Zu den neuen Aufgaben des ehemaligen Briefträgers Hans Jørgen Hansen gehört es, sich über das menschliche Verhalten zu wundern. Ihm sind da ein paar Merkwürdigkeiten aufgefallen. Zum Beispiel bei seinen früheren Kollegen.

Wenn die dänischen Postboten morgens um fünf die Briefe sortieren, brauchen sie helle Neonbeleuchtung. Doch wenn sie dann ihre Tour beginnen, vergessen sie, das Licht auszuschalten, obwohl die Zentrale ständig zum Energiesparen aufruft. Die Lampen beleuchten dann stundenlang menschenleere Räume. Das ist schlecht für die CO₂-Bilanz und kostet viel Geld. Geld aus Hansens Budget, denn der ist so etwas wie der oberste Hausmeister der dänischen Post, zuständig für alle 150 Briefverteilzentren im Land. Jetzt hat Hansen eine Idee, wie er die Energieverschwendung verringern kann. Es ist ein Gedanke, der sich gerade wie ein Virus in der westlichen Welt ausbreitet: Verhaltensforscher sollen das Problem lösen.

Nudging heißt das Konzept, englisch für "anstupsen". Es geht um eine neue Methode, die Gesellschaft zu verändern und Politik zu machen. Nicht mit Appellen, Steueranreizen oder Verboten, sondern mit Psychomethoden, die auf unterbewusste Verhaltensmuster zielen. Hansens Vorbild ist das Behavioural Insights Team der britischen Regierung – Spitzname: nudge unit –, das seit 2010 von acht auf vierzig Mitarbeiter angewachsen ist. In Experimenten testen die Forscher, durch welche Anstupser die Bürger mehr Energie sparen, pünktlicher Steuern zahlen oder sich als Organspender registrieren lassen – Kritiker warnen schon vor staatlich sanktionierter Gehirnwäsche.

Auch in Deutschland wird Nudging heiß diskutiert, seit das Bundeskanzleramt Ende August drei Stellen ausgeschrieben hat. Die Bewerber sollen sich in Psychologie, Anthropologie und Verhaltenswissenschaft auskennen. In zehn Jahren könnten wir brave Bürger sein, ohne dass wir es merken. So wie die Briefträger in Dänemark.

An einem Freitag im Juni sitzen Hans Jørgen Hansen und Karsten Schmidt in einem Konferenzraum der Hauptpost in Kopenhagen. Schmidt ist der Verhaltensforscher, der zusammen mit seinen Kollegen von der Universität Roskilde Dänemark umkrempeln will. Für den nächsten Tag erwartet er Politiker und Wissenschaftler aus aller Welt zum Gründungstreffen des Europäischen Nudging-Netzwerks. Auch Hansen hat sich angemeldet, und eine hohe Beamtin aus dem deutschen Kanzleramt. Aber nun ist die Post dran. Hansen schenkt Kaffee in Plastikbecher aus und erzählt, wie er vom Nudging-Virus infiziert wurde.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Wissen 6/2014, das am Kiosk erhältlich ist.

Da war dieser Zeitungsartikel über das Müllproblem in Australien. Autofahrer warfen ihre leeren Getränkedosen achtlos aus dem Fenster auf die Straßen. Entlang der Highways häufte sich der Müll – bis Verhaltensforscher auf die Idee kamen, den menschlichen Spieltrieb auszunutzen. Sie stellten in der Nähe von Ortschaften Tore auf. Nun hoben sich die Autofahrer ihre Dosen bis zum nächsten Zielwerfen auf. Die Stadtreinigung brauchte nur noch dorthin zu fahren und alles einzusammeln. "Ich dachte, dass wir uns davon etwas abschauen könnten", sagt Hansen. Er ist ein schmaler Mann mit Bürstenfrisur und Kugelschreiber in der Hemdtasche. Nachdem er mehr über die Nudging-Philosophie gelesen hatte, machte er sich eine Liste.

Ziele, die er mit den Werkzeugen der Verhaltensforschung erreichen wollte: dass die Postboten das Licht ausschalten; dass sich die Angestellten in der Kantine gesünder ernähren, denn dann sind sie seltener krank; dass sie den Müll besser trennen und noch einiges mehr. Hansen ist jetzt seit 25 Jahren bei der Post. Früher kamen Unternehmensberater ins Haus, um den Staatsbetrieb effizienter zu machen. Diesmal kam Karsten Schmidt. Er wählte aus Hansens Liste das Lichtproblem aus, weil Hansen von seinem Kopenhagener Büro aus den Stromverbrauch aller Sortierzentren minutengenau im Blick hat. Schmidt sagt: "Das ist ein Datenschatz." Er grinst. Big Data.

Deshalb ist im Zusammenhang mit Nudging oft auch von evidenzbasierter Politik die Rede, im deutschen Koalitionsvertrag heißt es "wirksam regieren": Die Forscher testen ihre Ideen so ähnlich wie Arzneimittelforscher neue Medikamente. Eine zufällig ausgewählte Gruppe wird gestupst, eine Kontrollgruppe nicht. Nach ein paar Wochen oder Monaten vergleicht man die beiden Gruppen. Früher machten Verhaltensforscher solche Experimente mit Studenten in Universitätslabors. Heute ist die vernetzte Gesellschaft ihr Labor. Der Beginn des psychologischen Staates heißt eines ihrer Bücher. Die Forscher sind im Paradies angekommen.

Auf dem Konferenztisch vor Hans Jørgen Hansen liegt eine Rolle mit Aufklebern. Das Motiv: Ein emporgestreckter Daumen vor einem Lichtschalter, Hintergrund grün, darüber steht "Klik". Hansen hat 6.000 davon bestellt, sie sollen nun an die Schalter geklebt werden. Niemand mache mit dem Daumen das Licht aus, sagt Schmidt, aber das Zeichen ähnele dem Like-Button von Facebook, und die grüne Farbe signalisiere ökologisch erwünschtes Verhalten. "Das soll die Intuition ansprechen." Kann man in den Sortierzentren nicht einfach Zeitschaltuhren einbauen? "Man kann solche Probleme durch Technik oder durch Verhaltensänderung lösen", sagt Schmidt. "Technische Lösungen sind teurer."

Die Idee mit dem Aufkleber klingt banal, aber das ist nur der Anfang. 90 Sortierzentren werden außerdem per Losverfahren in drei Gruppen eingeteilt. In der Kontrollgruppe bleibt alles wie bisher. Die zweite Gruppe sieht zweimal pro Woche auf einem Monitor am Eingang eine Botschaft: "Euer Energieverbrauch liegt x Prozent unter eurem Vorjahresbudget." Die dritte Gruppe sieht außerdem einen sozialen Vergleich: "Euer Energieverbrauch liegt y Prozent unter dem Durchschnitt der anderen Zentren." – "Was wir hier machen, ist nicht umstritten", meint Hansen, "Energiesparen ist doch Konsens."