Stellen Sie sich vor, ein Zug rast ungebremst auf eine Gruppe von fünf Männern zu. Er wird sie töten, das ist abzusehen. Es gibt aber eine letzte Möglichkeit, den Zug aufzuhalten und die Männer zu retten: Sie besteht darin, einen anderen, kräftigen Mann von einer Brücke auf die Gleise zu stoßen, damit sein Körper den rasenden Zug abbremst. Würden Sie das tun? Would you do that? Lo farebbe? Haría usted esto? Siz bunu yapar mıydınız?

Die Antwort, das ergab kürzlich eine Studie, hängt nicht nur von den Moralvorstellungen eines Menschen ab – sondern auch von der Sprache, in der ihm dieses Dilemma präsentiert wird. Es macht einen Unterschied, ob jemand in seiner Muttersprache über das Schicksal der Personen auf dem Gleis entscheiden muss oder in einer Fremdsprache. In einer Fremdsprache, so das Ergebnis, würden viele Leute den Mann auf der Brücke eher opfern und auf die Gleise schubsen.

Es heißt, Kleider machen Leute. Doch Worte vermögen dies ebenso gut. Ob Fremdsprache, Dialekt, Fachjargon oder Umgangssprache: Wie wir sprechen, macht uns auch zu dem, was wir sind – und wie wir anderen erscheinen. Täglich schlüpfen wir in verbale Rollen, probieren Worte an wie Kleidungsstücke, wollen jemand sein oder werden es einfach, wenn wir den Mund aufmachen. Manche inszenieren sich gezielt und auf der Bühne – was wären Karneval und Kabarett ohne Mundart? In anderen vollzieht sich die Verwandlung unbewusst. Da verfällt einer ins Hessische, sobald er schmutzige Witze erzählt, da kommt ein anderer besser auf Spanisch aus sich heraus oder fühlt sich auf Französisch intellektueller. Mehrsprachige Menschen haben oft das Gefühl, ein Stück weit zu einer anderen Person zu werden, wenn sie die Sprache wechseln. In Studien berichten viele von solchen Verwandlungen. Stimmt es, was ein tschechisches Sprichwort besagt: Erwerben wir mit jeder neu gelernten Sprache auch eine neue Seele?

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN 2/2015, das online oder am Kiosk erhältlich ist.

"Menschen probieren gerne verschiedene Versionen von sich selbst aus, und Sprache bietet eine gute Möglichkeit, dies zu tun", sagt Jean-Marc Dewaele, Professor für Angewandte Linguistik an der University of London. Wer eine fremde Sprache lernt, erweitert sein Ausdrucksvermögen und sein Verhaltensrepertoire. Er verändert mitunter Körpersprache, Mimik und Stimmlage. Manche fühlen sich in einer fremden Sprache wagemutig oder sexy, elegant oder geheimnisvoll. Sie entfliehen dem Alltag und seiner Ödnis. "Meine Zweitsprache zu nutzen ist, wie hinreißende Kleider und Make-up für den Abend zu tragen – kein völlig natürlicher Zustand, aber einer, der mir erlaubt, zu strahlen und wunderschön zu erscheinen", erklärte eine Teilnehmerin in einer Studie von Dewaele. "Sprachen können wie Masken sein", sagt dieser. Seine Mitarbeiterin Rosemary Wilson fand heraus, dass gerade Schüchterne in einer solchen Maske ungehemmter aus sich herausgehen können. Der Vergleich mit Karneval liegt nahe. "Ob man sich verkleidet oder eine fremde Sprache spricht, in beiden Fällen passiert etwas Ähnliches", sagt Dewaele: "Wir fühlen uns befreit von den Tabus und Restriktionen, denen das Ich sonst unterliegt." Wie an Karneval, so empfänden die Menschen auch in einer Fremdsprache mehr Freiheit, Dinge zu tun, mit denen sie sonst nicht davonkommen würden. Woran liegt das?

