Und jetzt erfahre ich, warum – im Gespräch mit dem Hirnforscher Gerhard Roth. Der sagt, es sind die Basalganglien, die alle meine Gewohnheiten, auch die schlechten, abgespeichert haben. Die Basalganglien liegen tief im Gehirn. Wann immer wir unbewusste Bewegungen machen, sind diese Ganglien dafür verantwortlich. Sie sorgen dafür, dass wir Dinge "wie im Schlaf beherrschen". Oft ist das nützlich, weil man über viele Vorgänge nicht mehr nachdenken muss: beim Autofahren etwa oder beim Klavierspielen. Vieles läuft da unbewusst ab, und das spart Energie. Eigentlich sehr praktisch. Dummerweise funktioniert der Mechanismus auch bei Marotten, wie Gerhard Roth erklärt. Lästige Angewohnheiten schleifen sich ein, weil das Gehirn sagt: Komm, das machen wir mal weiter, denn es gab einmal einen Moment, da hat dieses Verhalten genützt. Vielleicht hatte ich Angst, oder es gab einen Konflikt, und damit ich diesen Problemen entgehen konnte, habe ich mir eine Marotte zugelegt, die ich jetzt nicht mehr loswerde.

95 Prozent von dem, was da in meinem Kopf vor sich geht, kriege ich, Roth zufolge, gar nicht mit. Das macht es so schwer, sich der eigenen Verhaltensmuster bewusst zu werden oder sie sogar zu ändern. Schlimmer noch: Jedes Mal wenn ich Gewohnheiten ausführe, belohnt mich mein Hirn und schüttet hirneigene Opioide aus. Mein Hirn manipuliert mich, nicht zu fassen! Um meine Marotten loszuwerden, müsste ich demnach also gegen mein Gehirn kämpfen – ich gegen mich selbst. Mein Bewusstsein sei nur eine kleine Insel auf dem Ozean des Unbewussten, hat Gerhard Roth gesagt. Kann man einen Ozean bezwingen? Durchaus. Zumindest geht dies im Fall von lästigen Angewohnheiten. Hautpulen, Nägelkauen oder Haareraufen kann man sich mithilfe des sogenannten Habit-Reversal-Trainings abgewöhnen. Es zielt darauf ab, die Selbstwahrnehmung zu erhöhen und so gewissermaßen den Autopiloten abzuschalten.

15 Uhr: Konferenz. Wer vom Chef genervt ist, verbirgt das. Psychologen sagen: Man sieht es trotzdem

Wir sitzen am Konferenztisch und besprechen eine Recherche. Ich habe meine Finger ausnahmsweise unter Kontrolle und nutze die Gelegenheit zum Training einer anderen, neuen Fähigkeit: Mimiklesen. Die Anzeichen fürs Genervtsein sind mal mehr, mal weniger subtil. Dass jemand mit den Augen rollt, kommt nicht so oft vor, und wenn, dann geschieht dies als bewusstes Signal. Der Emotionspsychologe und Mimikexperte Jörg Merten hat mir erklärt, dass Menschen so eine theatralische Mimik zur Schau stellten, wenn sie sich rückversichern wollten: "Ihr findet doch auch, dass der da sich gerade unangemessen verhält, oder?" Mimik habe immer eine soziale Funktion, sagt Merten. Oft geht es um soziale Normen und ihre Einhaltung. Augenrollen oder kreisende Kopfbewegungen – ein weiteres Anzeichen für Genervtsein – sind für andere leicht zu erkennen. Schwieriger wird es aber, wenn der Genervte seine Gefühle nicht offen zeigen will.

Wenn Chefs nerven, rollt kaum jemand mit den Augen. Das wäre zu offensichtlich. Viele Leute lächeln dann sogar, obwohl sie vom Chef genervt sind. Die wahre Emotion liegt dann hinter einer Fassade sozialer Erwünschtheit verborgen. Wenn man genau hinsehe, könne man aber trotzdem erkennen, was jemand denke, behauptet Jörg Merten. Ihre Mimik sei dann nämlich asymmetrisch. "Die Leute lächeln zwar, aber die leichte Geringschätzung dahinter macht es ihnen schwer, wirklich die Mundwinkel auf beiden Seiten gleich stark zu heben." Sie ziehen die Lippen dann oft nur auf einer Seite hoch, das Ergebnis ist ein schiefes Lächeln.

Den Blick dafür werde ich schulen, allerdings auf eigene Gefahr. Merten sagt nämlich: Wenn man genau hinsehe, im Bus, auf der Straße, wo auch immer, falle einem auf, dass die Leute ziemlich oft genervt seien. Was sagt das wohl über uns aus?

18 Uhr: Im Park. Auch Tiere sind genervt, vermuten Biologen

Ich sitze im Park auf einer Bank und denke über meine Erkenntnisse nach. Immer wieder treffe ich auf eines: Wir sind genervt, wenn unsere Erwartungen enttäuscht werden. Da jeder andere Erwartungen an seine Umwelt hat, ist es gar nicht so einfach, Rücksicht zu nehmen. Außerdem haben wir unser Verhalten nicht immer unter Kontrolle. Wir können uns nicht von außen sehen, und obendrein veranlassen die Basalganglien Verhaltensweisen, die wir nicht mitbekommen. In einem Buch der Psychologin Robin Kowalski habe ich den Satz gelesen: "Es ist gar nicht so schwer zu verstehen, warum Menschen sich so verhalten, dass andere sich gestört fühlen; die Schwierigkeit liegt darin zu verstehen, warum sie sich so oft dafür entscheiden, sich angemessen zu verhalten." Es ist also eher erstaunlich, dass wir uns oft nicht wie eine Nervensäge aufführen.