Es war das Gegenteil von Aufbruchsstimmung: überall Skepsis, Einwände und Bedenken. So hat es angefangen. Am Buschberghof in Schleswig-Holstein stand vor einigen Jahren der Generationenwechsel an, und die jungen Landwirte wollten neue Wege gehen. Andere Bauern, mit denen Karsten Hildebrandt damals sprach, empfanden die Idee als abwegig. Kann man wirklich Leute dazu überreden, Mitverantwortung für den Bauernhof zu übernehmen und Geld im Voraus zu bezahlen – lange bevor sie dafür etwas zu essen und zu trinken bekommen? Und: Macht es einen Landwirt nicht aus, dass er das, was er erntet, auch verkauft? Er ist doch ein freier Unternehmer, dem Markt verpflichtet.

Tatsächlich war es nicht leicht, die bisherigen Kunden des Hofladens zu überzeugen. Was passiert, wenn Trockenheit die Ernte schmälert oder der Hof einen neuen Traktor braucht? Werden sich die Bauern überhaupt engagieren, wenn das ihr Einkommen nicht erhöht? Fast zwei Jahre diskutierte man, wog das Für und Wider ab, ehe sich alle zu dem Projekt durchrangen. Das war 1988. Wolfgang Stränz, der damals schon dabei war, sagt: "Es war ein sozioökonomisches Experiment." Inzwischen hat sich die Idee über die ganze Welt verbreitet. "SoLaWi" heißt sie in Deutschland: Solidarische Landwirtschaft. "CSA" nennt sie der Rest der Welt: "Community Supported Agriculture".

Um einen Menschen in Deutschland zu ernähren, benötigt man rund 2.500 Quadratmeter Fläche, ergab eine Studie im Auftrag der Regionalwert AG, die ökologische Betriebe finanziert. Als der Buschberghof sein Experiment startete, wurde erst mal berechnet, wie viele Personen man versorgen kann. Seither kalkulieren die Landwirte jedes Jahr, wie viel Geld für den Betrieb benötigt wird. Den Betrag bringen die Mitglieder der Wirtschaftsgemeinschaft auf, die dafür die gesamte Produktion des Hofs erhalten. Sie bezahlen nicht mehr für ihre Nahrungsmittel, sondern für die Bewirtschaftung des Hofes. "Wir nehmen den Lebensmitteln ihren Preis und geben ihnen so ihren Wert zurück", sagt Stränz. Das Konzept ist ein Statement gegen Massentierhaltung, gegen Monokulturen und die Vernichtung von Lebensmitteln – und für eine vielfältige, naturnahe Landwirtschaft, die nicht mehr auf möglichst hohen Gewinn zielt.

Einmal pro Woche, immer dienstags, füllt sich der Hofplatz an der Fuhlenhagener Dorfstraße mit Autos. Viele tragen Hamburger Kennzeichen. Die Städter, oft in Begleitung ihrer Kinder, folgen dem Geruch von frischem Brot. Heute ist Backtag, genau der richtige Moment, um die Lebensmittel für die Woche abzuholen. Ein knappes Dutzend Brot-Varianten steht zur Wahl, Schwarz- oder Dinkelschrot-, Misch- oder Buttermilchbrot, alles aus der hofeigenen Bäckerei, hergestellt aus dem Getreide der eigenen Felder.

Bis zu 300 Brote pro Woche bestellen die Menschen, die der Buschberghof ernährt. Sie bekommen Butter aus der eigenen Meierei, mal größere, mal kleinere Stücke, je nachdem, wie viel Milch die Herde gerade gibt. Sie erhalten Joghurt, Buttermilch und viele Sorten Käse, die hier monatelang gereift sind. Zudem liefern die Rinder Fleisch, genau wie die Schweine und das Geflügel, das obendrein für Eier sorgt. Der Buschberghof bietet alles, was der Mensch zum Leben braucht. Und weil die Nahrungsmittel längst bezahlt sind, gerät niemand in Versuchung, nach Billigangeboten zu jagen – und somit den Preisverfall zu fördern, der die Qualität von Lebensmitteln untergräbt.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN Nr. 3/2015, das online oder am Kiosk erhältlich ist.

Gesa Kolb ist einmal pro Monat in Fuhlenhagen. Im Wechsel mit drei weiteren Familien aus ihrer Nachbarschaft holt sie die Lebensmittel ab und bringt sie zum Depot in der Stadt. 13 solche lokalen Gruppen sind an den Hof angeschlossen. Nicht alle funktionierten von Anfang an reibungslos. Noch fünf Jahre nach der Gründung klagte manche Untergruppe über Mitglieder, die sich vor dem Abholen drückten, nie zu den Treffen erschienen oder im Depot ein Chaos hinterließen – kurz: ein "unsoziales Verhalten" zeigten.

Gesa Kolb ist immer gern gefahren. "Früher war das ein schöner Familienausflug", sagt die Erzieherin. "Die Kinder waren ganz begeistert von den Tieren und haben gern beim Melken zugesehen." Seit rund zwanzig Jahren isst ihre Familie das, was der Buschberghof hervorbringt. "In der Zwischenzeit hat es unendlich viele Lebensmittelskandale gegeben, aber wir mussten uns nie Sorgen machen." Im Supermarkt kauft sie nur sehr wenig dazu. Kartoffeln oder Zwiebeln stehen ohnehin immer zur Verfügung, der Inhalt der großen Obst- und Gemüsekisten variiert je nach Jahreszeit. Heute gibt es unter anderem Feldsalat, Rosenkohl und selbst gemachtes Sauerkraut. Rund 50 Gemüsesorten, bis hin zu Auberginen und Zucchini, werden im Lauf des Jahres geerntet. Die Karotten haben vielfältige Formen, mal mit Zwillingswurzel, mal krumm, selten ganz gerade. Anderswo vernichten selbst Biobauern jede Menge Obst und Gemüse, weil es nicht der optischen Norm entspricht und deshalb unverkäuflich ist. Doch wer weiß, dass die Möhre gleich hier auf dem "eigenen" Acker wuchs, dem schmeckt sie auch in origineller Form.