Eine Taube am Hauptbahnhof in Frankfurt am Main ©  Arne Dedert/dpa

Onur Güntürkün sitzt auf der Terrasse einer Villa in Berlin-Grunewald. Er verbringt einige Monate am Wissenschaftskolleg, wo er inmitten alter Bäume darüber sinniert, wie das Denken entsteht. Wir sind gekommen, um mit ihm über die Gehirne von Menschen und Tieren zu sprechen. Im Laufe des Gesprächs werden wir von auffallend neugierigen Eichhörnchen umzingelt.

ZEIT Wissen: Professor Güntürkün, Sie sind berühmt für Ihre Forschung an Tauben. Als Stadtmensch kann man schwer nachvollziehen, was an diesen Tieren so faszinierend ist.

Onur Güntürkün: Ich habe auch eine Weile gebraucht, bis ich die Taube lieben gelernt habe. Es war Liebe auf den zweiten Blick. Man sagt ja, dass arrangierte Ehen manchmal sehr gut halten. Diese Ehe zwischen der Taube und mir war von der Wissenschaft arrangiert und hat sich zu einer echten Liebesehe entwickelt, zumindest von meiner Seite aus. Was mich an Tauben so fasziniert, ist, dass sie ein ungeheures Lernvermögen haben – nicht unbedingt weil sie schlau sind, sondern weil sie so beamtenhaft sind.

ZEIT Wissen: Das müssen Sie erklären.

Güntürkün: Man gibt ihnen eine Aufgabe, und die bringen sie zu Ende. Tauben haben eine unglaubliche Frustrationsresistenz und sind nicht beleidigt, wenn es eine Weile nicht klappt. Bei mir im Labor machen sie all diese ungeheuer komplexen Dinge, von denen viele Kollegen sagen: Das kann man doch sonst nur mit einem Affen machen. Wie ist es möglich, dass so eine blöde Taube das kann?! Tauben passen zum Ruhrgebiet; es sind ehrlich arbeitende Tiere.

ZEIT Wissen: Können Sie ein Beispiel geben?

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN Nr. 4/2015, das online oder am Kiosk erhältlich ist.

Güntürkün: Ein Kollege hat den Tieren beigebracht, 725 abstrakte Muster auswendig zu lernen und in zwei Gruppen zu sortieren, nennen wir sie die "richtigen" und die "falschen" Bilder. Sie bekamen die Muster immer paarweise präsentiert und sollten nur auf die richtigen picken. Durch ein Kontrollexperiment wurde überprüft, ob die Tiere das gemacht hatten, was ich gemacht hätte, nämlich nur die richtigen zu lernen und die falschen nicht zu lernen. Aber so sind Tauben nicht. Sie haben alle gelernt.

ZEIT Wissen: Wie läuft so ein Tierversuch konkret ab?

Güntürkün: Es gibt eine Lernkammer, das ist so ein Würfel, in dem das Tier stehen und seine Flügel ausbreiten kann. Die Taube guckt auf einen berührungssensiblen Monitor, auf dem wir die Symbole zeigen. Pickt sie auf das richtige Symbol, bekommt sie Futter. Pickt sie auf das falsche, gibt es einen hässlichen Sound, und das Licht geht für einige Sekunden aus. Tauben hassen es, im Dunkeln zu sitzen. Und dann denken sie – ich weiß nicht, was sie denken – wahrscheinlich so etwas wie: "Mist! Das war nicht so gut!" Und das merken sie sich.

ZEIT Wissen: Angenommen, Sie könnten mit den Tauben für einen Tag sprechen: Welche Fragen würden Sie ihnen dann am liebsten stellen?

Güntürkün: Wie siehst du die Welt?, würde ich fragen. Rein optisch. Tauben sind extrem visuell organisierte Tiere. In jedem unserer beiden Sehnerven haben wir Menschen eine Million Nervenfasern, die das Auge mit dem Gehirn verbinden. Bei der Taube mit ihrem so viel kleineren Gehirn sind es pro Auge 2,3 Millionen. Die zweite Frage wäre: Was verstehst du von dieser Welt? Wir konnten zeigen, dass die Tiere uns erkennen. Angenommen, ich bin eine Taube, und Sie, Frau Wüstenhagen, sind die Person, die mich immer füttert. Sie, Herr Lebert, tauchen genauso häufig auf wie Frau Wüstenhagen, aber Sie stehen immer nur dumm herum und füttern mich nicht. Wenn Sie dann reinkommen, tue ich nichts, und wenn Frau Wüstenhagen reinkommt, bin ich ganz aufgeregt. Tauben erkennen also Individuen. Wenn wir ihnen aber Fotos der Personen zeigen, reagieren sie gar nicht. Die Übertragung auf das zweidimensionale Bild scheint nicht zu funktionieren. Sehen und verstehen sind sehr unterschiedliche Dinge.