Onur Güntürkün sitzt auf der Terrasse einer Villa in Berlin-Grunewald. Er verbringt einige Monate am Wissenschaftskolleg, wo er inmitten alter Bäume darüber sinniert, wie das Denken entsteht. Wir sind gekommen, um mit ihm über die Gehirne von Menschen und Tieren zu sprechen. Im Laufe des Gesprächs werden wir von auffallend neugierigen Eichhörnchen umzingelt.

ZEIT Wissen: Professor Güntürkün, Sie sind berühmt für Ihre Forschung an Tauben. Als Stadtmensch kann man schwer nachvollziehen, was an diesen Tieren so faszinierend ist.

Onur Güntürkün: Ich habe auch eine Weile gebraucht, bis ich die Taube lieben gelernt habe. Es war Liebe auf den zweiten Blick. Man sagt ja, dass arrangierte Ehen manchmal sehr gut halten. Diese Ehe zwischen der Taube und mir war von der Wissenschaft arrangiert und hat sich zu einer echten Liebesehe entwickelt, zumindest von meiner Seite aus. Was mich an Tauben so fasziniert, ist, dass sie ein ungeheures Lernvermögen haben – nicht unbedingt weil sie schlau sind, sondern weil sie so beamtenhaft sind.

ZEIT Wissen: Das müssen Sie erklären.

Güntürkün: Man gibt ihnen eine Aufgabe, und die bringen sie zu Ende. Tauben haben eine unglaubliche Frustrationsresistenz und sind nicht beleidigt, wenn es eine Weile nicht klappt. Bei mir im Labor machen sie all diese ungeheuer komplexen Dinge, von denen viele Kollegen sagen: Das kann man doch sonst nur mit einem Affen machen. Wie ist es möglich, dass so eine blöde Taube das kann?! Tauben passen zum Ruhrgebiet; es sind ehrlich arbeitende Tiere.

ZEIT Wissen: Können Sie ein Beispiel geben?

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN Nr. 4/2015, das online oder am Kiosk erhältlich ist.

Güntürkün: Ein Kollege hat den Tieren beigebracht, 725 abstrakte Muster auswendig zu lernen und in zwei Gruppen zu sortieren, nennen wir sie die "richtigen" und die "falschen" Bilder. Sie bekamen die Muster immer paarweise präsentiert und sollten nur auf die richtigen picken. Durch ein Kontrollexperiment wurde überprüft, ob die Tiere das gemacht hatten, was ich gemacht hätte, nämlich nur die richtigen zu lernen und die falschen nicht zu lernen. Aber so sind Tauben nicht. Sie haben alle gelernt.

ZEIT Wissen: Wie läuft so ein Tierversuch konkret ab?

Güntürkün: Es gibt eine Lernkammer, das ist so ein Würfel, in dem das Tier stehen und seine Flügel ausbreiten kann. Die Taube guckt auf einen berührungssensiblen Monitor, auf dem wir die Symbole zeigen. Pickt sie auf das richtige Symbol, bekommt sie Futter. Pickt sie auf das falsche, gibt es einen hässlichen Sound, und das Licht geht für einige Sekunden aus. Tauben hassen es, im Dunkeln zu sitzen. Und dann denken sie – ich weiß nicht, was sie denken – wahrscheinlich so etwas wie: "Mist! Das war nicht so gut!" Und das merken sie sich.

ZEIT Wissen: Angenommen, Sie könnten mit den Tauben für einen Tag sprechen: Welche Fragen würden Sie ihnen dann am liebsten stellen?

Güntürkün: Wie siehst du die Welt?, würde ich fragen. Rein optisch. Tauben sind extrem visuell organisierte Tiere. In jedem unserer beiden Sehnerven haben wir Menschen eine Million Nervenfasern, die das Auge mit dem Gehirn verbinden. Bei der Taube mit ihrem so viel kleineren Gehirn sind es pro Auge 2,3 Millionen. Die zweite Frage wäre: Was verstehst du von dieser Welt? Wir konnten zeigen, dass die Tiere uns erkennen. Angenommen, ich bin eine Taube, und Sie, Frau Wüstenhagen, sind die Person, die mich immer füttert. Sie, Herr Lebert, tauchen genauso häufig auf wie Frau Wüstenhagen, aber Sie stehen immer nur dumm herum und füttern mich nicht. Wenn Sie dann reinkommen, tue ich nichts, und wenn Frau Wüstenhagen reinkommt, bin ich ganz aufgeregt. Tauben erkennen also Individuen. Wenn wir ihnen aber Fotos der Personen zeigen, reagieren sie gar nicht. Die Übertragung auf das zweidimensionale Bild scheint nicht zu funktionieren. Sehen und verstehen sind sehr unterschiedliche Dinge.

"Ich glaube nicht an etwas Metaphysisches"

ZEIT Wissen: Vielleicht verstehen die Tauben manchmal auch mehr als wir?

Güntürkün: Auf der Ebene der Sinneswahrnehmung stimmt das durchaus. Tauben scheinen ein Muster im Himmel zu sehen, das die Polarisationsrichtung des Lichts anzeigt. Sie können sehen, wo der Nordpol ist, wir nicht. Wir brauchten einen Kompass dafür. Die Taube wäre wahrscheinlich ganz erstaunt, dass ich mich in Orientierungsfragen so dumm anstelle.

ZEIT Wissen: Können wir etwas von den Tauben lernen?

Güntürkün: Na ja, ich lerne ja ein Leben lang an Tauben. Sie fragen aber vermutlich in einem übertragenen Sinn. Ich glaube nicht, dass wir da viel von ihnen lernen können.

ZEIT Wissen: Außer diesem Durchhaltevermögen ...

