Etwas stimmte mit Kai Markram nicht, als er zum ersten Mal seinen Kopf emporreckte und neugierig in die Welt blickte – fünf Tage nach seiner Geburt. Kai war ein außergewöhnlich waches Baby, ganz anders als seine Schwestern, die viel später begonnen hatten, sich für ihre Umwelt zu interessieren. Als der Junge laufen konnte, wollte er partout nicht mehr stillhalten. Ständig musste jemand auf ihn aufpassen, damit er sich nicht verletzte.

"Sein Akku war nicht leerzukriegen", erzählt seine Schwester Kali. Und es ging nicht bloß um einen kindlichen Energieüberschuss: Wenn seine Eltern Kai im Zaum halten wollten, bekam er Tobsuchtsanfälle. Er schrie nicht nur und trat um sich, nein, er biss und spuckte wie wild geworden. Das tat er, als er zwei war, aber auch noch mit drei, vier und fünf Jahren. Kai war ein soziales Rätsel: Manchmal schottete er sich komplett ab, um dann in anderen Momenten auf Fremde zuzurennen und sie zu umarmen.

Doch es wurde noch seltsamer. 1999 waren die Markrams gemeinsam nach Indien gereist. Auf einem Platz hatte sich eine Menschenmenge gebildet, ein Schlangenbeschwörer führte gerade seine Kunst vor. Plötzlich, ohne jegliche Vorwarnung, schoss der damals fünfjährige Kai hervor, lief zu der tödlichen Kobra und tippte ihr auf den Kopf. Die Eltern waren schockiert.

Mit so einem Kind zurechtzukommen wäre sicher für alle Eltern mühsam. Für Kais Vater war es geradezu frustrierend – denn Henry Markram ist einer derführenden Hirnforscher der Welt. Er ist der Mann hinter Europas eine Milliarde Euro teurem Human Brain Project an der ETH Lausanne. Einem gigantischen Vorhaben, das mithilfe eines Supercomputers das menschliche Gehirn nachbilden will. Wahrscheinlich weiß kaum jemand so viel darüber, wie unser Gehirn funktioniert, wie Henry Markram. Doch wenn es um Kais Probleme ging, fühlte er sich machtlos.

"Als Vater und Hirnforscher wusste ich nicht, was ich tun sollte", sagt Markram. So kam es, dass Kais Verhalten – das später als Autismus diagnostiziert wurde – die Karriere seines Vaters von Grund auf veränderte: Henry Markram entwickelte eine neue Theorie über Autismus.

Was aber ist das überhaupt – Autismus? Stellen Sie sich vor, Sie kämen von einem fremden Planeten, auf dem alles viel langsamer und ruhiger zugeht. Plötzlich werden Sie hineingeworfen in eine wirre Welt, in der die Sinne permanent überfordert werden. Die Augen der Mutter: gleißend helles Flackern. Die Stimme des Vaters: ein Presslufthammer. Der süße kleine Strampler, den alle so weich finden? Rau wie Sandpapier. Alle Liebe, alle Sorge der Eltern? Ein Bombardement aus unverständlichen Sinneseindrücken. So, sagen Henry Markram und seine Frau Kamila, fühle es sich an, autistisch zu sein. Die beiden nennen es: Intense World Syndrome.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Wissen 5/2014, das am Kiosk erhältlich ist.

Henry Markram ist ein Baum von einem Mann, mit tiefblauen Augen, dunkelblondem Haar und einer spürbaren Autorität, die man wohl haben muss, wenn man ein derart ambitioniertes Forschungsprojekt anführt. Als kleines Kind, sagt Markram, habe er alles wissen wollen. Aber in den ersten Schuljahren waren seine Noten miserabel. Sein Schlüsselerlebnis war, als der geliebte Onkel depressiv wurde und jung starb – er war nicht einmal 40, "aber er hatte sich aufgegeben", wie Markram sagt. "Wenn die Chemie und die Struktur im Gehirn sich ändern können und wenn ich mich daraufhin verändere, wer bin ich dann eigentlich noch?"

Es war diese Frage, die Markram dazu brachte zu lernen, denn nun war für ihn klar: Er wollte Psychiater werden. Markram besuchte die Universität von Kapstadt und flog im vierten Studienjahr mit einem Forschungsstipendium nach Israel. "Es war der Himmel auf Erden", sagt er. "Alle Geräte und Möglichkeiten, um das Gehirn zu untersuchen, waren vorhanden." Er blieb und heiratete mit 26 seine erste Frau Anat, eine Israelin. Bald schon wurde ihre Tochter Linoy geboren, dann Kali und vier Jahre später schließlich Kai.

Nach und nach machte Markram sich einen Namen in der Forschung und ging zu dem Nobelpreisträger Bert Sakmann nach Heidelberg. Während der Zeit am dortigen Max-Planck-Institut fand er heraus, dass Synapsen stärker werden, wenn die Signale im richtigen Rhythmus durch sie hindurchjagen. Eine bahnbrechende Entdeckung.

Es gab jedoch ein Problem: Während in der Karriere ein Erfolg auf den anderen folgte, wurde Markram klar, dass im Kopf seines jüngsten Kindes etwas nicht richtig lief. Zunächst dachte er, Kai hätte ADHS, da er nie stillhalten wollte. Aber als der Junge älter wurde, fing er an, eigenartige Aussetzer zu bekommen. "Er wurde immer sonderbarer, auch wenn er nicht mehr so hyperaktiv war", sagt Markram. "Er war unberechenbar, bekam immer wieder Tobsuchtsanfälle. Und er wollte einfach nicht lernen oder Anweisungen befolgen." Selbst ins Kino zu gehen war eine Tortur: Kai blieb einfach vor der Tür stehen und hielt sich die Ohren zu.