Optimist: Seth Shostak

Eine der wichtigsten Lektionen, die uns die Wissenschaft in der europäischen Renaissance erteilt hat, lautet: Die Erde ist nichts Besonderes. Die Entwicklung der Astronomie hat uns vom Podest unserer Selbstüberschätzung gestoßen. Unser Planet ist nicht mehr als ein Steinhaufen in den Weiten des Kosmos.

Doch ist nicht nur unsere Position im All durchschnittlich, sondern auch unsere Wissenschaft. Diese demütigende Erkenntnis hatte durchaus ihr Gutes. In ihrer Selbstgefälligkeit hielten sich unsere Vorfahren für den Mittelpunkt des Universums. Befeuert durch die Erkundung des Himmels, hat die Wissenschaft daran erfolgreich gerüttelt. Eine ähnlich heilsame Erkenntnis könnte uns bevorstehen, wenn wir jetzt im Weltraum untersuchen, ob wir zumindest biologisch einzigartig sind. Kann es sein, dass unsere Welt unter den Billionen Planeten in der Milchstraße der einzige ist, der Leben hervorgebracht hat? Nach aller historischen Erfahrung sollten wir nicht darauf wetten.

Wissenschaftler sind nun dabei, mit Sonden nach Mikroben im Sonnensystem oder mit Antennen nach Signalen von anderen intelligenten Wesen zu suchen. Angenommen, diese Experimente sind erfolgreich: Wäre das gut für die Menschheit? Zweifellos ja. Wir könnten atemberaubende Dinge lernen. Finden wir Mikroben im rostigen Sand des Mars oder unter dem Eis eines Jupitermondes, bekommen wir wertvolle Hinweise auf die Entstehung und die Mechanismen irdischen Lebens. Sollten wir Signale einer technisch fortgeschrittenen Zivilisation auffangen, wäre das ein vielversprechendes Indiz dafür, dass die Menschheit sich nicht zwangsläufig selbst zerstören muss. Könnten wir eine außerirdische Botschaft gar verstehen, sind den möglichen Erkenntnissen, die sie enthält, keine Grenzen gesetzt.

Der größte Nutzen liegt jedoch nicht in diesen praktischen Lehren, sondern im Wert der Suche selbst. Das Erforschen des Unbekannten zahlt sich langfristig immer aus. Dynastien wie im alten Ägypten oder China, die nur auf sich selbst schauten, sind am Ende untergegangen. Dass es kein fremdes Leben gibt, lässt sich durch kein Experiment der Welt beweisen. Was wir tun können, ist, weiterzusuchen und zu hoffen, dass wir etwas finden. Uns mit unserem Nichtwissen zu bescheiden würde uns auf das beengte Denken des Mittelalters zurückwerfen. Das wäre eine schlechte Entscheidung für uns und unsere Nachkommen.

Seth Shostak

Pessimist: Michael Schetsche

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN Nr. 3/2015, das online oder am Kiosk erhältlich ist.

Die Entdeckung außerirdischen Lebens wäre eines der größten Ereignisse der Menschheitsgeschichte. Dass die Menschheit daran reifen würde, darf jedoch bezweifelt werden. Angenommen, Wissenschaftler würden einfache Lebensformen auf einem Exoplaneten nachweisen – was würde folgen? Es gäbe viele Schlagzeilen, große Auswirkungen hätte die Entdeckung aber nur auf die Wissenschaft. Spannender wird es bei der möglichen Entdeckung intelligenter Lebensformen. Analytisch lassen sich hier drei Szenarien unterscheiden.

Im Fernkontakt-Szenario identifizieren Radioastronomen etwa das Signal einer fremden Zivilisation aus 100 oder 1.000 Lichtjahren Entfernung. Das bedeutet: Es wurde vor 100 oder 1.000 Jahren abgeschickt. Eine Kommunikation in Echtzeit ist also unmöglich. Die alltäglichen Auswirkungen dürften ebenso gering sein wie bei einer Entdeckung außerirdischer Mikroben.

Im Artefakt-Szenario findet die Wissenschaft auf der Erde oder im erdnahen Weltraum einen Gegenstand, der nicht von Menschenhand gemacht wurde. Das heißt: Jemand war hier, und: Jemand kann hierherkommen. Es gibt keinen Cordon sanitaire mehr. Das würde Aufregung verursachen, doch könnte sie, je nach Alter und Funktion des Artefakts, wieder abebben. Anders im Direktkontakt-Szenario: Ein künstliches Objekt dringt in unser Sonnensystem ein. Wer es steuert, wissen wir zunächst nicht. Klar ist nur: Etwas Außerirdisches operiert im Sonnensystem. Was die Auswirkungen hier angeht, bin ich pessimistisch. Der Erstkontakt zwischen zwei sich fremden Zivilisationen hatte in der Geschichte immer etwas Krisenhaftes. War eine Seite technisch fortgeschrittener, wurde dies als kulturelles Gefälle zwischen Entdeckern und Entdeckten wahrgenommen. Die Entdeckten kamen nur selten gut mit dem Kontakt klar – unabhängig von den Absichten der anderen Seite! Nach den ersten Besuchen von Europäern in der Karibik begingen auf manchen Inseln große Teile der Bevölkerung kollektiven Suizid, weil ihr Weltbild erschüttert war.

Nun könnte man argumentieren, die Science-Fiction habe uns auf dieses Szenario vorbereitet. Ich habe dennoch meine Zweifel, ob wir in der Postmoderne gefeit sind gegen Panikreaktionen – denn ein Kulturschock wäre ein direkter Kontakt allemal. Hüten sollten wir uns auch vor dem Fehlschluss, dass eine technologisch höher entwickelte Zivilisation automatisch ethisch fortgeschrittener ist. Als Soziologe muss ich leider feststellen, dass das 20. Jahrhundert diese Hoffnung gründlich widerlegt hat.

Michael Schetsche

Die Quellenangaben zum ZEIT-Wissen-Artikel finden Sie hier.