Darauf weiß Albert Costa eine Antwort. Costa ist Psychologe an der Universitat Pompeu Fabra in Spanien und einer der Wissenschaftler, die das eingangs erwähnte Experiment ersonnen haben. Das Zug-Dilemma ist ein berühmtes Gedankenexperiment aus der Moralpsychologie, aber auf die Idee, Probanden in einer Fremdsprache damit zu konfrontieren, war vor ihm und seinen Kollegen noch niemand gekommen.

Chinesen schimpfen lieber auf Englisch

Üblicherweise lautet die Antwort der meisten Probanden in diesen Untersuchungen: Nein. Durchschnittlich 80 Prozent sind nicht bereit, einen unbeteiligten Mann vor einen Zug zu schubsen, um fünf andere Leben zu retten. Es fühlt sich einfach falsch an. "Das ist eine emotionale Reaktion", sagt Albert Costa. "Aus utilitaristischer Sicht wäre es dagegen durchaus angemessen, den Mann zu opfern. Immerhin könnten Sie so fünf andere Menschen retten." Es gibt objektiv gesehen keine "richtige" Antwort in diesem Dilemma. Wie jemand entscheidet, hängt von seinen Moralvorstellungen ab. Die sind allerdings erstaunlich flexibel, wie Costa feststellte. "Als wir Spanier in Englisch dazu befragten, stieg der Anteil derjenigen, die den Mann schubsen würden, auf das Dreifache", sagt Costa. Die Probanden entschieden plötzlich häufiger utilitaristisch, sie hatten weniger Bedenken, den Mann zu opfern. Sie gingen öfter nach dem Prinzip vor: Fünf Leben sind mehr wert als eines. "Das Problem löste offenbar nicht dieselbe emotionale Reaktion bei ihnen aus wie in ihrer Muttersprache", sagt Costa. Womöglich wog die emotionale Bürde der Moral deshalb weniger schwer.

Sprachwissenschaftler und Psychologen gehen davon aus, dass die Muttersprache einen tieferen emotionalen Resonanzraum in uns anlegt, als Fremdsprachen dies in der Regel können. Ihre Worte lösen stärkere emotionale Reaktionen bei uns aus, sie berühren uns mehr. Ein I love you oder Je t’aime kann einem Deutschen kaum das "Ich liebe dich" ersetzen, und kein Schimpfwort trifft so hart wie eines in der Muttersprache. In einer Fremdsprache dagegen können uns die Worte anscheinend weniger anhaben. Wir denken, sprechen und handeln mitunter emotional distanzierter und weniger verzagt, so die These. Es kommen uns Dinge über die Lippen, die sonst unaussprechlich wären. Schon Sigmund Freud beobachtete, dass es einigen seiner Patienten leichterfiel, in einer Zweit- oder Drittsprache über Obszönes oder Belastendes zu reden.

"Wir vermuten, es hat mit dem Kontext zu tun, in dem Menschen eine Fremdsprache lernen", sagt Albert Costa. Die Muttersprache lerne ein Mensch in einem familiären, emotionalen Umfeld. Sie sei daher eng mit der Gefühlswelt verknüpft. Eine Fremdsprache dagegen lernten viele im Klassenraum, unter völlig anderen Bedingungen. "Die spanischen Probanden in unserer Studie hatten Englisch in der Schule gelernt und kaum in ihrem täglichen, sozialen Leben genutzt. Deswegen hatten die Worte in Englisch für sie nicht so eine starke emotionale Resonanz." Sie ließen sich bei dem moralischen Dilemma weniger von Gefühlen leiten.

Eine solche emotionale Distanz kann im Alltag womöglich nützlich sein: In einer anderen Studie fand der Psychologe Boaz Keysar von der University of Chicago heraus, dass Menschen in einer Fremdsprache in finanziellen Angelegenheiten rationalere Entscheidungen treffen. Sie unterliegen dann nämlich seltener intuitiven Verzerrungen, die uns bei finanziellen Entscheidungen ziemlich oft aufs Glatteis führen. Insofern kann sich ein Sprachkurs sogar doppelt lohnen.

