Erinnerungsfotos können helfen.

Da war die Nacht von Rio und der WM-Pokal in den Händen der deutschen Fußballer, da waren die russischen Soldaten auf der Krim, die Opfer von Ebola und die der IS-Terroristen. Sie werden es uns leicht machen, einmal zu sagen: Das war 2014. Gedächtnisforscher sprechen von Ankerpunkten. In Erinnerung bleibt, was emotional berührt, globale Ereignisse und private sowieso. Nur, woran genau wir zurückdenken werden, heute in zehn Jahren, das weiß niemand. Eines aber ist sicher: Es wird nicht die Wahrheit sein.

"Wir schaffen unsere Erinnerungen selbst", sagt der Bielefelder Gedächtnisforscher Hans Markowitsch. Erinnerungen sind dynamische Rekonstruktionen selektiv wahrgenommener Informationen, emotional gefärbt und manipulierbar. Woran wir uns erinnern, hängt zunächst einmal ab von der eigenen Verfassung im Moment des Erinnerns. Ein depressiver Mensch wird eher an trostlose Erlebnisse denken, ein glücklicher an die guten. Je stärker sich die ursprüngliche Situation und der Moment des Abrufens ähneln, desto leichter ist die Erinnerung zugänglich. In zehn Jahren wird es eine Fußball-EM geben – klar, dass dann viele an den deutschen WM-Sieg zurückdenken werden. "Noch besser werden wir uns aber wahrscheinlich zwei Jahre später daran erinnern", sagt der Sozialpsychologe Gerald Echterhoff von der Universität Münster. 2026 findet nämlich wieder eine WM statt.

An welche Details wir künftig denken werden ist unmöglich zu prophezeien. Denn jedes Mal, wenn eine Erinnerung aus dem Gedächtnis abgerufen wird, verändert sie sich. Die aktuelle Stimmung drückt ihr einen Stempel auf, stärkt oder schwächt Empfindungen, rückt Details in der Vordergrund und lässt andere verblassen. Dazu trägt laut Echterhoff auch bei, mit wem wir über vergangene Ereignisse sprechen, wie wir selbst beim Erzählen gewichten und welche Sicht ein anderer beiträgt. Die Erinnerung, die danach wieder im Gedächtnis gespeichert wird, ist eine leicht veränderte.

Im Extremfall entstehen völlig falsche Erinnerungen. Wir meinen, Dinge getan oder erlebt zu haben, die nie passiert sind. Psychologen aus Kanada und Neuseeland gelang es, Menschen glauben zu lassen, sie hätten als Schüler ihrem Lehrer einen Streich gespielt und grünen Schleim im Lehrerpult versteckt. Besonders leicht ließen sich jene überzeugen, die zuvor ein Foto ihrer alten Klasse gesehen hatten. "Wenn Erinnerungen an einen realen Kontext wachgerufen werden, dann lassen sie auch vermeintliche andere Ereignisse real erscheinen", sagt Echterhoff. "Ein echtes Foto kann als Werkzeug dienen, um eine falsche Erinnerung lebhaft zu konstruieren."

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Wissen 6/2014, das am Kiosk erhältlich ist.

Psychologen vermuten, dass diese Gedächtnisschwäche sogar Vorteile hat: "Wir können besser voneinander lernen, wenn wir nicht auf eigenen Wissensbeständen beharren, sondern empfänglich sind für die Sichtweise anderer", sagt Echterhoff. Auch für die eigene Psyche sind frisierte Erinnerungen womöglich positiv: Mit einem stimmigen Weltbild lebt es sich besser. "Vor allem haben wir das Bedürfnis, mit uns selbst im Reinen zu sein und unser Selbstbild zu schützen", sagt Markowitsch. Wenn etwas nicht dazu passt, wird es eben passend gemacht. "Reduktion der kognitiven Dissonanz" nennen Psychologen das.

Wie wir uns in zehn Jahren an heute erinnern werden, hängt also nicht nur von den Ereignissen heute ab, sondern auch von dem, was in zehn Jahren sein wird. Davon, wie oft wir bis dahin Erinnerungen abrufen und verändern. Die nächsten Jahre werden nicht nur über unsere Zukunft entscheiden, sondern auch über unsere Vergangenheit.

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