Ein Mann mit einem Kind am Strand. Zwischen 30 und 40 Jahren wird bei vielen Menschen der Wunsch nach einer Familie konkret.

00–10 Jahre

Der unerhörte Unterschied zwischen ich und du

Die Geburt ist der Eintritt in die Zeit. Es ist nicht selbstverständlich, diesen dramatischen Übergang zu überleben. Vor zweihundert Jahren starb bei uns noch jeder fünfte Säugling, in vielen armen Ländern bleibt jedes zehnte Neugeborene nur wenige Tage am Leben. Einem Kind, das heute in Deutschland zur Welt kommt, steht dagegen ein langes Leben bevor, zumindest statistisch gesehen: fast 78 Jahre, wenn es ein Junge ist, fast 83 Jahre bei einem Mädchen. So viel Zeit, so viele Möglichkeiten, so viele gangbare Lebenswege. Und die Lebenserwartung steigt, täglich um Stunden. Die Hälfte der heute geborenen Mädchen kann damit rechnen, hundert zu werden – wenn sie Verbündete haben.

Kaum ein anderes Lebewesen ist nach der Geburt so schlecht für das Leben gerüstet wie wir, alles hängt davon ab, in einem engen Netz von Mitmenschen durch Versuch und Irrtum zu lernen, zu lernen, zu lernen – Krabbeln, Stehen, Gehen, Sprechen, Denken, Fühlen. Im Kopf läuft ständig ein neuronales und genetisches Feuerwerk, das all dies möglich macht: Jeden Tag bilden sich Millionen Nervenzellen neu, sprießen Synapsen.

Von Anfang an spielen Gene, Mitmenschen und Umwelt ein gemeinsames Konzert, nur selten entscheidet ein Faktor allein darüber, welches Leben genau nun seinen Lauf nimmt. Wer jetzt das Glück hat, von liebenden Eltern versorgt zu werden, zehrt davon ein Leben lang. Wer vernachlässigt oder schlecht behandelt wird, kann dies später vielleicht überwinden, aber es erfordert Anstrengung.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Wissen 6/2014, das am Kiosk erhältlich ist.

Ständig erleben kleine Kinder Neues – neue Menschen, Tiere, Pflanzen, Maschinen – und fangen an, in ihrem Kopf Modelle von der Welt zu bauen. Modelle auch davon, wofür sie belohnt werden und wofür nicht, was guttut und was nicht, was mein ist und was dein. Beim Spielen üben wir soziales Verhalten ein, die Grenzen von Mit- und Gegeneinander. Bis zum vierten Lebensjahr entwickelt sich eine Vorstellung davon, dass Menschen innere Zustände haben und dass sich die eigenen von denen der anderen unterscheiden können: Das kleine, aber wachsende Ich ist immer auch ein soziales Ich. Manche Forscher sagen: Das Ich entsteht von außen. Die Kindheit ist die Phase unserer größten Hilflosigkeit und Verletzbarkeit.

Die Zeit selbst ist in diesen ersten Lebensjahren ein natürlicher Verbündeter, sie ist einfach da, liegt vor uns, ohne die Last eigener Vergangenheit. Dabei sind wir tief in der Vergangenheit verwurzelt: der des Lebens, der Menschheit, der eigenen Vorfahren. Was die Eltern erlebt haben, kann prägen, wie unser Erbgut funktioniert.

Mit der Zeit zu leben heißt für Kinder, unbeschwert in der Gegenwart sein zu können, ungetrübt von Zukunftsplanung und Zukunftsängsten. Wer Glück hat, darf seinen eigenen Rhythmus finden und sich auch mal langweilen. Langsame Reifung kann später im Leben viel Gutes bewirken.

Bald kommt der erste Kontakt mit gesellschaftlichen Institutionen, vor allem mit der Schule. Dort geht es nicht nur darum, Freude am Lernen zu entwickeln, sondern mindestens genauso sehr darum, tagtäglich durch ein dichtes Netz an Beziehungen außerhalb der eigenen Familie zu navigieren – und Freundschaften zu entwickeln. Freundschaften werden für den weiteren Lebensweg so prägend sein wie die eigene Familie.

Erste Passionen entstehen, und das muss nicht immer Fußball oder Reiten sein. Sie geben Kindern Raum, wirklich Eigenes zu entdecken und zu erleben, sich abzugrenzen von den Interessen der anderen, einen selbst gewählten Weg zu gehen, ohne dass feststeht, wohin er führt. Denn darin liegt eine Essenz des westlichen Lebens von heute: Es folgt keinem starren Schema, es gibt ebenso viele Ausnahmen wie Regeln.