Im nordmalaysischen Regenwald scheint die Welt in zähe grüne Farbe getaucht, die Luft riecht nach Feuchtigkeit. Manchmal mischt sich aber eine weitere Nuance hinzu: ein Geruch, der an das Blut bestimmter Tiere erinnert und deshalb Tiger anlockt. Für die Menschen, die hier leben, bedeutet er Gefahr. Mit großer Vorsicht behandeln sie alles, was diesen Geruch verursacht – zum Beispiel Bambusrohre, in denen sich altes Regenwasser gesammelt hat, zerdrückte Läuse oder gekochtes, wildes Zitronengras. Und sie haben sogar ein eigenes Wort dafür: pl-äng.

Es finden sich noch ein Dutzend ähnlicher Wörter für Gerüche in der Sprache der Jahai, die sich kaum ins Deutsche übersetzen lassen. Für präzise Beschreibungen auf dem Niveau der Jahai fehlen uns schlicht die Worte. Forscher des Max-Planck-Instituts für Psycholinguistik ließen englische Muttersprachler und Jahai identische Duftproben beschreiben, etwa Benzin, Schokolade oder Zimt. Diese waren den Probanden in Texas viel vertrauter als den Jahai. Umso mehr überraschte das Ergebnis: Die Amerikaner rangen nach Worten und zeigten "ein sehr geringes Verständnis für Gerüche". Die Antworten der Jahai waren viel kürzer und präziser. Ihre Sprache ist dem Englischen hier offenbar überlegen.

Sie verwenden eigenständige abstrakte Begriffe, die an keine bestimmte Quelle gebunden sind. Westliche Sprachen wie Deutsch und Englisch haben vergleichbare Wörter für Farben – grün, blau, rot etwa. Bei Gerüchen bemühen wir stattdessen Bilder und Beispiele. Wir sagen, etwas riecht fruchtig, rauchig oder, im Falle von Zimt, "wie das Kaugummi Big Red". Ähnlich ist es mit dem, was wir schmecken. Zwar haben wir abstrakte Vokabeln für die Grundgeschmacksqualitäten süß, sauer, salzig, bitter und umami, das fleischige und herzhafte Aromen beschreibt. Aber auch beim Essen und Trinken nehmen wir komplexe Duftreize wahr, die sich unserem Sprachvermögen entziehen. Wir tendieren dazu, diese zu bewerten, zu umschreiben oder zu vergleichen. Ein Wein schmeckt da vielleicht beerig-blumig oder nach Vanille.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Wissen 2/2015, das online oder am Kiosk erhältlich ist.

Evolutionäre Überlegungen führten zu der These, unser Geruchssinn sei verkümmert, da unsere Vorfahren zu Zweibeinern wurden und ihre Nase buchstäblich vom Boden erhoben. Hirnforscher argumentieren, die Kombination von Sprache und Geruch sei besonders schwierig, weil die entsprechenden Hirnareale schlechter verknüpft seien als etwa jene für Sprache und visuelle Reize. Das könnte erklären, warum wir Farben einfacher beschreiben können als Gerüche – wären da nicht die Jahai, die ja in beiden Disziplinen glänzen.

Wissenschaftler suchen deshalb nach kulturellen Ursachen. Wenn unsere Kultur die Sprache formt, wäre es möglich, dass die fehlenden abstrakten Wörter gar kein Mangel sind. Sie könnten die Folge einer vorangeschrittenen ökonomischen Entwicklung sein. Strenge Gerüche verschwinden von Straßen und Körpern, Lebensmittel werden geruchssicher verpackt und mit Haltbarkeitsdaten versehen. Schleichend rücken dabei visuelle Reize in den Vordergrund, so die Vermutung. "Für uns müssen Tomaten die perfekte Farbe und Form haben", sagt die Linguistin Asifa Majid. Der Geruch sei nicht entscheidend. Eine Studie fand sogar Hinweise darauf, dass nicht industrialisierte Völker sensiblere Nasen haben als, in diesem Fall, Probanden aus Dresden.

Wir können es uns vielleicht einfach leisten, unpräzise zu sein. Aromen zu beschreiben ist in unserer Kultur weniger eine Notwendigkeit als eine Frage von Genuss und Ästhetik. Wenn wir das Aroma eines Brotes mit Pilzgeruch auf einem Waldspaziergang vergleichen, dann ist das nicht sehr genau, aber ziemlich poetisch.

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