Der Alpha-Löwe regiert seine Gefolgschaft allein und ihn interessiert auch nicht, dass zwei Chefs mitunter besser führen können. Bei Menschen bringt die Gewaltenverteilung jedoch Vorteile. © LUIS ROBAYO/AFP/Getty Images

Es ist immer dasselbe. Eine Partei stürzt bei einer Wahl ab, ein Unternehmen macht Verluste, eine Fußballmannschaft kassiert die vierte Niederlage in Folge. Und schon wissen alle, was fehlt: ein Alphatier. Da muss einer her, der auf den Tisch haut und nach Testosteron riecht. Einer, der weiß, wo es langgeht, und das ziemlich schnell auch jeden wissen lässt. Jemand von der Gattung Horst Seehofer, Felix Magath, Donald Trump. Aber kann ein neuer Oberlöwe wirklich so viel verändern?

Fest steht jedenfalls: Solange der da oben die Zügel schleifen lässt, können Mitarbeiter ihr Potenzial nicht ausschöpfen. Eine Umfrage unter rund 2.200 Mitarbeitern der norwegischen Post ergab, dass es immer dann am meisten in der Belegschaft krachte, wenn diese sich über mangelnde Führung beschwerte. Auch bei anderen großen psychologischen Untersuchungen kommt das Prinzip Laisser-faire schlecht weg. Ganz ohne Anleitung geht es offenbar nicht. Aber muss an der Spitze ein klassisches Alphatier stehen?

Tatsächlich werden dominante und von sich selbst überzeugte Personen in neu zusammengewürfelten Gruppen am häufigsten zu Anführern. Menschen neigen dazu, erst einmal jenen zu folgen, die sich am stärksten in Szene setzen. Selbst Hybris und Narzissmus, die beiden hässlichen Schwestern von Dominanz und Selbstbewusstsein, verhelfen vielen Menschen zur Spitzenposition. Und auch in bereits bestehenden Hierarchien werten Mitarbeiter herrische Züge ihres Chefs oft als wichtige Führungseigenschaft.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Wissen 6/2014, das am Kiosk erhältlich ist.

Betrachtet man hingegen objektivere Kriterien wie den Gewinn einer Firma pro investiertem Euro oder bewertet man, wie gut die dominant geführten Abteilungen und Teams komplexe Aufgaben lösen, dann fällt das Zeugnis für die Alphatiere schlecht aus. Eine Übersichtsstudie des amerikanischen Psychologen Brian Hoffmann zeigte im Jahr 2011, dass die positiven Effekte von sozialer Dominanz und Selbstbewusstsein des Chefs in Wahrheit nur halb so groß waren, wie die Mitarbeiter sie einschätzten. Anders verhielt es sich mit Eigenschaften wie Planungstalent und Intelligenz. Während die Mitarbeiter diese beiden Eigenschaften als weniger entscheidend einstuften, waren sie laut Hoffmanns Studie die wichtigsten Faktoren für den Erfolg einer Führungsperson.

Aber wer sagt überhaupt, dass es ein Einzelner sein muss, der über allen anderen steht? Kann nicht der Chefsessel auch eine Chefcouch sein, auf der mehrere, gleichberechtigte Betatiere Platz finden?

Tatsächlich gibt es inzwischen einige Studien und Theorien, die nicht nur die Eigenschaften des einzelnen Chefs, sondern die von Führungsduos oder ganzen Führungsteams in den Fokus rücken. "Führung soll dem Einzelnen klare Aufgaben in der Gruppe zuweisen und für klare Verhältnisse sorgen", sagt Managementforscher Scott DeRue von der University of Michigan. "Ob jedoch ein einzelner Chef oder ein Führungsteam für diese Ordnung sorgt, das ist im Grunde egal." Auch eine Rotation, bei der die Chefs sich an der Spitze abwechseln, sei kein Nachteil.

Nüchtern betrachtet ist also das Konzept des alleinigen, dominanten Alphatiers überholt. Man sollte die Silberrücken und Oberlöwen dennoch nicht gleich davonjagen. Denn am Ende geht es darum, in welcher Konstellation ein Team funktioniert. Und manchmal ist ein einzelner Chef alter Schule tatsächlich die beste aller möglichen Lösungen. Weil er am geschicktesten plant und am meisten Erfahrung hat. Nicht weil, sondern obwohl er ein Alphatier ist.