OPTIMIST

Wir sollten unsere eigenen Grenzen kennen. Aber darüber hinaus können wir uns getrost vom Konzept der Staatsgrenzen verabschieden – zumindest soweit Grenzen die Mobilität von Menschen einschränken. Dieser Gedanke mag zunächst wie eine naive Utopie daherkommen, aber grenzenlose Mobilität ist innerhalb der Europäischen Union längst Realität.

Im weltweiten Maßstab ließen sich enorme wirtschaftliche Potenziale erschließen. Ökonomen erwarten, dass so das Bruttoinlandsprodukt der Welt erheblich gesteigert, womöglich sogar verdoppelt werden könnte. Der Effekt wäre viel größer als die Gewinne durch den freien Güter- und Kapitalverkehr. Armut könnte erstmals im globalen Maßstab bekämpft werden. Das wäre ein mutiges Programm für den sozialen Ausgleich.

Wir haben nicht zu viel, sondern zu wenig internationale Mobilität. Befürchtungen, dass "reichen" Ländern ein Massenansturm von Einwanderern drohe, sind unrealistisch. Die Migrationspotenziale bei Freizügigkeit werden systematisch überschätzt – es sei nur an die Horrorszenarien erinnert, die vor der EU-Osterweiterung kursierten. Praktisch nichts davon hat sich bewahrheitet. Heute leben weltweit rund 97 Prozent der Menschen in dem Land, in dem sie geboren wurden. So lässt sich eine optimale Ressourcenallokation nicht erreichen.

Natürlich würde grenzenlose Mobilität die Zahl der Einwanderer in "reiche" Länder erhöhen. Dass dies negative Effekte auf die einheimische Bevölkerung hätte, ist aber ein Irrglaube. Im Gegenteil: Studien belegen die positiven Effekte von Zuwanderung auf Löhne und Beschäftigung. Schon heute stützen sich unsere sozialen Sicherungssysteme in hohem Maße auf Einwanderer – nicht umgekehrt! Diese Situation wird sich durch den demografischen Wandel noch verschärfen.

Negative Effekte offener Grenzen könnten sich für Länder einstellen, aus denen Menschen auswandern. Nicht übersehen sollte man dabei aber die großen Potenziale, die durch Rücküberweisungen und Innovationsanstöße aus der Diaspora entstehen. Offene Grenzen ziehen zeitlich befristete und zirkuläre Wanderungen nach sich. Viele Wanderungswillige haben nicht die Absicht, dauerhaft in einem Land zu bleiben. Dies wird sich durch die Option zur Rückkehr bei offenen Grenzen noch verstärken und so einem Braindrain entgegenwirken. Wenn wir das Undenkbare durchdenken, erscheint in der Tat mehr Wohlstand für alle möglich.

Klaus F. Zimmermann

PESSIMIST

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN Nr. 4/2015, das online oder am Kiosk erhältlich ist.

Um Grenzverläufe wurden immer schon Kriege geführt. Grenzen trennten Menschen willkürlich. An Grenzen stießen sich die Wunschbilder einer besseren Welt. Grenzen überschreiten und Grenzen überwinden – das gehört praktisch zur DNA moderner Menschen. Ist es deshalb nicht wunderbar, dass die Grenzen zwischen Staaten zunehmend an Bedeutung verlieren?

Zumindest hat diese Entwicklung eine ziemlich prekäre Kehrseite. Denn parallel dazu, dass Grenzen unwichtiger werden, entstehen neue Räume für Bedrohungen und Risiken. Und diese überwiegen in vielen Bereichen. Mit Erschrecken wird das zum Beispiel immer dann festgestellt, wenn irgendwo auf der Welt ein neuer Krankheitserreger auftritt und die ersten Todesopfer gefordert hat. Dann wird analysiert, wie eine weitere Ausbreitung erfolgen könnte. Sofort fallen die Städtenamen Peking, New York und Frankfurt – wegen ihrer Flughäfen. Ebola war die jüngste Gefahr, aber es wird nicht die letzte sein. Eine globale Pandemie würde die Welt auf den Kopf stellen.

Die Organisierte Kriminalität hat sich im Zuge der sich auflösenden Grenzen neue Geschäftsfelder erschlossen, in denen sie viele Milliarden Euro einnimmt. Drogen- und Menschenhandel werden bereits weltweit organisiert. Der Sklavenmarkt boomt. Inzwischen gefährden die transnational agierenden Gruppen die Stabilität staatlicher Strukturen.

Da sich die Grenzen für Information und Kommunikation aufgelöst haben, können wir uns zwar ständig informieren und weltweit kommunizieren. Aber nie, ohne dabei beobachtet zu werden. Grenzenlose Datenströme bedeuten grenzenlose Kontrolle. Was mit diesen Daten einmal geschieht, weiß noch niemand. Sicher scheint nur, dass sich die Grenzen der Nutzung ebenfalls auflösen werden. Dann bleibt nur die Hoffnung, dass die Daten nicht in die falschen Hände gelangen.

Aber was wären die richtigen Hände? Regierungen, die mit unbemannten Drohnen über territoriale Grenzen hinweg aufklären und militärisch eingreifen können? Der Drohnenkrieg stellt eine große Versuchung dar, Grenzen weitgehend ungesehen zu überschreiten. Was kann geschehen, wenn sich diese Möglichkeit gegen andere Gruppen wendet, als dies heute der Fall ist?

Keine dieser Gefährdungen ist grundsätzlich neu. Und doch sind sie aufgrund der technologischen Entwicklung anders und gefährlicher als früher. Wird die Welt durch die Auflösung staatlicher Grenzen zukünftig friedlicher und gerechter? Wohl eher nicht.

Thomas Jäger