Die Nacht ist ein Schatten, der uns gefangen nimmt. Wenn unser Teil der Erde sich in deren Kernschatten hineindreht, bricht die Dunkelheit über uns herein. Früher waren die Menschen buchstäblich eingesperrt: Im Mittelalter verhängten Städte nächtliche Ausgangssperren, noch bis ins 19. Jahrhundert ließen Kommunen Stadttore und Häuser verriegeln. Wenn es dunkel wird, überkommt die Menschen seit je ein Unbehagen, sei es die Angst vor Geistern, vor wilden Tieren, vor Mord und Totschlag, vor der Einsamkeit oder den eigenen Dämonen. "Die" Nacht ist unheimlich: "Wie alles Weibliche birgt sie Ruhe und Schrecken zugleich", schreibt der Historiker Wolfgang Schivelbusch.

Die Nacht ist aber auch ein Schatten, der uns befreit – von den Regeln des Tages, den Blicken der anderen, den Gesetzen der Realität. Die Nacht kennt keine Verpflichtungen; alles scheint möglich, ob wir schlafen oder wach sind. Im Universum der Träume können wir fliegen oder unter Wasser atmen, wir können die Toten wiedersehen und uns in Menschen verlieben, die nie gelebt haben. Über den sonderbaren Zustand der Träumenden sinnierte Charles Dickens bei einem Spaziergang durch das nächtliche London. "Sind die Gesunden und die Geisteskranken nicht ebenbürtig?", fragte er sich, vor einer Nervenheilanstalt stehend, "sind wir nicht in jeder Nacht unseres Lebens mehr oder weniger in derselben Verfassung wie jene dort drinnen?"

Selbst den Wachenden erscheint nachts möglich, was sie am Tag kaum wagen oder vollbringen würden: Unsere Vorstellungskraft wächst, wir denken kreativer und handeln verwegener. Aus braven Beamten werden Künstler, Abenteurer und Liebhaber, aus jungen Männern Kämpfer in virtuellen Welten. Die Nacht bringt Entscheidungen, sie gebiert Koalitionsverträge und Hausarbeiten, Liebesgedichte und Abschiedsbriefe. Im Krankenhaus müssen Patienten "die Nacht überstehen": Wenn es hell wird, beginnt die Hoffnung wieder zu leuchten, dass es weitergehen wird. Irgendwie.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN 2/2015, das online oder am Kiosk erhältlich ist.

Die Nacht ist ein Schatten, der schwindet. Spätestens seit Erfindung des künstlichen Lichts kann der Mensch die Nacht zum Tag machen. "Jeder Tag hat seine Plage, und die Nacht hat ihre Lust", schrieb Goethe; heute ist die Grenze gefallen: Im Schein der Lampen und Computerbildschirme können wir weiter lesen und lieben, einkaufen, schuften und grübeln, tanzen und trinken. Der Tag muss nie mehr enden. Unser Planet leuchtet heute so hell wie nie zuvor. Die Lichtmenge, die er in die Nacht ausstrahlt, verdoppelt sich alle elf Jahre. Zwei Drittel der Europäer und Amerikaner erleben gar keine echte Nacht mehr, ihnen ist die Dunkelheit abhandengekommen. All die Laternen und Lampen, die den Menschen eigentlich Sicherheit bringen sollen, werden zur Bedrohung. Zu viel Licht in der Nacht stört den natürlichen Rhythmus von Organismen. Die "Lichtverschmutzung" mache Menschen und Tiere krank, warnen Mediziner.

Wir drängen die Nacht zurück, dabei können wir ohne sie nicht leben. Zeit, mehr über jene Phase zu erfahren, in der wir uns am Ende eines jeden Tages aufs Neue verlieren – um zu dem zu werden, was wir sind.

Das Alphabet der Nacht von Z wie Zubettgehen bis A wie Aufstehen

Zubettgehen. Übergang in das Reich der Nacht, eingeleitet durch einen steigenden Spiegel des Hormons Melatonin, das den Körper am Abend allmählich auf den Schlaf vorbereitet. Körperkerntemperatur, Blutdruck und Muskelspannung sinken, ebenso wie die geistige Aufmerksamkeit. Wann dieser Prozess einsetzt, schwankt von Mensch zu Mensch, im Extremfall um bis zu sechs Stunden. Auch das Sonnenlicht hat Einfluss darauf: Der Chronobiologe Till Roenneberg fand heraus, dass die Bewohner ganz im Osten Deutschlands sich im Schnitt 34 Minuten früher schlafen legen als die Bewohner im äußersten Westen – wenn sie frei entscheiden können, wann sie zu Bett gehen (zum Beispiel, weil sie am nächsten Tag ausschlafen dürfen). Das Verhalten deckt sich mit dem Verlauf der Sonne, die am östlichsten Punkt des Landes 36 Minuten früher untergeht als am westlichsten.