Versteckspiel für Fortgeschrittene: Wer auch die unbewusste Wahrnehmung austricksen will, muss sich wirklich gut verstecken. © Francesca Schellhaas/photocase

Beschwingt wandert Fiona mit ihren Freunden über grüne Wiesen und Hügel, als sie plötzlich innehält. Sie schaut sich um, außer ihren Freunden ist niemand zu sehen. Und doch ist da etwas. "Ich spürte, dass es aus der Richtung der Ginsterbüsche kam, die hundert Meter entfernt auf einem Hügel standen", sagt sie später. Immer wieder dreht sich Fiona um. Sie fühlt, dass jemand sie beobachtet. Erst glauben ihr ihre Freunde nicht, doch als die Gruppe sich umdreht, raschelt es prompt im Gebüsch, und ein friedlicher Schafhirte tritt hervor. Fionas Gefühl hat sie nicht getrogen.

In seinem Buch Der siebte Sinn des Menschen hat der Parawissenschaftler Rupert Sheldrake solche Beispiele zuhauf gesammelt. Er betrachtet sie als Beleg dafür, dass der Mensch mehr als fünf Sinne besitzt – dass er mehr kann als sehen, schmecken, riechen, hören und ertasten. Ein Großteil der Bevölkerung sieht das ähnlich. Immerhin geben 70 bis 90 Prozent bei Umfragen an, sie würden merken, wenn jemand sie beobachte. Hat der Mensch also einen zusätzlichen Sinn, um die Nähe von anderen zu spüren?

Die Antwort lautet nach derzeitigem wissenschaftlichem Stand: wahrscheinlich nein. Tauben mögen ihre Route nach dem Erdmagnetfeld ausrichten, Haie elektromagnetische Felder spüren, doch uns Menschen geht ein solcher sechster Sinn wohl ab.

In vielen Experimenten hat Sheldrake versucht, das Gegenteil zu beweisen. Seine Studien haben jedoch einen Makel: Viele Forscherkollegen konnten sie nicht mit den gleichen Ergebnissen wiederholen.

Auch als er selbst seine Versuche nochmals durchführte, schmolzen die Beweise dahin. In der ersten Auflage seines berühmten Blick-Experiments konnten noch 56,8 Prozent aller Probanden richtig angeben, ob jemand sie von hinten anstarrte oder nicht. Zwei Jahre später lag die Trefferquote nur noch bei 53 Prozent. Was war geschehen?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Wissen 5/2014, das am Kiosk erhältlich ist.

Schuld daran könnte eine Glasscheibe gewesen sein. Standen beim ersten Versuch die beiden Probanden noch im selben Raum, so waren sie bei der Neuauflage räumlich voneinander getrennt. Nur ein Fenster ermöglichte es dem Starrenden, auf den Beobachteten zu schauen. "Dadurch fiel die Möglichkeit weg, dass beispielsweise über Geräusche unbewusst etwas verraten wurde. Entsprechend vermuten wir, dass solche Effekte für die zuvor höhere Trefferquote verantwortlich waren", sagt der Psychologe Stefan Schmidt von der Universität Freiburg, der sich intensiv mit Sheldrakes Arbeit auseinandergesetzt hat.

Sheldrakes Experimente sind wohl also kein Beweis für einen sechsten oder gar siebten Sinn des Menschen. Die Versuche zeigen allenfalls, dass wir unbewusst eine Menge mehr wahrnehmen, als wir denken. Ein extremes Beispiel dafür ist das sogenannte Blindsight-Phänomen. Dabei geht es um Menschen, die durch eine bestimmte Hirnverletzung vollständig erblindet sind. Bittet man sie aber in einem Test, zu raten, ob gerade ein Kreis oder ein Quadrat vor ihre Augen gehalten wird, so liegen sie fast immer richtig. Auch wenn diese Menschen im eigentlichen Sinne nichts sehen, scheint ihr Gehirn also gewisse Reize weiterhin zu verarbeiten und Entscheidungen zu ermöglichen.

Ähnlich könnte es auch sein, wenn wir die Nähe eines anderen spüren. Während wir selbst noch glauben, wir hätten gar nichts gemerkt, ist unsere unbewusste Wahrnehmung schon zwei Schritte weiter. Der Anblick eines Hosenbeins, wenn auch nur einen Wimpernschlag lang, oder der Hauch eines Duftes reichen aus, um uns zu warnen. Vor freundlichen Schafhirten oder üblen Gefahren.