Es gibt Momente im Leben, da fragt man sich plötzlich, ob alles in die richtige Richtung geht. Ob der Alltag einfach so weiterplätschern soll oder es an der Zeit ist für eine grundlegende Entscheidung. Die drei Projekte, die für den ZEIT Wissen-Nachhaltigkeitspreis in der Kategorie "Handeln" nominiert worden sind, haben vor allem eins gemeinsam: Sie wurden angestoßen von Menschen, die den Schritt abseits ausgetretener Pfade gewagt haben. Sie spürten die Notwendigkeit von Veränderungen, im Großen wie im Kleinen. Sie hatten Lust, einen aktiven Beitrag zu leisten, um die Welt ökologisch überlebensfähiger und nachhaltig gerechter zu gestalten.

Der Anwalt Andreas Spieß und die ehemalige Werberin Sina Trinkwalder haben gut bezahlte Jobs aufgegeben, um ihre Vision zu verwirklichen. Jetzt bringt Spieß Solarstrom in entlegene afrikanische Dörfer, und Trinkwalder hat in Augsburg jede Menge Arbeitsplätze für Näherinnen geschaffen, etwas, das in Deutschland angeblich chancenlos ist.

Ihre Freizeit opfern dagegen immer mehr Menschen, die sich bei den in vielen Städten entstehenden Reparatur-Initiativen engagieren. Kostenlos helfen sie, die Defekte von Geräten und Gegenständen zu beheben. Umsonst arbeiten und damit auch ein politisches Statement abgeben gegen eine umweltschädliche Wegwerfmentalität – das ist ihre Motivation.

Klamotten, bleibt doch einfach hier!

Sina Trinkwalder produziert Mode in Augsburg statt Asien

Mitten in Augsburg rattern Tag für Tag Nähmaschinen. Hinter der Glasfassade einer zentral gelegenen Produktionshalle nähen, ketteln, säumen Mitarbeiterinnen auf fast 5.000 Quadratmetern T-Shirts, Jeans und Einkaufstaschen. Damit knüpfen sie an die große Tradition der Stadt an: Vor gut 50 Jahren bot die Augsburger Textilindustrie noch Arbeitsplätze für fast 20.000 Menschen – bis die Branche hierzulande einen einzigartigen Niedergang erlebte und die Jobs nach Asien wanderten. Eine Entwicklung, die Sina Trinkwalder nicht akzeptieren mochte. "Ich will zeigen, dass Textilproduktion in Deutschland möglich ist", sagt die Jungunternehmerin. Mit ihrem sozial und ökologisch nachhaltigen Label Manomama ist ihr der Beweis gelungen.

Eigentlich hatte Trinkwalder mit der Textilbranche nichts zu tun. Gemeinsam mit ihrem Mann besaß sie eine Werbeagentur. Bis ihr klar wurde: "Das viele Geld, das ich als Werberin verdiene, ist Schmerzensgeld." Menschen Produkte schmackhaft zu machen, damit sie mehr konsumieren – das Leben glich einem Hamsterrad. "Ich wollte etwas Sinnvolles tun, das gesellschaftlich relevant ist", sagt die 36-Jährige. Normalerweise gebe die Produktidee den Anstoß zur Unternehmensgründung. "Meine Idee war der Mensch. Ich wollte Arbeitsplätze schaffen für Menschen, die sonst keiner will." In ihrer Heimatstadt Augsburg lag es nahe, Textilien zu produzieren. Mit Elan machte sie sich schlau über Produktdesign und Passformentwicklung, Textilchemie und Verfahrenstechnik. Im April 2010 startete sie mit einer selbst entworfenen T-Shirt-Kollektion und zwölf Mitarbeiterinnen, die vorher Hausfrauen oder arbeitslos gewesen waren. Inzwischen beschäftigt sie über 150 Frauen, das Angebot reicht jetzt bis zu Jeans und Jacken, Unterwäsche und Gürteln.

Außer der Bio-Baumwolle stammen alle Materialien aus regionaler Öko-Produktion. Der Onlineshop ist gut besucht, und bundesweit bieten Reformhäuser ihre Mode an. Trinkwalder hat ihr Ziel erreicht: Sie hat viele Jobs geschaffen für Menschen, denen der Arbeitsmarkt wenig bietet – und ein Projekt, das ihrem Leben Sinn verleiht.

Sonne, mach doch mal das Licht an!

Andreas Spieß stellt in afrikanischen Dörfern Solarkioske auf

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN 2/2015, das online oder am Kiosk erhältlich ist.

Irgendwo in Afrika leuchtet es in der Dunkelheit. Während tiefe Nacht herrscht, haben sich Menschen vorm Fernseher versammelt, um ein Fußballspiel zu sehen. Eine Frau lädt den Akku einer Tischlampe auf, damit ihre Kinder Hausaufgaben machen können. Ein Mann recherchiert im Internet die aktuellen Weizenpreise, Jugendliche drucken Fotos aus. Der hell erleuchtete Kiosk ist zum Mittelpunkt des Dorflebens geworden. Irgendwo in Afrika – an 150 Orten zwischen Äthiopien und Botsuana, in denen es keinen Strom gab und nun das Licht angegangen ist, mithilfe von Sonnenenergie.

Das deutsche Start-up Solarkiosk hat in entlegenen Dörfern hübsch gestaltete Verkaufsstände aufgestellt, die den Menschen Elektrizität, Mobilfunk, Fernsehen und Internet bringen. Die Dorfbewohner können dort Kühlschränke, Tiefkühltruhen und vieles andere nutzen, wofür man Strom braucht. Für zehn Dollar können sie ein einfaches Handy oder eine Solar-Taschenlampe kaufen, für hundert Dollar eine eigene Sonnenenergie-Anlage fürs Haus. "Wir möchten ihnen den Weg ins 21. Jahrhundert ebnen", sagt Andreas Spieß, Gründer und Chef von Solarkiosk. Sein Ziel: ein klein wenig dazu beizutragen, dass sich Menschen nicht mehr unter Lebensgefahr auf den Weg ins gelobte Europa machen! Sie sollen in der Heimat Anschluss an die moderne Welt haben.

Eigentlich ist Andreas Spieß Anwalt, hat mittelständische Unternehmen bei ihren Expansionsplänen unterstützt. Doch mit Anfang 40 wollte er "endlich etwas Sinnvolles machen". Seine Frau stammt aus Äthiopien, und sein Herz hängt an Afrika. So entstand die Idee zum Solarkiosk. Im Juli 2012 stellte er in Äthiopien den ersten Container auf, entworfen von Graft Architects, die seine Teilhaber wurden. Inzwischen hat das Unternehmen in Afrika 40 Mitarbeiter, die neue Standorte suchen und die Kioskbetreiber schulen. Diejenigen, die sie dafür auswählen, meist sind es Frauen, erhalten ein Grundgehalt, die Gewinne werden geteilt. Der Kiosk sichert ihre Existenz – und nutzt dem ganzen Dorf.