Ein Kostüm kann uns verändern, eine Sprache vermag das ebenso. © REUTERS/Lisi Niesner

Stellen Sie sich vor, ein Zug rast ungebremst auf eine Gruppe von fünf Männern zu. Er wird sie töten, das ist abzusehen. Es gibt aber eine letzte Möglichkeit, den Zug aufzuhalten und die Männer zu retten: Sie besteht darin, einen anderen, kräftigen Mann von einer Brücke auf die Gleise zu stoßen, damit sein Körper den rasenden Zug abbremst. Würden Sie das tun? Would you do that? Lo farebbe? Haría usted esto? Siz bunu yapar mıydınız?

Die Antwort, das ergab kürzlich eine Studie, hängt nicht nur von den Moralvorstellungen eines Menschen ab – sondern auch von der Sprache, in der ihm dieses Dilemma präsentiert wird. Es macht einen Unterschied, ob jemand in seiner Muttersprache über das Schicksal der Personen auf dem Gleis entscheiden muss oder in einer Fremdsprache. In einer Fremdsprache, so das Ergebnis, würden viele Leute den Mann auf der Brücke eher opfern und auf die Gleise schubsen.

Es heißt, Kleider machen Leute. Doch Worte vermögen dies ebenso gut. Ob Fremdsprache, Dialekt, Fachjargon oder Umgangssprache: Wie wir sprechen, macht uns auch zu dem, was wir sind – und wie wir anderen erscheinen. Täglich schlüpfen wir in verbale Rollen, probieren Worte an wie Kleidungsstücke, wollen jemand sein oder werden es einfach, wenn wir den Mund aufmachen. Manche inszenieren sich gezielt und auf der Bühne – was wären Karneval und Kabarett ohne Mundart? In anderen vollzieht sich die Verwandlung unbewusst. Da verfällt einer ins Hessische, sobald er schmutzige Witze erzählt, da kommt ein anderer besser auf Spanisch aus sich heraus oder fühlt sich auf Französisch intellektueller. Mehrsprachige Menschen haben oft das Gefühl, ein Stück weit zu einer anderen Person zu werden, wenn sie die Sprache wechseln. In Studien berichten viele von solchen Verwandlungen. Stimmt es, was ein tschechisches Sprichwort besagt: Erwerben wir mit jeder neu gelernten Sprache auch eine neue Seele?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Wissen 2/2015, das online oder am Kiosk erhältlich ist.

"Menschen probieren gerne verschiedene Versionen von sich selbst aus, und Sprache bietet eine gute Möglichkeit, dies zu tun", sagt Jean-Marc Dewaele, Professor für Angewandte Linguistik an der University of London. Wer eine fremde Sprache lernt, erweitert sein Ausdrucksvermögen und sein Verhaltensrepertoire. Er verändert mitunter Körpersprache, Mimik und Stimmlage. Manche fühlen sich in einer fremden Sprache wagemutig oder sexy, elegant oder geheimnisvoll. Sie entfliehen dem Alltag und seiner Ödnis. "Meine Zweitsprache zu nutzen ist, wie hinreißende Kleider und Make-up für den Abend zu tragen – kein völlig natürlicher Zustand, aber einer, der mir erlaubt, zu strahlen und wunderschön zu erscheinen", erklärte eine Teilnehmerin in einer Studie von Dewaele. "Sprachen können wie Masken sein", sagt dieser. Seine Mitarbeiterin Rosemary Wilson fand heraus, dass gerade Schüchterne in einer solchen Maske ungehemmter aus sich herausgehen können. Der Vergleich mit Karneval liegt nahe. "Ob man sich verkleidet oder eine fremde Sprache spricht, in beiden Fällen passiert etwas Ähnliches", sagt Dewaele: "Wir fühlen uns befreit von den Tabus und Restriktionen, denen das Ich sonst unterliegt." Wie an Karneval, so empfänden die Menschen auch in einer Fremdsprache mehr Freiheit, Dinge zu tun, mit denen sie sonst nicht davonkommen würden. Woran liegt das?

Darauf weiß Albert Costa eine Antwort. Costa ist Psychologe an der Universitat Pompeu Fabra in Spanien und einer der Wissenschaftler, die das eingangs erwähnte Experiment ersonnen haben. Das Zug-Dilemma ist ein berühmtes Gedankenexperiment aus der Moralpsychologie, aber auf die Idee, Probanden in einer Fremdsprache damit zu konfrontieren, war vor ihm und seinen Kollegen noch niemand gekommen.