Es war ein perfekt inszenierter Wahlkampfauftritt: Der britische Premier David Cameron besuchte einen Wähler zu Hause, sie grillten im Garten, es gab Hotdogs. Cameron hätte zeigen können: "Ich bin einer von euch. Ich esse Hotdog!" Doch dann stach er mit einer Gabel in das Würstchen. Die Briten tobten, niemand esse Hotdogs mit Besteck.

Charisma geht anders, es hat etwas mit Authentizität zu tun. "Das Handeln muss zur Persönlichkeit passen", sagt die Sozialpsychologin Andrea Abele-Brehm. Charismatische Menschen hätten einen eigenen Stil in der Art, wie sie auftreten, und könnten andere dadurch mitreißen. Camerons Verhalten wirkte jedoch aufgesetzt. Die Briten haben ihm das verziehen, er wurde trotzdem wiedergewählt. Was bleibt, ist die Frage, ob Charisma sich üben lässt. Kann man diese Wirkung erzeugen, oder ist sie von Natur aus einfach da?

Der Begriff stammt aus dem Griechischen: Er bedeutet so viel wie Gnadengabe und wurde mit Gott in Verbindung gebracht. Auch der Soziologe Max Weber ging von einer göttlichen Gabe aus, die nur Auserwählten geschenkt werde. Anfang des 20. Jahrhunderts formulierte er eine spezielle Theorie der Herrschaftsausübung, den charismatischen Führungsstil. Er beruht in erster Linie auf den persönlichen Qualitäten des Führers, auf dessen Magnetismus – seinem Charisma.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN Nr. 4/2015, das online oder am Kiosk erhältlich ist.

Bis heute ziehen solche Menschen andere in ihren Bann. "Charismatische Personen sind von ihrer Mission überzeugt, sie können andere dafür begeistern, ein Wirgefühl generieren", sagt Abele-Brehm. Aber bis heute gibt es keine Formel, die erklärt, warum manche Menschen dies vermögen und andere nicht. In der Wissenschaft sucht man vergebens nach einer einheitlichen Definition. "Manche Forscher glauben, es habe mehr mit emotionaler Expressivität zu tun, während andere meinen, Charisma habe nur, wer über gewisse soziale Fähigkeiten wie emotionale Sensibilität verfügt", sagt der kalifornische Psychologe Frederick Heide. Er beschäftigt sich mit dem Phänomen auf nonverbaler Ebene. Für ihn sind Menschen charismatisch, die ihren Gesichtsausdruck, ihre Körpersprache und Stimme auf spontane und interessante Art nutzen können. Solche Züge erkenne man schon bei kleinen Kindern. "Einige Menschen werden damit geboren." Das gelte etwa für eine interessante Stimme. "Wie sehr wir es auch versuchen, wir können nicht alle klingen wie Martin Luther King." Einerseits. Anderseits habe jeder Einfluss auf sein nonverbales Verhalten und seine Art zu sprechen. Man könne durchaus etwas dazulernen, sagt Heide. Er bietet an der Universität einen Kurs für Improvisationstheater an, in dem Teilnehmer charismatisches Auftreten üben können. "Wir sehen dort: Wenn jemand eine Rede bloß lauter präsentiert, wirkt er gleich charismatischer."

Interessanterweise gibt es aber auch kulturelle Unterschiede, das hat Rosario Signorello festgestellt. Der italienische Linguist untersuchte die Stimmlagen von erfolgreichen, als charismatisch geltenden Politikern. Dabei fiel auf, dass, je nach Kultur, verschiedene Sprechweisen und Stimmlagen charismatisch wirken. So gelten für Italiener Politiker als charismatisch, die mit hoher Tonlage sprechen und weniger pausieren, während Franzosen Politikern Charisma zuschreiben, wenn diese eine tiefere Stimme haben und längere Pausen einlegen.

Egal, wie die Wirkung entsteht, eine Folge hat sich bestätigt: Charismatische Menschen machen andere glücklich – so lautete das Fazit einer Studie von Amir Erez. Der Arbeitswissenschaftler stellte fest: Je charismatischer Probanden ihren Chef fanden, desto vergnügter waren sie nach einer Besprechung mit ihm.

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