ZEIT Wissen: Herr Schmidbauer, bald ist wieder Sommer. Die Leute steigen aufs Fahrrad – und eine ebenso innige wie unharmonische Beziehung wird wiederaufgenommen: die zwischen Radlern und Autofahrern. Sie sind Therapeut und verstehen die dynamischen Prozesse zwischen Menschen besonders gut. Warum ist diese Beziehung so gestört?

Wolfgang Schmidbauer: Wir leben in einer Leistungsgesellschaft: Das heißt, jeder möchte schneller sein als der andere. In der Beziehung zwischen Rad- und Autofahrern ist Rivalität das dominante Motiv.

ZEIT Wissen: Aber woher kommt diese unglaubliche Aggression, die der eine gegenüber dem anderen hat?

Schmidbauer: Da fehlt es an Empathie. Das ist ein Regressionsphänomen: In der Regression geht die Einfühlung verloren. Man könnte sich in die Nöte des Autofahrers einfühlen, dessen Wagen auf dem Radweg steht, und denken: Das arme Schwein, hat keinen Parkplatz gefunden, ist mir auch schon oft so gegangen. Aber als Radfahrer ärgert man sich über das Hindernis und fragt sich: Muss das sein?

ZEIT Wissen: Obwohl man weiß, wie es dem Autofahrer geht. Die meisten kennen beide Rollen …

Schmidbauer: ... und eigentlich ist der Rollentausch eine uralte Methode in der Psychotherapie, Empathie zu erzeugen. Sie kommt aus dem Psychodrama, das der Arzt Jacob Levy Moreno als Gegenentwurf zu Freuds Psychoanalyse entwickelte. Trotzdem gelingt es oft nicht. Das ist auch ein Grundproblem in allen Paartherapien: wie umständlich es ist, sich einzufühlen. Während es blitzschnell geht, dem anderen die Schuld zu geben.

ZEIT Wissen: Warum ist das so viel leichter?

Schmidbauer: Wenn ich einen Partner habe und mich in der Beziehung nicht wohlfühle, muss ich gar nicht lange nachdenken: Ich weiß, dass er schuld ist und warum. Wenn ich herausfinden möchte, was wirklich los ist, mich in den anderen hineinversetze und mich infrage stelle, ist das ungemütlicher für mich, kostet mehr Energie, dauert viel länger. Und je schneller die Gesellschaft, desto unattraktiver sind die langsamen Lösungen.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN Nr. 3/2015, das online oder am Kiosk erhältlich ist.

ZEIT Wissen: Was sind die schnellen Lösungen?

Schmidbauer: Wenn mich mein Partner ärgert, kann ich mich verbal mit ihm auseinandersetzen oder ihn verprügeln. Das Verprügeln wäre eine Regression. Oder ich verlasse türenschlagend den Raum. Auch eine Regression. Regression ist die Rückkehr von einer höher entwickelten Funktionsstufe zu einer primitiveren. Da ist man selbstbezogen, umso mehr, je tiefer die Regression ist und je geringer die Angst vor den Folgen.

ZEIT Wissen: Wenn jemand als Fahrradfahrer vor Wut auf das Dach eines Autos einprügelt oder gegen die Stoßstange tritt – würden Sie das auch als ein Regressionsphänomen bezeichnen?

Schmidbauer: Genau. Man hat bei vielen Verkehrsteilnehmern das Gefühl, sie regredieren. Manche gehen richtig weit. So weit, dass es gefährlich werden kann, wenn zum Beispiel einer auf der Autobahn den anderen ausbremst. Ich habe von einer Untersuchung gehört, die besagt, dass jedes zweite im Auto ausgesprochene Wort ein Schimpfwort ist. Das meiste davon hört man draußen zum Glück nicht, außer der Fahrer lässt das Fenster herunter. Neulich schrie mir einer hinterher: "Dir haben sie wohl ins Hirn geschissen!"

"Wir sind manchmal multiple Persönlichkeiten"

ZEIT Wissen: Ein Klassiker: der Autofahrer, der im Stau steht und wütend wird, wenn er sieht, wie ein Radfahrer sich durchschlängelt.

