Vor einigen Monaten mussten zwei Dutzend Entscheidungsforscher eine gemeinsame Entscheidung fällen und gerieten dabei in die Ökofalle. Es ging um die neue Kaffeemaschine. Die Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung waren gerade von Basel nach Berlin-Dahlem umgezogen. In der Schweiz hatten sie eine Nespresso-Maschine am Institut, das Kaffeesystem der Firma Nestlé. Jede Portion Kaffeepulver steckt in einer Aluminiumkapsel für 35 Cent, die Verkaufsläden sind wie Luxusboutiquen designt, und für die korrekte Aussprache der Sorten hilft ein Italienischkurs. Nestlé hat in der Schweiz ein Rücknahmesystem für gebrauchte Kapseln aufgebaut und behauptet, dass die Alukapseln die geringsten Umweltauswirkungen im Vergleich zu denen der Konkurrenz haben. In Basel waren die Entscheidungsforscher damit zufrieden, aber was würde bloß die Berliner Müllabfuhr mit den gebrauchten Alukapseln machen?

Michael Schulte-Mecklenbeck, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut (MPI) und ein Experte für individuelle Entscheidungsstrategien, erinnert sich gut daran, wie sie die Argumente für verschiedene Maschinentypen gegeneinander abwogen. Er stammt aus der Nähe von Salzburg, schätzt gutes Essen, liebt guten Kaffee. An einem heißen Tag im Juni sitzt er in seinem kleinen Büro, reicht einen Espresso und erzählt von der Kaffeemaschinendebatte. Er sagt: "Der Umweltaspekt hat so einen bitteren Nachgeschmack."

Tragen Nespresso-Trinker in Berlin-Dahlem überdurchschnittlich zur globalen Erwärmung bei? Jeder Kapsel-Kaffee erhöht Deutschlands Treibhausgasbilanz um 40 Gramm CO₂, hat das Freiburger Öko-Institut errechnet. Und was ist mit dem Wasserverbrauch? 140 Liter werden irgendwo auf der Welt dem Kreislauf entzogen, um hierzulande eine Tasse Kaffee zu brühen: zum Bewässern der Pflanzen, Waschen und Einweichen der Bohnen. Müssen afrikanische Kinder dreckiges Wasser trinken, weil Max-Planck-Forscher die falsche Maschine besitzen? Die Wissenschaftler waren ratlos, aber sicherheitshalber wollten sie auf ein anderes System umsteigen. Nur auf welches? Schulte-Mecklenbeck sagt: "Gruppenentscheidungen sind sehr kompliziert."

In etlichen Sitzungen diskutierten die Forscher über Alukapseln, Filterkaffee, Kaffeepads, Recycling, Kaffeebohnen und Röstereien, ph-Werte und Fair-Trade-Kaffee. Es ging um Gerechtigkeit und die Umwelt, um Gesundheit und Geschmack. Es ging mal wieder um das gute Leben.

Man will sich gesund ernähren, soll nebenbei den Klimawandel aufhalten, Tiere schützen, die Umwelt schonen und die Arbeitsbedingungen in Entwicklungsländern verbessern, das Ganze bitte nicht zu teuer. Doch wer beim T-Shirt-Kauf zu geizig ist, trägt womöglich eine Mitschuld am Zusammensturz einer Fabrik in Bangladesch. Wer Biosprit tankt, hat vielleicht ein paar Quadratmeter Regenwald auf dem Gewissen. Schon der Kauf einer Kaffeemaschine wird für diejenigen, die alles richtig machen wollen, zu einer Frage von Leben und Tod.

Es ist wie in dem Slapstick Das Bild hängt schief von Loriot: Ein Gast in einer teuren Villa möchte nur kurz einen Bilderrahmen ins Lot bringen. Dabei stößt der kleine Rahmen gegen ein größeres Gemälde, das daraufhin aus dem Rahmen rutscht. Der Gast muss das Sofa zur Seite rücken, stößt dabei ein Tischchen um, bleibt am Teppich hängen, zertrümmert zwölf Porzellanteller im Wandschrank, sucht Halt an der Gardine und verwüstet allmählich das gesamte Mobiliar. Am Ende tut er das einzig Richtige: Er ergreift die Flucht.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Wissen 5/2014, das am Kiosk erhältlich ist.

So ähnlich ergeht es dem ethisch-, sozial- und umweltbewussten Verbraucher, wenn er sich für ein Urlaubsziel, eine neue Hose oder eine Tüte Cashewkerne entscheiden muss. Je mehr er all seinen Ansprüchen gerecht werden möchte, desto folgenreicher erscheint jede Entscheidung. Dutzende Bio-, Regional- und Fair-Trade-Label sollen dem informierten Verbraucher dabei helfen, die richtige Wahl zu treffen. Dummerweise funktioniert das nicht.

Neue Erkenntnisse der Verhaltensforschung zeigen, dass die Vielzahl an Weltrettungsratschlägen und Lebensmittelinformationen mehr verwirrt als informiert. Verunsicherung macht sich breit. Ist beispielsweise Fleischessen nun unethisch und ein Umweltfrevel, wie Iris Radisch in der ZEIT argumentierte? Oder doch gar nicht so schlimm, wie das ZEITmagazin vor Kurzem behauptete? Was sollen, was können wir noch essen? Die gute Nachricht lautet: Einfache Faustregeln, sogenannte Heuristiken, können dabei helfen, sich besser zu entscheiden.

Die meisten Menschen folgen unbewusst bereits unzähligen Faustregeln. Gerd Gigerenzer, Chef des Max-Planck-Instituts und ein Pionier der Entscheidungsforschung, spricht gern vom Homo heuristicus. Diese Spezies scheut langwieriges Abwägen und folgt stattdessen einfachen Regeln. Zum Beispiel: Vertraue deinem Hausarzt. Oder: Kaufe Obst und Gemüse auf dem Markt. Oder: Verteile dein Geld zu gleichen Teilen auf unterschiedliche Aktienfonds.

Die Kunst ist, herauszufinden, welche Heuristiken in unserer Welt wirklich hilfreich sind. Welche Faustregeln sind gut, welche schlecht? Für den Einkauf im Supermarkt oder auf dem Wochenmarkt heißt das: Welche groben Regeln sind sinnvoll, wenn man sich gesund ernähren, die Umwelt schonen, Tiere schützen und faire Arbeitsbedingungen fördern möchte? Geht das alles zusammen? Und wenn nicht: Lassen sich wenige, einfache Regeln finden, mit denen man wenigstens einen Großteil dieser Ziele erreichen kann?

Mönche und Nonnen der Jain-Religion tragen einen Mundschutz, um nicht versehentlich eine Mücke einzuatmen und dabei zu töten, und sie kehren vor sich den Weg, um keine Ameise zu zertreten. Für alle anderen wird der ethisch, ökologisch und sozial perfekte Lebensstil eine Utopie bleiben. Die Hoffnung jedoch ist, dass man den eigenen Ansprüchen einigermaßen nahekommen kann, ohne daraus eine Religion zu machen. Oder eine Wissenschaft.