Welch eine Aufbruchstimmung: Erst wird im Juni 2000 im Weißen Haus die Sequenzierung des menschlichen Genoms verkündet, drei Monate später verabschieden die UN die Millenniumsziele. Acht Ziele, die Hunderten Millionen Menschen in der Dritten Welt bis zum Jahr 2015 endlich Bildung, sauberes Trinkwasser und ein Ende von Armut und Hunger bringen sollen. Der Kampf gegen den Terrorismus und die Finanzkrise von 2008 verdrängten das Thema von der Agenda. Umso bemerkenswerter ist, dass viele Ziele dennoch erreicht oder nur knapp verfehlt werden. Schon arbeiten Experten der UN an neuen Zielen für 2030: den Sustainable Development Goals.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Wissen 6/2014, das am Kiosk erhältlich ist.

Doch darüber gibt es Streit. Der 17-seitige Entwurf listet 17 Ziele auf, jedes mit bis zu 13 Teilzielen. "Wenn man der Welt etwas Gutes tun will, muss man klare, realistische Ziele formulieren", kritisiert der dänische Umweltökonom Björn Lomborg. Auch andere Experten schimpfen. Anstatt sich der blutleeren Sprache von Diplomaten zu bedienen, sollten die UN von Konzernen wie Coca-Cola, McDonald’s oder Walt Disney ihre PR-Lektion lernen, sagt Kara Alaimo, die selbst in der UN Millennium Campaign gearbeitet hat. Völlig überladen, ohne klare Prioritäten seien die neuen Ziele, bemängeln die Entwicklungsökonomen Abhijit Banerjee und Varad Pande.

Tatsächlich bestachen die 2000er Millenniumsziele durch ihre Einfachheit, die freilich auch täuschen kann: Wer weniger als 1,25 Dollar am Tag zum Leben hat, gilt als extrem arm. Diese Armut zu halbieren ist zwar gelungen. "Aber was ist mit denen, die 1,80 Dollar oder etwas mehr verdienen?", fragt der Schweizer Ökonom Jean-Louis Arcand. ZEIT Wissen hat Detlev Ganten, den Begründer des Weltgesundheitsgipfels, gefragt, was wir bis 2030 erwarten können.

ZEIT WISSEN: Professor Ganten, Sie arbeiten als Mediziner daran mit, die Gesundheit der Weltbevölkerung zu verbessern und die Millenniumsziele zu erreichen. Gibt es für Sie ein persönliches Erlebnis, das Ihnen zeigt, dass wir diese Ziele schaffen können?

Detlev Ganten: Ich bin 1947 in die Schule gekommen. Damals war Kinderlähmung noch eine verbreitete Viruskrankheit, die häufig einherging mit einer Lähmung des Zwerchfells. Dagegen gab es die Eiserne Lunge: einen Apparat, in dem Patienten mit Unterdruck beatmet wurden. Eine Klassenkameradin litt an Polio und musste in die Eiserne Lunge. Wir haben sie damals im Krankenhaus besucht. Heute ist Polio durch Impfung weitgehend ausgerottet. Das war für mich ein Schlüsselerlebnis.

ZEIT WISSEN: In dem Entwurf der neuen Sustainable Development Goals, die die Millenniumsziele im Jahr 2015 ablösen sollen, will man auch HIV und Malaria bis 2030 besiegen. Wie realistisch ist diese Hoffnung?

Ganten: Es ist sehr ehrgeizig. Aber auch von Polio und Pocken hätte man früher nicht gedacht, dass man sie ausrotten kann. Gegen Malaria gibt es die Möglichkeit der Impfungen, gegen Aids wirksame Therapien, insofern halte ich das Ziel für erreichbar. Und man muss ehrgeizige Ziele haben, sonst mobilisiert man die Gutwilligen nicht. Natürlich kann irgendeine Katastrophe die Bemühungen immer wieder zurückwerfen.

ZEIT WISSEN: So wie die Ebola-Epidemie?

Ganten: Epidemien wie Ebola wären im Prinzip einzugrenzen, weil sie nicht über die Luft übertragen werden, sondern über Körperkontakt. Rituale wie das Küssen der Toten verbreiten solch einen Erreger. Solange man mit diesen und anderen Gewohnheiten nicht brechen kann und hygienische Maßnahmen in diesen Ländern so schwierig sind, wird man solche Epidemien nicht ganz verhindern können. Andererseits kommen dann die Helfer mit diesen ungewöhnlichen "Mars-Anzügen" ins Dorf und isolieren die Infizierten und Verdächtigen in Ghettos. Und die Bevölkerung weiß: Wer in diesen Ghettos ist, der stirbt wahrscheinlich. Hier treffen also Hygienemaßnahmen und Kulturen zusammen, die kaum kompatibel sind.