Darf man ein Buch über den "moralisch aufgeladenen Konsumalltag" bei Amazon kaufen? Es heißt Verbraucherdemokratie, und der Soziologe Jörn Lamla diskutiert darin, ob Bürger mit ihren Kaufentscheidungen Macht ausüben sollen. Macht, Konsum, Moral – das hat mit Amazon zu tun: Der Konzern wird von der Gewerkschaft wegen schlechter Arbeitsbedingungen kritisiert. Verlage fürchten seine Marktmacht. Zuletzt schrieben die Zeitungen, dass Amazon über Briefkastenfirmen seine Steuern kleinrechnet.

Wenn man allerdings Jörn Lamlas Buch als E-Book bestellte, wäre es ein paar Sekunden später auf dem Amazon-Reader Kindle zu lesen. Keine Bäume müssten dafür gefällt werden, kein Wasser würde verbraucht, und im Leipziger Logistikzentrum müsste auch niemand zum Regal laufen. Aber werden die Leute dort dann nicht arbeitslos? Fördert der Kindle das Aussterben der Buchhandlungen, deren E-Book-Format man damit nicht lesen kann?

Amazon ist das Symbol für ein Dilemma: Man will verantwortungsbewusst konsumieren, aber nicht zu unbequem. Schon eine Buchbestellung gerät zur Gewissensentscheidung. Man könnte nun Ökobilanzen und Fairtrade-Label studieren, aber die mehr als 1.000 Gütesiegel stiften inzwischen so viel Verwirrung, dass Verbraucherschützer ein Label-Bewertungsportal betreiben, eine Art Metaphysik für Nachhaltigkeit.

Geht es nicht einfacher? Das war die Ausgangsfrage dieser ZEIT Wissen-Serie. Die meisten Menschen führen keine mentalen Strichlisten, wenn sie einkaufen, sondern entscheiden unbewusst nach Faustregeln, sogenannten Heuristiken. Die Hoffnung ist, dass sich Faustregeln finden lassen, die verantwortungsbewussten Konsum ermöglichen, ohne dass man sich verzettelt. Welche Entscheidungen machen wirklich einen Unterschied, und über welche Anschaffungen braucht man sich nicht den Kopf zu zerbrechen? Welche Unternehmen täuschen ihr ökologisch-soziales Engagement nur vor, welche meinen es ernst? Die Suche nach Antworten führt zu Ökobilanzierern, Umweltschützern, Textilexperten. Die haben sich längst ihre eigenen Faustregeln zurechtgelegt.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Wissen 1/2015, das online oder am Kiosk erhältlich ist.

Jens Gröger geht es manchmal wie einem Arzt: Sobald er anderen von seiner Arbeit erzählt, bitten sie ihn um Rat. Gröger hat für das Öko-Institut Hunderte Alltagsgeräte analysiert, Produkttests durchforstet und Treibhausgasemissionen abgeschätzt. Dabei kam beispielsweise heraus, dass ein E-Reader gegenüber Papier im Vorteil ist, wenn man mehr als acht Bücher im Jahr liest und das Gerät drei Jahre lang nutzt. Allerdings sind die Unterschiede gering. Wer 20 Bücher im Jahr liest, spart vier Kilogramm CO₂, wenn er digital statt auf Papier liest. Das entspricht den Emissionen von 30 Kilometer Auto fahren. Soll man deshalb seine Lesegewohnheiten umkrempeln?

Vor Kurzem kam eine Frau auf Gröger zu und erzählte ihm, dass sie die Sahne mit einem Handbesen schlage, um Energie zu sparen. Dabei habe sie sich eine Sehnenscheidenentzündung zugezogen. Gröger sagt: "Man muss sich nicht quälen. Es kommt darauf an, die richtigen Prioritäten zu setzen." Sahneschlagen mit dem Schneebesen gehört eher nicht dazu.

Bei Haushaltsgeräten sind die Auswirkungen auf Klima, Luft und Böden detailliert untersucht worden. Laut Öko-Institut machen die Herstellung und die Nutzung elektrischer Geräte nur zwölf Prozent der Ökobilanz eines Durchschnittshaushalts aus. Die Hälfte davon entfällt auf Kühlschrank, Waschmaschine, Trockner, Herd, Geschirrspüler, die andere Hälfte auf Fernseher, Computer, Telefon, Handy, Unterhaltungselektronik. Textilien stehen mit nur einem Prozent in der Bilanz. Viel größer sind die Posten Mobilität (40 Prozent), Wohnen, also Heizen, Möbel und Hausbau (30 Prozent), Lebensmittel (15 Prozent). Die Untersuchung ist neun Jahre alt, gibt aber ein Gefühl für die Größenordnungen.

Ein Anteil von zwölf Prozent ist nicht gerade viel, und man könnte an dieser Stelle aufhören, über die Umweltfolgen von Geräten nachzudenken. Andererseits ist es oft einfacher, sparsame Geräte zu kaufen, als auf ein kleineres Auto umzusteigen. Und ein Haushalt mit zwei Personen, der nur die energieeffizientesten Geräte benutzt, spart laut Öko-Institut immerhin rund eine Tonne CO₂ im Jahr im Vergleich zum Durchschnitt.

Aber darf man ein altes, funktionsfähiges Gerät verschrotten, um mit einem neuen CO₂ zu sparen? Es komme darauf an, sagt Grögers Kollegin Dietlinde Quack, die seit Jahren die sparsamsten Haushaltsgeräte für die Webseite ecotopten.de ermittelt. Bei großen Geräten wie Waschmaschine oder Kühlschrank entfallen nach typischen Lebensdauern von 10 bis 15 Jahren etwa 90 Prozent der Ökobilanz auf die Nutzung, nur 10 Prozent auf die Herstellung. Bei Elektronikgeräten wie Computern und Handys ist es umgekehrt: Die Herstellung trägt bei dreijähriger Nutzung 75 Prozent zur Gesamtbilanz bei, nach fünf Jahren immer noch 60 Prozent. Quacks Faustregel: Wenn ein Großgerät zehn Jahre alt ist, kaufen Sie ein neues. Für Kleingeräte mit viel Elektronik gilt: möglichst lange benutzen.