Hoch hinaus: Der Traum, fliegen zu können. Doch was passiert, wenn man sich an etwas klammert, dass nicht zu realisieren ist?

Als ich ein Kind war, wollte ich Pippi Langstrumpf sein. Ich träumte davon, in einer bunten Villa zu wohnen, mit einem Äffchen und einem Pferd. Ich wollte verschiedenfarbige Strümpfe tragen und rote, schwerelose Zöpfe. Aus all dem ist nichts geworden – mein Traum blieb unerfüllt. Aber hat mein Kopf ihn wirklich aufgegeben – gelöscht? Gehen Träume, die sich nicht realisieren lassen, verloren?

"Wenn man sich ewig an denselben unrealistischen Traum klammert, wird man immer wieder mit seinem eigenen Misserfolg konfrontiert. Das ist frustrierend und stressig, es kann sogar unser körperliches Wohlbefinden beeinträchtigen", sagt der Entwicklungspsychologe Carsten Wrosch von der Concordia University in Kanada. "Das Sich-Lösen von Träumen oder Zielen – ich nenne es Disengagement – ist ein wichtiger Prozess, um gesund zu bleiben." Das bedeutet allerdings nicht, dass wir sie uns aus dem Kopf schlagen.

Träume, Ziele, Idealvorstellungen erfüllen aus psychologischer Sicht einen wichtigen Zweck: Sie geben uns Orientierung und motivieren uns. Deshalb geht das Disengagement Wroschs Theorie zufolge unmittelbar in Reengagement über: Wir richten unsere Aufmerksamkeit und psychische Energie auf neue, aber inhaltlich verwandte Träume. Statt Astronaut werden wir Hobbypilot, statt Prinzessin Bekleidungsfachverkäuferin und statt Hexe Pharmazeutin. Unsere Träume verschwinden nicht, sie verändern nur ihre Gestalt.

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"Im Jugendalter übersetzen wir dann manche Kindheitsträume in Ziele, die besser mit der Realität vereinbar sind", sagt Alexandra Freund, Psychologieprofessorin an der Universität Zürich. Sie selbst interessiert sich vor allem für jene Träume, die wir weder in realisierbare Ziele ummünzen noch loslassen können. "Manche Träume bleiben uns als bittersüße Sehnsüchte erhalten", sagt sie. Bitter, weil sie utopisch sind. Süß, weil sie mit schönen Gedanken verknüpft sind und uns erlauben, das Ersehnte auf der Imaginationsebene zu erleben. "Wir versetzen uns sogar gezielt in Sehnsucht, etwa indem wir Musik hören oder Gedichte lesen." Im Gegensatz zur Melancholie sei Sehnsucht daher kein negatives Gefühl, sondern könne helfen, das nicht perfekte Leben zu akzeptieren.

Anstatt utopische Träume zu begraben, verewigen wir sie in unserer Fantasie, sagt auch die Psychoanalytikerin und Philosophin Brigitte Boothe. Statt von Sehnsucht spricht sie allerdings vom "Wünschen". "Der Wunsch lässt uns die Kluft zwischen Realität und Erwünschtem ertragen, die uns sonst innerlich in Spannung und Unwohlsein versetzen würde", sagt sie. "Wünschen ist ein überaus gesunder Zustand passiver Zufriedenheit." Boothe stellt sich Wünsche wie einen Schatz vor, den wir in unserem Inneren tragen. Er schütze uns davor, ein Leben lang verlorenen Träumen nachzujagen.

Einen Teil dieses Schatzes geben wir an unsere Nachfahren weiter, so Boothe. Die Theorie, dass Eltern ihren Kindern unbewusst den Auftrag erteilen, die eigenen unerreichten Wünsche zu verwirklichen, stellte der Psychoanalytiker Helm Stierlin schon in den siebziger Jahren auf. Dass diese Delegation der Wünsche stattfindet, ist bis heute kaum belegt. Boothe hält sie trotzdem für plausibel: "Kinder wachsen in einem Lebensraum auf, den die Eltern gestaltet haben und der ihre Wünsche spiegelt", sagt sie. "Wir werden schon als Säuglinge auf das geprägt, was unsere Eltern erstrebenswert finden." Manche Psychoanalytiker halten es sogar für möglich, dass Kinderwünsche dem unbewussten Bedürfnis entspringen, begrabene Träume zu erfüllen: Der Hobbypilot wünscht sich, dass sein Sohn Astronaut wird. Die Bekleidungsfachverkäuferin hüllt ihre Tochter in Prinzessinnenkleider.