Schmidbauer: Oder der, der den Raum für den Radfahrer verengt, damit der nicht durchkommt.

ZEIT Wissen: Im Straßenverkehr scheint es zwei Sorten von Menschen zu geben: Den einen kann es nicht schnell genug gehen, den anderen geht alles viel zu schnell. Vielleicht ist der Umgangston deshalb so rau.

Schmidbauer: Auf jeden Fall ist das ein häufiges Beziehungsproblem. Der Mann sitzt am Steuer und rast, die Frau sagt: Willst du mich umbringen? Und er sagt: Ich fahr doch schon so langsam. Oder: Wieso misstraust du mir? Ich hab das alles voll im Griff. Und manchmal droht er: Je mehr du jammerst, desto schneller fahre ich.

ZEIT Wissen: Wie ist es umgekehrt? Wenn die Frau rast?

Schmidbauer: Das ist mir bei Paaren, die ich analysiert habe, noch nicht begegnet. Obwohl es eine schöne Szene in einem Hollywood-Film gibt, in der die Frau immer schneller fährt und der Mann allmählich Angst kriegt.

ZEIT Wissen: Bei aller Aggression haben wir auf der Straße großes Vertrauen in die anderen.

Schmidbauer: Wie Niklas Luhmann so schön gesagt hat: Vertrauen ist eine riskante Vorleistung. Vertrauen erzeugt Vertrauen, Misstrauen produziert Misstrauen. Zwischendurch müsste man sich also auch mal kurz in Ehrfurcht verbeugen vor der menschlichen Vernunft. Dass sich dann doch die meisten an die Regeln halten und so wenig passiert.

ZEIT Wissen: Wie wichtig ist es im Verhältnis zwischen Rad- und Autofahrern, wie viel Raum man auf der Straße einnimmt?

Schmidbauer: Das Auto hat ja von allein mehr Raum. Es kann auch nicht umfallen. Als Fahrradfahrer brauche ich ein gewisses Tempo, um die Balance zu halten. Andererseits ist ein wichtiger Punkt, dass wir alle viel früher Radfahren gelernt haben als Autofahren. Autofahren haben wir neben einem Fahrlehrer gelernt, der uns kontrolliert hat. Radfahren ist Freiheit: weg von der Mama, die einen am Anfang noch stützt. Aber dann saust man so schnell weg, dass sie einen nicht mehr einholen kann.

ZEIT Wissen: Hält man sich als Radfahrer darum nicht an die Verkehrsregeln?

Schmidbauer: Man fühlt sich schwächer, kindlicher, nimmt es nicht so genau und denkt, die anderen werden es schon auch nicht so genau nehmen. Außerdem ist man nicht identifizierbar, hat keine Nummer auf dem Rücken. Man dreht sich kurz um, schaut über die Schulter, und wenn da keine Polizei steht, fährt man einfach mal schnell bei Rot über die Ampel.

ZEIT Wissen: Was den Autofahrer rasend macht.

Schmidbauer: Er steht an der Ampel und hat es nicht anders gelernt, er muss stehen bleiben. Er ist schon erwachsen gewesen bei seiner Fahrprüfung und hat verinnerlicht, wie wichtig die Regeln sind. Sonst wäre er nicht durchgekommen. Aber wenn der Radfahrer sich benimmt, als gäbe es diese Regeln nicht, fühlt der Autofahrer sich doppelt eingezwängt. Auch wenn die Städte, ganz klar, für Autos gebaut sind und nicht für Fußgänger und Radfahrer.

ZEIT Wissen: Die Radfahrer fühlen sich benachteiligt.

Schmidbauer: Ich würde sagen, sie sind es auch. Sie verpesten die Luft nicht, sie brauchen weniger Platz, sie können nicht so gefährlich werden. Die Autos aber haben mehr Privilegien und Rechte, das empfinden Radfahrer als Ungerechtigkeit.

ZEIT Wissen: Interessant ist, wie vollständig man in die andere Haut schlüpft, wenn man vom Auto aufs Rad umsteigt. Man wird vom Privilegierten zum Underdog.

