidl: Ältere Tiere, zum Beispiel normal große Hunde, sollten, wenn sie älter als acht Jahre alt sind, im Rahmen der Vorsorge mindestens einmal im Jahr, besser alle sechs Monate tierärztlich untersucht werden. Durch diesen Seniorcheck können viele Krankheiten frühzeitig erkannt und mit einer guten Prognose behandelt werden. Wir empfehlen zudem eine umfassende Laboruntersuchung.

ZEIT Wissen: Wann ist denn eine Einschläferung unausweichlich?

Steidl: Über eine Einschläferung sollten Besitzer dann nachdenken, wenn das Tier unheilbare Leiden ertragen muss, die auch therapeutisch nicht zu lindern sind. Lebensverlängernde Maßnahmen sind nur dann sinnvoll, wenn das kranke Tier unter tierärztlicher Behandlung seine Lebensqualität behält.

ZEIT Wissen: Was sollten Tierbesitzer bei der Ernährung eines alten Tieres beachten?

Steidl: Da viele Tiere im Alter bequemer werden, sollten Besitzer die Ernährung an den verringerten Bedarf anpassen. Sonst werden die Tiersenioren dick und bekommen womöglich Diabetes. Außerdem ist ein gut ver- trägliches Futter wichtig, damit keine Verdauungsstörungen auftreten. Dafür gibt es eigens Seniorenfutter.

ZEIT Wissen: Wie gehen Besitzer mit dem Altern ihres Haustieres richtig um?

Steidl: Hunde, Katzen, Kaninchen oder Meerschweinchen werden oft als Familienmitglieder betrachtet. Meiner Erfahrung nach gehen Besitzer darum mit dem Altern ihres Tieres sehr gut um und machen selten etwas falsch, da sie Parallelen im Umgang mit alten Menschen erkennen. Gleichzeitig haben viele Angst davor, dass ihr Tier alt wird und sie es verlieren. Dabei hat gerade das hohe Alter von Tieren einen besonderen Reiz. Das Tier ist einem vertraut. Tier und Besitzer sind ein eingespieltes Team, das keine Rangkämpfe mehr auszutragen braucht. Es herrscht Nachgiebigkeit auf beiden Seiten. Alte Tiere entwickeln zudem einen einzigartigen Charakter!

Thomas Steidl ist Präsident der Landestierärztekammer Baden-Württemberg