Jeanne Calment im Oktober 1995 – damals war sie 120 Jahre alt. © REUTERS/Jean-Paul Pelissier

Es hätte ein lukratives Geschäft werden können: Monatlich zahlte ein 47-Jähriger einer 90-Jährigen eine Leibrente, nach ihrem Tod sollte ihre Wohnung ihm gehören. Dass seine Vertragspartnerin die älteste Frau der Welt werden sollte, hatte Andre-François Raffray nicht ahnen können. Mit 77 starb er, seine Witwe zahlte weiter an die hochbetagte Dame. Jeanne Calment wurde 122 Jahre alt.

"Supercentenarians" nennen Wissenschaftler Menschen wie Jeanne Calment, die 110 und älter sind. Weltweit gibt es knapp 700 davon – 90 Prozent sind weiblich. Frauen leben länger als Männer, das ist ein globales Phänomen. Eine Frau in Deutschland kann im Schnitt mit 83 Lebensjahren rechnen, ein Mann nur mit 78. In Russland leben Männer sogar zehn Jahre kürzer.

An den Genen allein liegt es nicht: Zwar haben Forscher bei uralten Menschen auffällig häufig ein bestimmtes Gen namens ApoE2 gefunden, dies kommt allerdings bei beiden Geschlechtern vor. Für ein langes Leben, so die Erkenntnis, sorgt ein komplexes Wechselspiel zwischen Genen und Umwelt. Forscher sind noch dabei, es aufzuschlüsseln – und den Vorsprung der Frauen zu erklären.

Biologisch sind Frauen schon mal im Vorteil, durch ihr doppeltes X-Chromosom. Darauf befinden sich viele Erbanlagen und Abschriften, die für das Immunsystem wichtig sind, haben Forscher der Universität Gent herausgefunden. Ist ein X-Chromosom der Frau fehlerhaft, kann es durch die zweite intakte Kopie ausgeglichen werden. Bei Männern funktioniert der Mechanismus nicht, da ihr Erbgut statt der Kopie ein Y-Chromosom enthält. Zusätzlich sind Männer hormonell im Nachteil. "Männer sterben häufiger an Herz-Kreislauf-Erkrankungen", sagt Holger Höhn von der Universität Würzburg. Ob dafür Testosteron mitverantwortlich ist, wird noch erforscht. Außerdem verleite das Geschlechtshormon junge Männer zu riskanterem Handeln und führe damit zu mehr Unfällen. Männer sterben also häufiger jung. Eine Eunuchen-Studie bestätigt den Zusammenhang: Kastrierte Ratten leben länger.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Wissen 3/2015, das online oder am Kiosk erhältlich ist.

Wichtiger als die biologische Ausstattung ist jedoch die Art und Weise, wie Menschen leben. Das zeigt eine Klosterstudie des Bevölkerungswissenschaftlers Marc Luy. Der hat festgestellt, dass die Lebenserwartung von Mönchen vier Jahre höher ist als die des Durchschnittsmannes. Tägliche Routine, wenig Stress und das gemäßigte Leben mit wenig Alkohol sieht er als Gründe. Man könnte sagen, Mönche führen hinter den Klostermauern ein ähnliches Leben wie Frauen. Und dass die einen gesünderen Lebensstil pflegen, ist bekannt. "Frauen gehen häufiger zum Arzt, achten auf eine ausgewogene Ernährung, bewusste Bewegung und trinken weniger Alkohol", sagt Anna Oksuzyan vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock. "Die Geschlechterrolle bestimmt den Lebensstil."

Allerdings ändern sich die Rollen zunehmend: Immer mehr Frauen besetzen stressige Top-Management-Positionen, rauchen vermehrt, immer mehr Männer besuchen Achtsamkeitsseminare. Die Lebensweisen gleichen sich an – und die Lebenserwartungen auch. Oksuzyan ist dennoch sicher: Frauen werden ihren Vorsprung halten. "Die Biologie können wir nicht ändern."

Männer müssen daran nicht verzweifeln, eine gute Nachricht haben Demografen für beide Geschlechter: Die Menschen werden unter anderem dank der guten medizinischen Versorgung insgesamt immer älter. In Deutschland wird es Schätzungen zufolge in dreißig Jahren eine Million Hundertjährige geben.