Zum Urlaub in Spanien muss man nicht von Kiel aus in Wanderschuhen aufbrechen. Das verlangte Hannes Schleicher auch gar nicht. Seine Verzweiflung hatte einen anderen Grund: Als er versuchte, Urlaub zu verkaufen, der gut für Menschen, Tiere und Umwelt am Ferienort ist, nicht mit erhobenem Zeigefinger, einfach Urlaub mit gutem Gewissen, interessierte sich niemand dafür. Seine Kunden sorgten sich zwar durchaus um die Natur, kannten sich mit dem Klimawandel aus und spendeten manchmal für Entwicklungsländer. Aber im Urlaub, sagt Schleicher, "wollen die Leute im Grunde nur eins: Urlaub machen!". Auch vom ständigen Weltretten.

Hannes Schleicher kümmert sich beim Reiseveranstalter Gebeco um die Nachhaltigkeit der Firma und ihrer Angebote, und seine erste Lektion hatte er gelernt: Rede nicht dauernd von Nachhaltigkeit, wenn die Leute verreisen wollen. Das turnt ab.

Denn die Urlaubsgewohnheiten der Deutschen sind etwas paradox. Als Forscher diese genauer untersuchten, lernten sie vier Typen von Reisenden kennen: Zuhausebleiber, Autoreisende, Mitteldistanzurlauber (Radius: Mittelmeer) und Fernreisende. Die Zuhausebleiber interessieren sich wenig für andere Länder, sind in der Regel eher bildungsfern und haben meist auch kein Geld für lange Reisen. Umwelt- und Klimaschutz haben für diese Menschen keine Priorität, trotzdem verhalten sie sich ökologisch perfekt. Sie unterstützen durch ihren Urlaub keine Diktaturen und nehmen in heißen Ländern nicht den Einheimischen das Trinkwasser weg, indem sie Golf spielen oder zweimal täglich duschen. Die Fernreisenden dagegen sind gebildet, interessiert an fremden Ländern, verdienen gut und bezeichnen sich als umweltbewusst. Was den Klimawandel angeht, sind sie allerdings die größten Urlaubs-Umweltschweine: Sie verursachen 80 Prozent aller reisebedingten CO₂-Emissionen, denn sie fliegen oft und gerne möglichst weit weg.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Wissen 6/2014, das am Kiosk erhältlich ist.

Zwanzig Prozent der Deutschen wollen umweltbewusster reisen, ergab eine Befragung im Auftrag des WWF. Aber sie tun es nicht. Lange Zeit hieß es, man müsse die Menschen nur mit mehr Informationen versorgen, damit sie ihr Verhalten ändern. CO₂-Rechner wurden programmiert, Umweltsiegel erfunden. Neue Erkenntnisse der Entscheidungsforschung zeigen: Die Vielzahl an Informationen verwirrt mehr, als sie hilft (ZEIT Wissen 5/2014). Kaum jemand wägt alle Vor- und Nachteile gegeneinander ab, die meisten folgen einfachen Faustregeln, sogenannten Heuristiken. Zum Beispiel fahren sie dahin, wohin sie schon immer fahren (Gewohnheit). Oder sie folgen dem Rat ihrer Freunde (Nachahmung). Die gute Nachricht lautet: Auch für ökologisch und sozial bewusste Urlauber gibt es einige Merkregeln, mit denen man vieles richtig macht, ohne sich zu verzetteln.

"Rein ökologisch betrachtet, macht die An- und Abreise meist die größte Belastung für die Umwelt aus", sagt Petra Thomas, die Geschäftsführerin des forums anders reisen. Der Verein vertritt Veranstalter, die nachhaltigen Tourismus organisieren. Thomas rät zwar nicht davon ab, andere Kontinente zu besuchen. Aber: "Je weiter weg man reist, desto länger sollte man am Zielort bleiben." Der WWF hat dafür eine Faustregel aufgestellt: unter 700 Kilometer kein Flugzeug nutzen, bis 2.000 Kilometer mindestens acht Tage Aufenthalt, ab 2.000 Kilometer mindestens 15 Tage. Der Grund ist, dass das Flugzeug mit Abstand die meisten Treibhausgase emittiert. Bahn, Bus und Auto schneiden besser ab.

Umweltverträglich zu reisen heißt aber nicht nur, weniger Treibhausgase zu verursachen, sondern auch, kein Wasser zu verschwenden. "Gerade in Gebieten, in denen es knapp ist, wird die Wasserversorgung für die Touristenzentren häufig zulasten der örtlichen Bevölkerung aufgebaut", sagt Verena Haan von Amnesty International. Das gilt auch für beliebte Ziele in Europa, wie Bochumer Forscher am Beispiel von Mallorca zeigen konnten: Der durchschnittliche Einwohner verbraucht weniger als 100 Liter Wasser am Tag. In den Orten, die hauptsächlich vom Tourismus leben, liegt der Pro-Kopf-Verbrauch bei mehr als 250 Litern. Ein Großteil wird für Pools, Grünflächen und Golfplätze verschwendet. Die Gemeinde Calvia zählte 1990 auf ihrem Gebiet 173 Swimmingpools, 2004 waren es 634. Sinkt der Grundwasserspiegel, sickert Meerwasser in die unterirdischen Reservoirs. Dadurch sind die Trinkwasserreserven im gesamten Becken von Palma de Mallorca bereits stark versalzen.

