Wie stellen Sie sich den Menschen der Zukunft vor? Wenn Ihnen jetzt ein schmächtiger Körper mit gewaltigem Schädel einfällt, wie ihn die Science-Fiction-Folklore des zwanzigsten Jahrhunderts gezeichnet hat, vergessen Sie das Bild. Heute wissen wir es besser: Der Mensch der Zukunft sitzt neben uns in der U-Bahn, im Café, in der Kantine. Er schaut gebannt auf ein kleines Gerät, dessen Schein im Dunkeln sein Gesicht erhellt. Er ist wie du und ich: ein Phono sapiens – die Symbiose aus Homo sapiens und Smartphone.

"Die Smartphone-Revolution wird drastisch unterschätzt", sagt Marc Andreessen, der 1993 den ersten grafischen Webbrowser mit programmierte und damit Millionen Menschen die Tür zum Internet öffnete. "Heute haben mehr Menschen Zugang zu solchen Telefonen als zu fließendem Wasser. Etwas Vergleichbares hat es seit den Anfängen des Planeten noch nicht gegeben." Das ist sicherlich übertrieben, aber nur ein bisschen. Das Smartphone kombiniert Computer und Multikommunikationsgerät zu einem Werkzeug, das keinen Vorläufer in der Geschichte hat. Bald zwei Milliarden Menschen nutzen inzwischen ein solches Gerät, das man vor 30 Jahren wohl noch als Supercomputer bezeichnet hätte. Was bedeutet das?

Ein kleines Gedankenexperiment: Sie begeben sich ins Jahr 1860 zurück. Ihr Smartphone dürfen Sie mitnehmen, und durch eine Verbindung, die wir nicht näher erklären wollen, haben Sie Zugriff auf das Internet von heute. In New York treffen Sie Antonio Meucci, der gerade das erste Telefon der Geschichte konstruiert, und googeln ein paar Tipps, wie er seine Konstruktion noch verbessern kann. Im bayerischen Solnhofen helfen Sie mittels Wikipedia, den gerade entdeckten Fossilienfund des Archaeopteryx korrekt einzuordnen. In London besuchen Sie James Clerk Maxwell, der an den Grundgleichungen des Elektromagnetismus herumtüftelt. 20 Gleichungen hat er notiert. "James", sagen Sie nach einer kurzen Recherche, "vier Formeln genügen." Mit Ihrem wundersamen kleinen Gerät könnten Sie alle, die Sie in der Vergangenheit treffen, in Ehrfurcht versetzen. Sie wären gewiss ein Mensch der Zukunft, ein Magier mit übermenschlichen Fähigkeiten.

Heute wissen wir, dass der Phono sapiens auch einige Makel hat. Er wirkt oft abwesend und oberflächlich. Er stolpert, weil er fortwährend auf einen Bildschirm guckt. Er hört schlecht, weil er Musik im Ohr hat. Im schlimmsten Fall fährt er mit dem Auto gegen einen Baum, weil er gerade zu sehr Phono und zu wenig sapiens ist. Dann ist er tot. Es ist also nicht sicher, ob diese Spezies evolutionsgeschichtlich ein Erfolgsmodell ist. Immerhin haben sich Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen darangemacht, den Phono sapiens besser zu verstehen – und in einigen Jahren Feldforschung die ersten Erkenntnisse zusammengetragen.

MACHT UNS DAS SMARTPHONE …

... klüger?

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN Nr. 4/2015, das online oder am Kiosk erhältlich ist.

Bill Gates hat mit seiner Brille und seinem Jungengesicht das Bild vom Nerd geprägt, einem hochintelligenten, aber etwas seltsamen Zeitgenossen. Die Qualität seiner Zukunftsprognosen konnte mit diesem Bild nicht immer mithalten. Seine These auf der Comdex-Konferenz im Jahr 1995 erwies sich jedoch als treffsicher. Ab Mitte der 2000er Jahre würden wir "Informationen an unseren Fingerspitzen" beziehen, prophezeite Gates, und er hat recht behalten. Wenn heute Informationen über die Welt gesucht werden, tippt der Phono sapiens auf sein Gerät – und eine App verrät ihm, welches Lied in einem Café aus den Boxen kommt, wer der Regisseur von Spiel mir das Lied vom Tod war, wie das Wetter in Tokio gerade ist oder auf welchen Straßen sich aktuell der Verkehr staut. Mit dem Smartphone lässt sich in Sekunden das geballte Weltwissen anzapfen, lassen sich Myriaden von Sensordaten in hübschen Grafiken aufrufen. Es ist, als rücke die "Bibliothek von Babel", die der Schriftsteller Jorge Luis Borges 1941 als die Sammlung sämtlicher möglichen Bücher ersann, in greifbare Nähe.