Zurück in die Natur? Ja, aber bitte nur mit der richtigen Funktionskleidung.

Der Mensch will zur Natur zurück, fährt aber im SUV durchs Wohngebiet. Er will mit weniger Materiellem glücklich werden, muss dafür aber erst mal im Outdoorladen shoppen gehen. Sind wir auf dem richtigen Weg in ein besseres Leben, oder machen wir uns bloß lächerlich?

Wer roh isst, braucht keinen Topf. Und keine Pfanne, keinen Bräter, keinen Reiskocher. Die diversen Regalmeter Kochbücher kann er wegschmeißen – und einfach pur genießen. Denn darum geht es doch bei der Rohkost-Ernährung, die jetzt Raw Food heißt und gerade Deutschland umtreibt. Lebensmittel sollen möglichst wenig verarbeitet sein, sondern so gegessen werden, wie sie aus der Erde kommen. Als Rohköstler lebe man so ursprünglich wie unsere Vorfahren, noch bevor das Feuer erfunden wurde, steht im Ratgeber Rohvolution: "Die Ernährung mit rohen Früchten und Pflanzen ist so alt wie die Menschheit selbst." Deshalb: zurück zu den Wurzeln, zum einfachen Leben.

Doch das einfache Leben beginnt kompliziert. Zur Ausstattung des modernen Rohköstlers gehören Powermixer, Saftpresse, Personal Blender zur praktischen Herstellung von Smoothies unterwegs, Dörrgerät, Keimgerät, Spiralschneider für Rohkostspaghetti aus Zucchini, Universalbeutel für die Zubereitung von Nussmilch, Wasserionisator und Wasservitalisierer. Dieses Equipment anzuschaffen ist eine Aufgabe für sich. Um den Mixer zu finden, der wirklich zu einem passt, muss man sich erst einmal eine gewisse Expertise aneignen. Wer Gräser und Gemüse zu grünen Smoothies zerhäckseln will, braucht zum Beispiel ein Gerät mit mehr Pürier-Power als jemand, der nur Beeren und Bananen zu roten Smoothies zerquetschen will. Knauserig sein sollte man nicht auf der Suche nach der ursprünglichen Ernährung. Hat man den perfekten Mixer endlich aufgespürt, kann das bis zu 900 Euro kosten.

Wir suchen das einfache Leben – und verheddern uns dabei in Widersprüchen. Eigentlich wollen wir all den Krempel ausmisten, der das Leben so unübersichtlich macht, aber dazu kaufen wir erst einmal etwas ein. Eigentlich soll alles leichter werden, aber wir machen es uns umso komplizierter. Eigentlich wollen wir im Einklang mit uns selbst und der Natur leben, uns aufs Wesentliche konzentrieren, mal wieder im Freien tief durchatmen. Und machen den Fernseher an (mit Abstand die liebste Freizeitbeschäftigung der Deutschen 2014). Vielleicht läuft ja der Bergdoktor. Oder eine Dschungel-Survival-Doku.

Unser scheinbar reduziertes Leben richten wir ein mit allerlei Dingen. Geländewagenfahrer fühlen sich gerüstet für alles, was da kommen mag – verirrte Bisonherden in Hamburg-Eppendorf können ihnen nichts anhaben. Den Outdoor-Schlafsack, mit dem man sich auch bei minus dreißig Grad im Hochgebirge geborgen fühlen würde, setzen die Naturliebhaber fürs Erste beim Zelten im Garten ein. Der naturverbundene Mann von heute demonstriert mit seinem Vollbart, dass er ein kerniger Bursche ist – und liest in der GQ nach, wie die Gesichtsfrisur zeitgemäß zu trimmen ist. Vielleicht besitzt er auch ein kleines Handbeil von Manufactum mit Stiel aus Hickory-Holz, polierter Schneide im Lederüberzug und handgemachter Signatur des Schmieds im Kopf der Axt. Was macht’s schon, dass es maximal dazu geeignet ist, ein Weihnachtsbäumchen zu schlagen, wie der Anbieter selbst schreibt.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN Nr. 3/2015, das online oder am Kiosk erhältlich ist.

Wenn uns die Sehnsucht nach der Natur überkommt, dann ziehen wir los und bereiten uns gründlich vor. Im Globetrotter-Laden oder bei Jack Wolfskin. Drei Viertel der Deutschen besitzen Outdoorkleidung, der Markt boomt. Allerdings gehen nur etwa zehn Prozent mindestens einmal im Monat wandern. Tendenz sinkend. Selbst viele derjenigen, die explizit nicht wandern gehen, geben in Umfragen an, sie besäßen wetterfeste Jacken, große Rucksäcke, Wanderschuhe, Wanderkarten, Funktionswäsche oder Kompasse. Dann fahren die Deutschen wohl tapfer Fahrrad, auch wenn es stürmt und schneit? Auch nicht. Nur gut 14 Prozent gaben 2014 in einer Umfrage an, mehrmals wöchentlich mit dem Rad zu fahren. Und auch sie werden immer weniger. Für den Weg von der Haustür bis zur Bushaltestelle oder Tiefgarage sind die Deutschen aber offensichtlich auch bei Nieselregen bestens ausgerüstet.