... wenn wir einen Ort verlassen

Wir sind Menschen, wir können nicht anders. Wir hinterlassen Spuren an Plätzen, die wir besuchen, in den Gehirnen anderer Menschen, in der Welt. Mit Absicht oder ohne es zu wollen. Was von uns übrig bleibt, wenn wir einen Ort verlassen, einen Partner oder gar das Leben, haben wir nicht immer in der Hand. Doch immer bleibt etwas zurück, bei uns, in uns, von uns: Kaugummiflecken vor dem Kino, Erinnerungen an den ersten Kuss, das Schnupftuch von Opa. Geld auf der Bank, ihr Geruch im Lieblingspullover, erstarrte Körper in Pompeji. Vieles vergeht schnell, manches bleibt für immer.

Es gibt viele Arten, einem Ort den Rücken zu kehren – so viele, wie es Orte gibt. Man kann freiwillig gehen oder erzwungen, erleichtert oder verschreckt, geplant oder überstürzt. Es gibt Orte, an die man jahrelang immer wieder zurückgekehrt ist, es gibt Plätze, an die man nicht mehr zurückkehren kann. Und es gibt Orte, an denen man nur kurz verweilt: Restaurants, Busse, Supermärkte. Was davon bleibt, sind Kassenzettel, Tickets, Rechnungen. Kühle Beweise eines flüchtigen Besuchs – mit Zeitstempel.

Was immer bleibt, ist verschwindend klein: eine winzige Dosis wir selbst. Unser Körper ist so beschaffen, dass er überall Spuren hinterlässt. Zum Beispiel Hautzellen. 40.000 davon verlieren wir jede Minute, mehr als 50 Millionen am Tag, alle zwei Monate schlüpfen wir in eine neue Haut. Bei jedem unserer Schritte fließt um unseren Körper herum ein feiner Luftstrom, der an den Füßen beginnt, die Beine hochwandert, sich unter den Armen verlangsamt, schneller den Konturen des Gesichts folgt und dann die winzigen Zeugnisse unserer Anwesenheit in der Umgebung verteilt.

Klumpen ein paar Hundert davon zusammen, können wir sie sehen und nennen sie Staub. Bis zu eineinhalb Tage lang ist unsere Existenz an einem Ort so nachweisbar. Oder anhand der rund 100 Kopfhaare, die wir von morgens bis abends verlieren. Oder durch unsere Fingerabdrücke, die sich auf Plastiktüten ganze sieben Jahre lang halten können. Die ältesten Fußabdrücke der Welt finden sich in Tansania und sind rund 3,5 Millionen Jahre alt.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Wissen 1/2015, das online oder am Kiosk erhältlich ist.

Was wir mitnehmen, wenn wir einen Ort verlassen, ist meist unsere Entscheidung. Was nicht übrig bleiben soll, lässt immer etwas davon erkennen, wer wir wirklich sind. Als die Angestellten der Investmentbank Lehman Brothers 2008 ihre Büros räumen mussten, erinnert sich einer, "weinten einige, andere tranken Bier, viele rauchten. Sie packten Kartons mit Büropflanzen und Familienbildern. Frauen warfen Schuhe in Kisten. Was ich nicht wusste: Die meisten hatten mehrere Paare unter ihren Schreibtischen." Christa Wolf schildert in der Erzählung Nachruf auf Lebende aus der Sicht einer 15-Jährigen eine Flucht im Januar 1945. Sie beschreibt, wie die Mutter ihren Silberfuchs "mit einer endgültigen Geste" in den Schrank zurücklegt – eine Geste, die sie nie mehr vergessen wird. "Großmutter hatte von allen Schränken und Türen alle Schlüssel mitgenommen, denn so schlecht waren die Menschen gewiss nicht, dass sie Türen aufbrachen", schreibt sie. Viele Jahre später "fand man nach ihrem Tod alle Schlüssel in einem Täschchen unter ihrer geringfügigen Wäsche".

Unsere Mitnehmsel sind Gegenstände, die niemand anderes haben soll oder die uns nützlich sein könnten – und mit denen wir die Essenz des Ortes bewahren wollen. In einem deutschen Museum liegt ein abgewetzter Teddybär. Er hat einmal einem Mädchen gehört, Andrea, und es war nicht nur ihr Lieblingsteddy, damals, im November 1973. Es war auch das Signal für einen Fluchthelfer, dass die Luft rein war. Dass ihre Flucht aus der DDR beginnen konnte. Der Bär hieß Bärlihupf, Andrea hatte ihn zu ihrem zweiten Geburtstag geschenkt bekommen. Als sie sich unter die Rückbank des Fluchtwagens quetscht, ist sie zwölf Jahre alt. Der Bär und Andrea schaffen es in den Westen, Bärlihupf bleibt übrig von zwölf Jahren DDR. Vier Geschwister bleiben zurück. Als fast zwanzig Jahre später Erich Honecker flüchten muss, packt er zwei Koffer. Die sollen nach Moskau gebracht werden, doch dazu kommt es nicht. Heute wissen wir, was Honecker wichtig war: Ehrendoktor-Urkunden, Schulzeugnisse aus den dreißiger Jahren, rund 400 Fotos aus mehreren Generationen seiner Familie. Ein Fotoalbum zeigt nur seinen Jagdhund Flex. Das alles war seins. Das sollte niemand sehen. Das sollte ihm nachreisen, nachdem er sein verschwindendes Land verlassen hatte.