Wer das Rätsel des Laufens begreifen will, dem reicht ein Spaziergang durch Tübingen. Auf unebenen Wegen aus Kopfsteinpflaster kraxelt der Fußgänger empor zum Schloss, das über der Stadt thront. Zur Altstadt geht es dann steil hinab auf engen Treppen, wobei manche Stufe im Halbdunkel liegt und eher zu erraten ist als zu sehen. Und selbst dort unten können Fußgänger nicht einfach entlangschlendern und die Fachwerkhäuser bewundern, sondern müssen Studenten auf Fahrrädern ausweichen, die durch die Gassen jagen.

Wer aber nicht nur das Rätsel begreifen, sondern eine Ahnung von dessen Lösung bekommen möchte, der muss in den Keller der Uni-Klinik steigen. Durch verwinkelte Gänge führt der Weg zu Martin Gieses Labor. In dem fensterlosen Raum versucht der Informatiker, das Laufen zu entschlüsseln. Und das mithilfe einer Kiste voll Styroporkugeln.

Computer gewinnen im Schach inzwischen haushoch gegen Großmeister, Algorithmen kennen unseren Musikgeschmack besser als wir selbst. Und, ja: Teilweise gelingt es Robotern, uns regelrecht an der Nase herumzuführen. In Internetchats konnte sich der Chatbot Eugene Goostman so überzeugend als Mensch ausgeben, dass immerhin ein Drittel seiner Gesprächspartner ihn für ihresgleichen hielten.

Nur an einer Aufgabe scheitern Roboter nach wie vor: einfach und mühelos zu laufen wie Menschen.

Das mag auch daran liegen, dass es wenige Dinge gibt, die der Mensch besser kann. Klar, der Gepard ist schneller als wir, und ein Steinbock kann besser Berge erklimmen. Nur: So vielseitig, so energieeffizient auf zwei Beinen unterwegs zu sein wie wir, das gelingt keinem anderen Lebewesen – und schon gar nicht einer Maschine.

Zwei Roboter aus den USA und Japan kommen derzeit wohl am nächsten an das menschliche Ideal heran. Lange Zeit galt vor allem der Roboter Atlas von der US-Firma Boston Dynamics als Maß aller Dinge, was das zweibeinige Laufen betrifft. Auf Videos ist nicht nur zu sehen, wie der 150-Kilo-Koloss durch das Labor geht. Atlas kann Hindernissen selbst dann ausweichen, wenn sie ihm plötzlich in den Weg gelegt werden. Oder er klettert über sie, ohne dabei die Balance zu verlieren.

Bei einem Wettbewerb der Darpa, der amerikanischen Agentur für Rüstungsforschung, galt der US-Roboter deshalb als haushoher Favorit. Gleich mehrere verschieden programmierte Versionen von Atlas gingen an den Start, um ihr Können als mechanische Katastrophenhelfer zu beweisen. Aber dann machte ein Wunderwerk aus Fernost das Rennen.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Wissen 5/2014, das am Kiosk erhältlich ist.

Der Roboter Schaft, mitentwickelt von der Universität Tokio, meisterte die Geröllfelder, Treppen und Leitern mühelos, während die verschiedenen Atlas-Versionen an Türen hängen blieben oder krachend hinfielen. Doch so beeindruckend Schafts Leistung auch war: Für den Marsch über das Geröllfeld beispielsweise brauchte der Roboter rund 13 Minuten. Ein Mensch dagegen hätte den Weg wohl innerhalb von 30 Sekunden bewältigt.

Weil also die Lücke zwischen menschlichem Laufen und dem von Robotern weiterhin so groß ist, wollen Martin Giese und rund 40 weitere Forscher aus ganz Europa nun mit dem Projekt KoroiBot noch einmal von vorn anfangen.

Aus Gieses Labor ist kein mechanisches Surren zu hören, dafür das Quietschen von Schuhsohlen. Nicht Roboter, sondern Mitarbeiter, Studenten und andere Probanden turnen hier über kleine Hindernisparcours. Die Forscher haben die Versuchspersonen in hautenge schwarze Polyesteranzüge gesteckt, an denen silberne Styroporkugeln kleben.

Motion Capturing heißt das Verfahren. Zehn Kameras nehmen dafür den Raum aus allen Winkeln auf und verfolgen, wie sich die Styroporkugeln am Körper der Probanden bewegen. Anschließend entsteht auf dem Rechner ein Strichmännchen, das die Laufbewegung auf ihre Essenz reduziert. In Computerspielen sorgt die Methode bereits dafür, dass Fußballspieler bildschöne Flanken schlagen und realistisch Kopfbälle einnicken. Gieses Probanden jedoch steigen lediglich über eine Treppe, gehen über einen Kieselweg oder müssen von einer Schaumstoffinsel zur anderen hüpfen. Das klingt banal, kann aber Aufschluss geben über das hochkomplexe Geheimnis des Gehens auf zwei Beinen.