Schmidbauer: Das ist ein gutes Beispiel für die Kontextabhängigkeit unseres Verhaltens. Wenn man auf dem Rad unterwegs ist, greift man den Erfahrungsschatz ab, den man als Radfahrer hat. Und umgekehrt. Wir sind manchmal multiple Persönlichkeiten. Das, was ich als mein Ich erlebe, ist von Optimierungs- oder Überlebenstendenzen geprägt: Wie komme ich am besten durch? Und ich komme als Autofahrer anders durch als als Radfahrer.

ZEIT Wissen: Gibt es das auch in der Paarbeziehung, dass die Partner hin und her wechseln zwischen zwei so gegensätzlichen Rollen?

Schmidbauer: Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ein Mann ist öfter fremdgegangen, seine Frau nie. Plötzlich fängt sie damit an. Bisher ist er hochmütig und distanziert mit der Eifersucht seiner Partnerin umgegangen. Jetzt wirbt er ganz demütig um die Beziehung. Er ist selber eifersüchtig geworden. So einen Wechsel in der Machtstruktur gibt es, wenn der bisher dominante Partner Angst kriegt, verlassen zu werden. Da hat ja auch ein Mangel an Einfühlungsvermögen vorgeherrscht. Erst wenn er begreift, wie sich die Bedrohung anfühlt, wenn er selber Angst hat, kommt er runter vom hohen Ross. Und ändert etwas.

"Distanz und Humor tun gut"

ZEIT Wissen: Wenn zwei Abgesandte der jeweiligen Verkehrsteilnehmer zu Ihnen kämen und sagten: Herr Schmidbauer, wir können nicht ohne einander, aber wir streiten den ganzen Sommer – was würden Sie diesem Paar raten?

Schmidbauer: Ich würde den beiden als Erstes die Frage stellen, ob man den Konflikt wirklich so ernst nehmen muss. Distanz und Humor tun gut. Wenn man selber wenigstens ein bisschen komisch findet, dass man sich so in Dinge reinsteigert, ist das schon eine Chance. Ich fahre, seit ich älter bin, defensiver. Wenn jemand es besonders eilig hat, denke ich, mein Gott, der hat’s nötig, der muss sich was beweisen. Dadurch gewinne ich Abstand, rege mich nicht auf, sondern fühle mich souverän. Und finde den anderen infantil.

ZEIT Wissen: Wenn Sie auf dem Gehweg geparkt haben und der andere Ihnen mit einem Schlüssel die Seite Ihres Autos verkratzt, sind Sie dann auch noch souverän? Oder wenn einer Sie beleidigt? So sitzen Paare doch auch vor Ihnen.

Schmidbauer: Ich würde einem Paar sagen: Wenn Sie eine schnelle Lösung für Ihr Problem wollen, nehmen Sie einen Revolver. Oder heuern Sie einen Killer an. Dann ist das Problem sehr schnell gelöst.

ZEIT Wissen: Haben Sie das Paaren wirklich schon mal so gesagt?

Schmidbauer: Nur wenn es welche waren, die für einen Spaß zugänglich sind. Eine Therapie dauert eben länger. Es geht um den Unterschied zwischen Problem und Dilemma. Beim Problem gibt es eine Lösung. Beim Dilemma macht man, egal wie man es dreht, immer was verkehrt. Viele Paartherapien beginnen mit einer Problemzuschreibung: Der Partner, die Partnerin ist das Problem! Sie enden damit, dass man einsieht: Ich kann meinen Partner nicht ändern, ich krieg ihn nicht los, ich muss seine schlechten Seiten ertragen, wenn ich die guten behalten will. Den Radfahrer kriegen Sie als Autofahrer nicht los. Es wäre auch nicht gut, denn dann gäbe es noch mehr Autos auf der Welt. Also nehmen Sie ihn hin. Entspannen Sie sich. Nehmen Sie die Schwächen des anderen mit Humor.

ZEIT Wissen: Wenn ein Paar bereit ist, den anstrengenden Weg zu gehen: Wie bringen Sie ihm Empathie bei?

