Die Angst vor der Sportstunde, der erste Kuss, ein schlimmer Streit: Es gibt Momente, die man nie vergisst. Wenn unsere Welt in Aufruhr gerät, brennen sich Erlebnisse ins Gedächtnis ein, das ist bekannt. Die Macht der Emotionen und Gefühle reicht aber noch viel weiter. Sie hält auch Erfahrungen fest, an die wir uns später gar nicht mehr bewusst erinnern können: sich aus eigener Kraft erheben, erstmals auf den eigenen Beinen stehen, ganz allein die ersten Schritte tun. Welch neu gewonnene Freiheit. Und was für ein Schreck, als die Beine dann doch versagten. Frustrierend, empörend. Wie zwiespältig die Gefühle, als wir zum ersten Mal schwimmen sollten. Wie traurig, als der Schneemann schmolz. An viele Momente aus unseren ersten Lebensjahren erinnern wir uns nicht bewusst, doch die Gefühle von damals haben noch immer Macht über uns.

Wir besitzen nicht nur ein Gedächtnis für Fakten und Fertigkeiten. Auch unsere Emotionen werden im Gehirn verankert. Von dort aus nehmen sie Einfluss auf unser Leben, entziehen sich aber oft der Kontrolle. Das gilt für Prägungen aus frühester Kindheit, aber auch für spätere Erfahrungen. Lange Zeit wollten die Menschen das nicht wahrhaben, seit Aristoteles beschworen Generationen von Philosophen die reine Vernunft, die unsere Existenz bestimmen solle. Tatsächlich fällen wir viele Entscheidungen aber nicht rational, sondern aus dem Bauch heraus – auf der Basis abgespeicherter Emotionen. Und das aus gutem Grund. Das emotionale Gedächtnis erfüllt evolutionsgeschichtlich einen wichtigen Zweck: In gefährlichen Situationen würde es oft zu lange dauern, mit dem Verstand das Für und Wider abzuwägen.

Seit es die bildgebenden Verfahren gibt, versuchen Neurowissenschaftler, die Gefühle im Gehirn genau zu lokalisieren. Das ist erst ansatzweise gelungen, doch klar ist bereits: Es gibt kein einheitliches Zentrum der Emotionen. Wenn der Mensch beispielsweise Ekel empfindet, ist die Insula aktiv, ein abgesenkter Teil der Großhirnrinde im Bereich der Schläfen. Das hat der Neurologe Henrik Walter von der Charité festgestellt. Andere Gefühle aktivieren jedoch andere Hirnregionen.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN Nr. 3/2015, das online oder am Kiosk erhältlich ist.

Zwar sind die Emotionen selbst ein archaisches Erbe und somit universell; auch Tiere können Angst oder Enttäuschung, Zuneigung oder Neugierde fühlen. Doch wann sie auftreten und wie sich die Gefühle äußern, ist individuell unterschiedlich. Sie brauchen einen Auslöser, der auf unserem ganz persönlichen Schatz an emotionalen Erinnerungen basiert. Sie sind verknüpft mit Ereignissen und Erfahrungen. Das lässt uns auf bestimmte Situationen emotional reagieren, ohne dass uns der Grund dafür bewusst ist. Schon Freud beschrieb die Macht des Unbewussten. Und Neurowissenschaftler bestätigen diese heute in gewisser Hinsicht. Sie unterscheiden zwischen dem deklarativen und dem nicht deklarativen, impliziten Gedächtnis. Ersteres macht es möglich, sich Fakten oder Ereignisse explizit wieder ins Bewusstsein zu rufen. Letzteres speichert Erfahrungen ab, die uns gar nicht mehr präsent sind – und drückt sich vor allem in unserem Verhalten aus. Es flutet uns mit Gefühlen. Auslöser sind oft Sinneseindrücke: Eine Melodie stimmt uns melancholisch, der Geruch von Chlor macht uns euphorisch oder nervös.

Das implizite Gedächtnis wird von der Amygdala gesteuert. Es ist eng verbunden mit dem Körper. So lösen Emotionen oft physische Reaktionen aus – vom erhöhten Puls bis zum Angstschweiß. Jeder kennt das Herzklopfen in aufwühlenden Situationen. Es hat einst dazu geführt, dass die Menschen im Herzen den Sitz der Gefühle vermuteten.

Die Quellenangaben zum ZEIT-Wissen-Artikel finden Sie hier.