Ist es wirklich so schwer, verantwortungsbewusst zu reisen?

"Wählen Sie Angebote aus, deren Wasserverbrauch der Landschaft angepasst ist", rät Christine Plüss, Geschäftsführerin des Schweizer arbeitskreises tourismus & entwicklung. "Also kein Hotel mit drei Pools und Golfplatz in der Wüste oder mit Infinity-Pool gleich am Meer."

Das Problem ist nicht der einzelne Tourist. Es sind die Massen. Im Jahr 2009 zahlten 13 Millionen Urlauber insgesamt 2,1 Milliarden Dollar, um Wale zu sehen, berichten kanadische Forscher. Das führt dann dazu, dass mancherorts mehr Touristenboote als Wale unterwegs sind. Und wer dafür zahlt, einen Wal im Meer zu sehen, will ihn auch vor die Kamera bekommen. Zeigt sich ein Wal, beginnt die Jagd. Denn die Tourguides wissen: Wer am nächsten rankommt, erhält das meiste Trinkgeld. Mit Ökotourismus und der Liebe zur Natur hat das wenig zu tun. Als Lösung bietet sich eine Regel an: Fahre nur dorthin, wo die Tiere nicht vor dir Reißaus nehmen.

Vor allem aber sollten die Menschen vor Ort sich auf und über Touristen freuen. Oft ernähren sie von deren Geld ihre Familien. Die Frage ist nur: Kommt das Geld wirklich bei ihnen an? Oder geht es an einen Hotelkonzern mit Hauptsitz in einer Steueroase? Der Kampf um das Geld der Urlauber wird oft rücksichtslos geführt. In Kambodscha, sagt Verena Haan von Amnesty International, "waren 2009 insgesamt 160 Familien von der Vertreibung bedroht, weil das Gebiet, auf dem sie wohnten, touristisch erschlossen werden sollte. Und in Honduras kämpfen die indigenen Garifuna gegen Pläne privater Investoren, auf ihrem Land ein Resort mit Golfplatz zu errichten." Soll man Honduras deswegen boykottieren? Oder sollen wir unsere Urlaubsziele mit dem Folterbericht von Amnesty International abgleichen? "Wir beziehen keine Stellung zu Reisen in Länder, in denen systematische Menschenrechtsverletzungen begangen werden", sagt Haan. "Aber wie in jedem anderen Kontext auch rufen wir dazu auf, als Tourist die Menschenrechte zu achten." Und wer in Länder reisen möchte, in denen Regimekritiker verhaftet werden, sollte vielleicht vor Reisebeginn über das Thema nachdenken.

Eine große Befürchtung der Deutschen ist offenbar, dass nachhaltiges Reisen zu teuer ist. Als die Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen im vergangenen Jahr eine Umfrage dazu in Auftrag gab, antwortete jeder Zweite, er würde ja gerne nachhaltiger reisen, wenn damit keine zusätzlichen Kosten verbunden wären. Ebenso viele Menschen vermuten, dass sie sich ihre gewohnten Urlaubswünsche auf einer nachhaltigen Reise nicht so gut erfüllen können.

Ist es wirklich so schwer, verantwortungsbewusst zu reisen? Eigentlich gar nicht. Wechseln wir kurz die Perspektive: Welche unausgesprochenen Spielregeln gelten für Gäste, die zu uns nach Hause kommen? Meistens haben wir schon im Voraus einiges für sie getan – aufgeräumt zum Beispiel und Essen gekocht. Dafür erwarten wir Anerkennung. Ein Mitbringsel vielleicht oder ein Lob für den liebevoll dekorierten Tisch. Im Gespräch hören wir zu, was sie aus ihrem Leben erzählen, und erzählen von unserem. Wir stellen Fragen und erwarten, gefragt zu werden. Am Ende hatten alle einen schönen Abend.

Im Urlaub könnte es ähnlich sein. Warum nicht jeden Tag ein anderes einheimisches Gericht ausprobieren? Oder im Ausland jeden Tag mindestens fünf neue Wörter in der Landessprache lernen? Je mehr wir uns mit unseren Gastgebern austauschen, desto sozialer wird das Urlaubserlebnis.

Hannes Schleicher hat für den Reiseveranstalter Gebeco eine Lösung gefunden: Er macht die Reisen besser, ohne dass die Kunden es merken. "Wir bieten nicht nur die Produktlinie ›nachhaltiges Reisen‹ an", sagt er, "sondern gestalten auch alle anderen Studien- und Erlebnisreisen in unserem Programm nachhaltiger, ohne sie dafür mit dem Öko-Stempel zu kennzeichnen." Da wird hier mal ein Inlandsflug gegen eine Bahnfahrt getauscht, dort ein Hotel mit vorbildlichem Wassermanagementplan ausgewählt. Schleicher sagt: "Die Kunden merken die Unterschiede in der Regel nicht, aber die Reise wird dadurch wesentlich nachhaltiger." —

Angelika Franz hat diese Recherche auch deshalb interessiert, weil sie viel durch die Welt reist. Am Ende hatte sie ein paar Gründe mehr für ein schlechtes Gewissen – aber auch neue Ideen, um es in ein gutes zu verwandeln.