Schmidbauer: Man kann Empathie nicht trainieren wie Kopfrechnen. Es geht darum, eine Distanz zu den primitiven Affekten, also zur Angst und zur Wut, herzustellen. In einem heftigen Konflikt setzen sich die Partner unter Druck und machen sich gegenseitig Angst. Wenn man aber Angst hat, ist man nicht mehr in der Lage, sich in jemand anders einzufühlen, sondern möchte eine schnelle Lösung und ist bereit zu kämpfen. Wenn es gelingt, den Partnern bewusst zu machen, dass sie keinen Dialog mehr herstellen können, wenn sie sich bedrohen, ist das ein Schritt zu mehr Empathie. Wenn ein Paar einen Dritten hinzuzieht, der versucht, beide Positionen zu verstehen und zu verdeutlichen, ist das ein weiterer Schritt. In dem Freiraum, der durch Distanz ermöglicht wird, kann Empathie gedeihen.

ZEIT Wissen: Sagen Sie den Paaren auch, Sie sollen einander mit mehr Humor begegnen?

Schmidbauer: Leider lässt sich Humor nicht kommandieren. Wir müssen ihn suchen und günstige Bedingungen für ihn schaffen – wie die Angstfreiheit, von der ich schon gesprochen habe. Es geht auch darum, Andersartigkeit nicht mit Bosheit zu verwechseln. Ein Beispiel: Oft streiten sich Paare entsetzlich, weil einer von ihnen ein Mensch des Zwischenlagers ist und der andere einer des Endlagers. Das ist absurd.

ZEIT Wissen: Können Sie diese Begriffe erklären?

Schmidbauer: Die habe ich mir mal so ausgedacht. Wenn ein Mensch des Endlagers sich ein Brot gemacht hat, sieht die Küche nachher genauso aus wie vorher. Bei einem Menschen des Zwischenlagers ist die Butter nicht im Kühlschrank, das Brot steht draußen und vertrocknet, alles ist voller Krümel. Der Mensch des Endlagers kommt nach Hause und regt sich auf: Kannst du dein Zeug nicht ein Mal wegräumen? Der andere regt sich auch auf: Nun sei doch nicht immer so zwanghaft, ich mach das schon. Da kann man sich drüber erbittern. Oder man kann sagen, der eine ist so, und der andere ist anders. Keiner ist besser als der andere.

"Die Autos von heute sind Dinosaurier"

ZEIT Wissen: Der Ordentliche fühlt sich bestimmt besser als der Unordentliche.

Schmidbauer: Es gibt aber keinen Grund dafür. Kinder sind immer Menschen des Zwischenlagers, es wäre eher ein Grund zur Sorge, wenn sie es nicht wären. Im Pubertätszimmer eines gesunden Kindes finden Sie Brote in sechs unterschiedlichen Vertrocknungsstadien. Das ist die archaische menschliche Lebensform. Unsere Ahnen haben alles weggeschmissen, dann hat es angefangen zu stinken, und sie haben ihren Lagerplatz verlassen. So wie Kinder: Wenn das Zimmer voll ist, machen sie ihre Hausaufgaben da, wo es ordentlich ist.

ZEIT Wissen: Und die Eltern tragen es mit Humor?

Schmidbauer: Das ist immer die große Frage: wann die humorfreie Zone beginnt. Im Straßenverkehr ist das ja recht früh der Fall. Man lacht nicht über jemanden, der hilflos beim Einparken ist und den Wagen einfach nicht reinbringt – man ärgert sich darüber, dass der so blöd ist. Dabei könnte es lustig sein. Oder man wartet, weil überall Autos in der zweiten Reihe stehen und man dem, der entgegenkommt, den Vortritt lässt. Wenn der sich dann nicht bedankt, ist man wieder sauer. Vollkommen humorlos. Radfahrer und Radfahrer gehen übrigens untereinander auch nicht gerade zimperlich miteinander um.

ZEIT Wissen: Man spricht ja manchmal von Kampfradlern und dem Syndrom Fahrradtourette. Die klingeln Sturm und brüllen einander fast von der Straße.

