Als Dieter Gurkasch und sein Kumpel mit Schreckschuss-Revolvern ein kleines Hamburger Geschäft überfallen, soll es eigentlich ein Beutezug wie andere zuvor sein. Doch als die beiden mit 320 Mark Beute fliehen, hat Dieter Gurkasch die Besitzerin so brutal zusammengeschlagen und getreten, dass sie drei Wochen später stirbt.

Für den Raubmord wird er zu 13 Jahren Gefängnis verurteilt. Kaum entlassen, begeht er gleich neue Überfälle. Bis er sich eines Tages mit der Polizei ein Feuergefecht liefert und in den Rücken getroffen zusammensackt. Diesmal lautet das Urteil des Richters: noch einmal zwölf Jahre Gefängnis mit anschließender Sicherheitsverwahrung.

Ein Yogastudio in Stralsund, durchflutet vom spätsommerlichen Nachmittagslicht. Ein freundlicher Mann Mitte fünfzig leitet Atemübungen an, barfüßig, in weißer Kleidung, mit schulterlang wallendem Haar und einer Holzkette um den Hals. Er spricht mit sanfter Stimme, empfiehlt Yoga und Meditation als stärkende Hilfen auf dem Weg zu Achtsamkeit und Liebe. Der Mann ist Dieter Gurkasch.

Kann sich jemand wie er ändern? Kann ein brutaler Verbrecher ein liebevoller Mensch werden? Wie es aussieht: ja. Gurkasch hat die Gewalt hinter sich gelassen und ein neues Leben begonnen. Als Yogalehrer will er für seine Mitmenschen da sein. Er wünscht sich, dass seine Umkehr andere ermutigt: "Wenn ich als ehemals hasserfüllter Gewaltverbrecher mich derart positiv entwickeln konnte, dann können andere das auch."

Jeder hat sich wohl schon einmal gefragt: Kann ich ein anderer Mensch werden? Oder ist der Charakter eine unveränderliche Matrix, unter deren Gesetz sich unser Dasein abspielt? Unsere Schwächen, Fehler, Laster und schließlich unsere schwärzesten Seiten, die wir uns kaum eingestehen mögen – sind wir alldem ausgeliefert? Welche Bedingungen braucht es, damit ich mich zur Fülle meiner Möglichkeiten entfalte? Es sind fundamentale Fragen des Lebens – und große Herausforderungen. Wie oft schwanken wir bei guten Vorsätzen zwischen hoffnungsvollem Schwung und lähmendem Fatalismus? Wie oft erscheint ein fester Plan auf einmal unmöglich? Eines immerhin ist tröstlich: Die Zeit arbeitet für uns. Im Laufe des Lebens werden Menschen in der Regel zuverlässiger, umgänglicher und emotional stabiler, ohne dafür Besonderes tun zu müssen. Das ist beruhigend, doch viele Probleme lösen sich nicht durch Abwarten. Dieter Gurkasch musste fast sterben, bevor er neu anfangen konnte.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Wissen 6/2014, das am Kiosk erhältlich ist.

Bei der Schießerei mit der Polizei traf eine Kugel ihn zwischen Herz und Wirbelsäule. "Endlich ist der Scheiß vorbei", war sein vermeintlich letzter Gedanke. "Ich empfand eine ungeheure Befreiung und Erleichterung." Doch das Leben wollte es anders: Er erwachte auf der Intensivstation. Mit seinem Schicksal hadernd, nicht tot zu sein, bemerkte er eine Veränderung an sich: "Mein grenzenloser Hass war fast weg. Wut, Zorn und Feindseligkeit, die mich immer erfüllt und umhüllt hatten – sie waren nicht mehr da." War das nicht ein wunderbares Gefühl? "Nein. Ich fühlte mich völlig niedergeschlagen. Ich empfand, dass mit dem Verlust von Hass und Wut meine Kraftquelle zerstört war. Wie sollte ich nun die lange Gefängnisstrafe durchhalten, die vor mir lag?" Erst Jahre später, nachdem er sich in seiner Zelle auf den Weg der Achtsamkeit begeben hatte, wusste er sein Glück zu würdigen: "Das Verschwinden meiner Wut hat erst den seelischen Raum geschaffen, in dem meine weitere Entwicklung möglich wurde."

Schon die Antike kannte die Lehre von den vier Temperamenten: dem des lebhaften Sanguinikers, des trägen Phlegmatikers, des niedergedrückten Melancholikers und des aufbrausenden Cholerikers. Unzählige Lehren und Theorien sind seitdem entstanden. Heutige Forscher gehen oft von fünf Grunddimensionen der Persönlichkeit aus, den sogenannten Big Five. Sie ermessen, wie verträglich ein Mensch ist, wie extrovertiert und gewissenhaft, ob er emotional stabil ist und neuen Erfahrung aufgeschlossen gegenübersteht. Ein individuelles Big-Five-Profil beruht auf Antworten in umfangreichen Fragebögen. In Längsschnitt-Studien werden Menschen im Laufe ihres Lebens immer wieder befragt. Jens Asendorpf, Psychologieprofessor an der Berliner Humboldt-Universität, arbeitet mit solchen Langzeitstudien. Sie zeigen Verblüffendes. "Nicht nur Freud hatte unrecht mit seiner Vermutung, dass alles für die menschliche Eigenart Wesentliche in der Kindheit geschieht", sagt Asendorpf. "Auch Robert McCrae lag falsch, dessen berühmt gewordene Studien Flexibilität bis zum Alter von etwa dreißig Jahren zu zeigen schienen. Tatsächlich verändert sich die Persönlichkeit im Normalfall bis zum Alter von etwa fünfzig Jahren und bleibt danach im Wesentlichen stabil."