Die Verwandlungen, die Sprachen mit sich bringen, sind so unterschiedlich wie die Sprachen selbst. Es kommt immer auch auf den Kontext an, in dem wir sie lernen und benutzen. Darauf, ob wir einst verliebt unter südfranzösischen Platanen schlenderten oder einsam in Kyoto ausharrten. Und es kommt darauf an, wo eine Sprache herkommt, welche kulturellen Konzepte und Rollenbilder damit verbunden sind. So berichteten etwa Chinesen in einer Studie, sie könnten auf Englisch freier ihren Zorn ausleben, weil die amerikanische Kultur – anders als die chinesische – ihnen nicht auferlege, den eigenen Ärger zu unterdrücken. In Jean-Marc Dewaeles jüngster Studie schildert dagegen eine Schwedin, wie kontrolliert und zurückhaltend sie werde, wenn sie Japanisch spreche: Sie halte dann stets die rechte Hand vor den Mund und achte darauf, niemandem direkt in die Augen zu schauen.

"Man nimmt kulturelle Codes sehr schnell und unbewusst an. Und die werden natürlich in der Sprache klar vermittelt", sagt der Psychologe Markus Conrad, der die Wirkung von Mehrsprachigkeit am Exzellenzcluster "Languages of Emotion" der Freien Universität Berlin erforscht hat. Wissenschaftler gehen davon aus, dass über die Sprache kulturelle Konzepte, Werte und Rollen im Geiste aktiviert werden. Es scheint, als versetzten die Wörter einer Sprache Menschen mental in das jeweilige Land. Und dabei zeigen wir ein etwas anderes Gesicht, wir passen unser Verhalten an.

Markus Conrad glaubt, eine fremde Sprache lasse sogar andere Facetten der eigenen Persönlichkeit hervortreten. Eine Untersuchung der Berliner Wissenschaftler legt dies nahe. Conrad und seine Kollegen baten spanische und deutsche Versuchspersonen, einen Persönlichkeitstest auszufüllen, einmal in ihrer Muttersprache, ein anderes Mal in der Fremdsprache, also jeweils entweder auf Deutsch oder auf Spanisch. Bei einem solchen Test müssen Teilnehmer zum Beispiel angeben, ob sie auf Partys gern im Mittelpunkt stehen, ob sie sich häufig Sorgen machen, wechselnde Launen haben, ob sie Verpflichtungen immer sofort nachkommen und mit anderen Leuten häufig Streit anfangen. Man könnte meinen, eine Person sei immer dieselbe, egal in welcher Sprache sie gerade denkt. Aber das stimmt offenbar nicht.

In der Berliner Studie kamen die Versuchspersonen je nach Testsprache nämlich zu unterschiedlichen Ergebnissen. Sowohl die deutschen als auch die spanischen Teilnehmer stuften sich im Schnitt als extrovertierter ein, wenn der Test auf Spanisch formuliert war. Sie schätzten sich dann beispielsweise als gesprächiger und dominanter ein. Im Gegenzug stellten sich die Personen beider Gruppen als verträglicher dar, wenn Deutsch die Testsprache war.

Solche kulturell bedingten Verschiebungen sind nachvollziehbar, wenn Menschen lange Zeit in verschiedenen Kulturen gelebt haben und ihre jeweiligen Sprachen an bestimmte Erinnerungen geknüpft sind. Das Interessante ist aber: Die Verwandlung scheint auch bei Leuten zu funktionieren, die eine Sprache erst relativ spät gelernt haben und nicht jahrelang in der jeweiligen Kultur gelebt haben. Die Probanden in der Berliner Studie hatten im Schnitt erst mit 20 Jahren Spanisch beziehungsweise Deutsch gelernt. Dennoch hatte dies ihnen offenbar dabei geholfen, neue Seiten an sich selbst wahrzunehmen und auszuleben.

Markus Conrad spricht selbst Spanisch und empfiehlt anderen, seinem Beispiel zu folgen. Seiner Erfahrung nach färbe das den Blick auf die Welt tatsächlich ein bisschen positiver.

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