Schmidbauer: Der andere ist ein Hindernis, wie das parkende Auto oder der Fußgänger. Er wird entpersonalisiert. Wenn Fußgänger auf meinen Radweg laufen, reagiere ich ganz anders auf sie, als wenn sie mir in der Fußgängerzone in die Quere laufen. In München gibt es jetzt Fahrradstraßen, da haben Fahrradfahrer Vorrang. Wie Fußgänger in der Fußgängerzone. Das gibt einem ein ganz anderes Selbstbewusstsein.

ZEIT Wissen: Was bringt den gelassenen Radfahrer Wolfgang Schmidbauer gegen andere Radfahrer auf?

Schmidbauer: Ich mag es nicht, wenn mich die neuen LED-Lichter der Fahrräder blenden. Ich fahre zum Beispiel durch den Englischen Garten mit meinem altmodischen Dynamo, meine kleine Funzel wirft einen Lichtkegel auf die Straße. Wenn mir dann einer mit LED-Licht entgegenkommt, sehe ich nichts mehr.

ZEIT Wissen: Das Wettrüsten mit Technik: Entsolidarisiert uns das auch?

Schmidbauer: Die Maschinen haben uns und unsere Kommunikation natürlich sehr verändert. Das Auto wird immer komfortabler und weniger störanfällig. Es ist wie ein Panzer, in dem man tausend Kilometer fahren kann, ohne anzuhalten, man hat GPS, Internet, Telefon und muss nicht mehr das Fenster runterkurbeln, um jemanden nach dem Weg zu fragen. Der Vater eines Schulfreundes, Jahrgang 1886, hat eines der ersten Autos in Landshut gefahren. Er hat erzählt, dass er auf einer Fahrt nach München zwei- oder dreimal den Reifen flicken musste, weil so viele Hufnägel auf der Straße lagen. Damals hatten die Autofahrer noch eine ganz andere Weltoffenheit.

ZEIT Wissen: Klingt entspannt, auch wenn die Hufnägel wohl ihre Nachteile hatten. Um Tempo konnte es wohl nicht gehen.

Schmidbauer: Wir reden ja überhaupt die ganze Zeit von der Großstadt. Auf dem Land sieht das heute noch anders aus. Wenn ich stundenlang keinem Auto auf der Straße begegne, und dann kommt eins, oder es kommt ein Radfahrer, ist das etwas Kostbares. Da halte ich an und rede mit dem. Oder ich kenne den Radfahrer. Dann bin ich natürlich nett zu ihm. Aber wenn ich ihn noch nie gesehen habe, nehme ich ihn gar nicht als Individuum wahr, sondern nur als Radfahrer. Und dann ist er mir als Mensch egal.

ZEIT Wissen: Das Auto, das Sie eben beschrieben haben, ist groß und teuer. Wie wichtig ist Status in diesem Beziehungsstreit?

Schmidbauer: In der Großstadt verführt die Anonymität dazu, dass nur das Skelett von Gesetzgebung, Rivalität und Status zählt. Aber auch wenn Fahrräder heute immer raffinierter und besser werden, sieht man beim Radfahrer nicht, wie teuer das Rad ist, wenn er draufsitzt. Der ist klassenlos. Der große schwarze Geländewagen mit getönten Scheiben ist deutlich teurer und natürlich viel stärker. Der Radfahrer ist dem sicher unterlegen. Auch wenn er freier ist, ist er verwundbarer.

ZEIT Wissen: Wenn man mit einer Harley-Davidson durch die Gegend fährt, weichen alle aus. Wenn man mit einem netten Roller unterwegs ist, wird man geschnitten, angehupt, weggedrängelt.

Schmidbauer: Da geht es um Männer und Frauen. Auf der Harley vermutet man einen Typen, mit dem man keinen Stress haben möchte. Auf dem Roller vermutet man eine Frau oder einen Typen, dem man das Wasser reichen kann. Ich bin ja selbst überrascht, wenn so ein zartes Wesen von einer Harley steigt.

ZEIT Wissen: Noch mal zurück zur Empathie: Geht die Empathie in einer Leistungsgesellschaft verloren?

Schmidbauer: Ja. Empathie ist ein Luxus. Extrem zeigt sich das im Krieg: Im Gefangenenlager oder im Schützengraben verschwindet weitgehend die Empathie, jeder kämpft gegen jeden. Denken Sie an die traumatisierten Väter, die nach dem Krieg mit einer zerstörten Empathiefähigkeit zu ihren Familien heimkehrten. Die konnten sich nicht mehr in ihre Kinder einfühlen. Da sind solche Dinge passiert: Das Kind hat zwei Scheiben Wurst und isst eine Hälfte des Brotes ohne Wurst, damit es die zweite richtig lecker mit beiden Scheiben Wurst belegen kann. Der Vater sieht das, schnappt sich die Wurst, isst sie auf und sagt: So ist das Leben. Jemand, der immer satt geworden ist, würde das Spiel des Kindes beobachten und begreifen. Aber jemand, der gelitten und Hunger gehabt hat, bei dem dominieren Neid und Gier so sehr, dass er das nicht sehen kann. Jemand, der das Leben nicht genießen kann, macht anderen den Genuss kaputt.

ZEIT Wissen: Und wenn man das wieder auf die Straße überträgt, kämpft da jeder gegen jeden?

Schmidbauer: Es scheint so. Wenn ein Autofahrer den Radfahrer daran hindern möchte, an ihm vorbeizufahren, ist er neidisch auf dessen Bewegungsfreiheit. Wenn der Radfahrer gestresst ist, rächt er sich, haut aufs Auto oder schreit den nächsten Fußgänger zusammen. Man kann da sehr schön das ganze Repertoire der primitiven Affekte studieren.

ZEIT Wissen: Der Straßenverkehr wird oft als Dschungel bezeichnet. Jetzt wissen wir, warum: weil die Straße das letzte Biotop für archaische Verhaltensweisen ist.

Schmidbauer: Der Mensch verwandelt sich auf der Landstraße in einen Neandertaler. Er hetzt dem anderen hinterher, bis er ihn erledigt hat. Es scheint so, als wäre das der Raum, in dem man noch rücksichtslos sein darf in einer durch und durch zivilisierten Gesellschaft.

ZEIT Wissen: Was würde passieren, wenn wir im Straßenverkehr per Knopfdruck ab sofort alle höflich und nett wären? Wenn also der Raum, in dem man die Sau rauslassen kann, wegfiele?

Schmidbauer: Sie spielen auf die Ventil-Theorie an: dass Kampfspiele oder Prostitution der Neutralisierung gesellschaftlicher Spannungen dienen. Nach allem, was man weiß, sind Leute, die sich auf dem Oktoberfest besaufen, nachher nicht aggressiver und auch nicht weniger aggressiv. Ich glaube eher, dass sich etwas ändert, wenn sich die Technik ändert. Wenn wir mit Elektroautos fahren, die wirklich umweltfreundlich sind, leise, langsam und leicht. Dann gibt es das Ungleichgewicht zwischen einem SUV und einem Radfahrer nicht mehr.

ZEIT Wissen: Während die Fahrräder gleichzeitig schneller werden: Man sieht immer mehr E-Bikes. Aber heißt das, die Beziehung zwischen Rad- und Autofahrer ist hoffnungslos, solange die beiden so gegensätzlich sind?

Schmidbauer: Die Autos von heute sind Dinosaurier. Wenn sie ausgestorben sind, beginnt eine neue Epoche. Vielleicht sogar im Open Space. Das probieren ja einige Gemeinden schon aus: Es gibt keine Regeln mehr, keine Verkehrszeichen, keine Rechte, keine Hierarchien, alle müssen miteinander auskommen und aufeinander achten. Sie müssen sich miteinander verständigen. Das ist bei Paaren nicht anders. Wenn Partner kaum noch Kontakt miteinander haben, weil ihre Leben so durchstrukturiert und reglementiert sind, wenn sie nicht gerne mal spontan um den Block gehen oder sich bei einer Tasse Tee verquatschen, kann die Beziehung auch nicht mehr funktionieren.