Güntürkün: Dem beamtenhaften, ja. Aber wir sind ja auch ziemlich zähe Viecher und zusätzlich ziemlich schlau. Wir haben schon die besseren Schnitte abgekriegt.

ZEIT Wissen: Glauben Sie an einen übergeordneten Bauplan, der allem Lebendigen zugrunde liegt? An einen Gott, wenn man so will?

Güntürkün: Nein. Leben tritt auf, wenn ein Molekülkomplex in der Lage ist, sich selbst zu reproduzieren. Und dann ist das Spiel in seinen grundsätzlichen Mechanismen schon ziemlich festgelegt. Ein Protoleben, das in zwei Tagen zwei Kopien seiner selbst machen kann, ist einem anderen unterlegen, das in zwei Tagen drei Kopien seiner selbst macht. Diese Selbstorganisationskräfte sind nichts Mystisches, sondern relativ trivial: Wenn sie an einer Stelle nicht mehr funktionieren, bin ich weg vom Fenster. Wir drei hier am Tisch, aber auch die hundert Bakterien, die ich in diesem Augenblick an meinem Finger habe, sind die Überlebenden derer, die es irgendwie hingekriegt haben in den letzten vier Milliarden Jahren. Ich glaube nicht an etwas Metaphysisches; ich sehe nicht die Notwendigkeit.

ZEIT Wissen: Sie haben auch schon mit Delfinen gearbeitet. Warum machen Sie das nicht mehr?

Güntürkün: Delfine sind extrem spannende Tiere. Zudem hat die Arbeit noch viele andere Vorteile. Man ist am Strand oder in Delfinarien, hängt abends ab, klaut den Tieren überschüssige Heringe und grillt die; das Forscherleben ist gut mit Delfinen ...

ZEIT Wissen: Und vermutlich besser für Partygespräche.

Güntürkün: Genau. Bei Tauben fragt jeder: Warum machst du denn das? Bei Delfinen kommt diese Frage nie. Wahnsinn, Delfine! Alles ist wichtig, was man mit denen macht! Aber wenn es so etwas gibt wie ein Forschungsprogramm in meinem Leben, dann ist es, dass ich eine mechanistische Erklärung für das Denken suche. Eine Erklärung für das Denken, die von der Interaktion einzelner Nervenzellen ausgeht. Das ist natürlich als Lebensziel vollkommen überzogen. Aber irgendwann muss man ja mal anfangen, damit in zehn Generationen jemand zu einem halbwegs vernünftigen Ergebnis kommt. Wenn ich dabei zu sehr in die Breite gehe, hat meine Forschung nicht die Qualität, die sie haben müsste. Deshalb habe ich die Delfine aufgegeben.

ZEIT Wissen: Welches Tier halten Sie für kognitiv am leistungsfähigsten?

Güntürkün: Den Menschen natürlich!

ZEIT Wissen: Von dem einmal abgesehen.

Güntürkün: Von denen, mit denen ich selber gearbeitet habe, sind es die Rabenvögel.

ZEIT Wissen: Sind Raben schlauer als Delfine?

Güntürkün: Journalisten gegenüber muss man sehr vorsichtig sein, solche Sachen zu sagen. Der Intelligenzquotient als Maß für Schlauheit funktioniert nur innerhalb einer Spezies, und das sind wir. Aber gut, es gibt tatsächlich eine kleine Gruppe von Delfinforschern, die sagen: Delfine sind so schlau, dass sie Personenrechte genießen sollten.

ZEIT Wissen: Dieselbe Diskussion gibt es ja auch für Schimpansen.

Güntürkün: Die Gruppen der Papageien, der Rabenvögel, der Menschenaffen und der Tümmler sind jede für sich in der Lage, spontan für sie unbekannte Probleme intelligent zu lösen – zumindest sieht es so aus. Sie können sich sehr schnell an neue, ungewohnte Lernumgebungen anpassen, innovative Werkzeuge schaffen oder werkzeugähnliche Mechanismen nutzen. Diese vier Gruppen von Tieren scheinen diese denkerischen Fähigkeiten mitzubringen. Aber es wäre wissenschaftlicher Unsinn, zwischen diesen vier Gruppen eine kognitive Hierarchie zu postulieren. Das passt natürlich manchen Aktivisten nicht in den Kram, die Personenrechte für Delfine fordern, denn dann müsste man auch der Elster Personenrechte geben – sie zählt zu den Rabenvögeln –, und einen Wellensittich dürfte man nicht mehr an Privatpersonen verkaufen, weil er zur Papageienfamilie gehört.

ZEIT Wissen: Sie dürften dann auch nicht mehr mit diesen Tieren forschen.

Güntürkün: Richtig. Was aus meiner Sicht nicht geht, ist, zu sagen: Schimpansen und Delfine sind so schlau, deswegen müssen sie Personenrechte bekommen, nicht aber Papageien und Raben!

"Die Kerndomäne des Denkens kann man nachbauen"

ZEIT Wissen: Forscher machen Tierversuche, in denen sie immer mehr Respekt vor den Tieren bekommen. Wie geht es Ihnen damit?

Güntürkün: Wenn es dazu führt, dass wir mit diesen Tieren besser umgehen, dann ist das ein gutes Ergebnis, egal, welche Konsequenzen für die Forschung daraus folgen. Nur, wenn wir mehr Tierrechte fordern, müssen wir sie rundum fordern, auch für Tiere in der Landwirtschaft. Forschung gehört zu den am besten ethisch kontrollierten Bereichen der Gesellschaft. In der Landwirtschaft wird nicht so genau hingesehen. Wahrscheinlich, weil die Bauern eine bessere Lobby haben und viele Bürger gerne billiges Schnitzel essen, während sie gleichzeitig gegen Massentierhaltung sind. Selbst der Dümmste merkt, dass das ein Widerspruch ist.

ZEIT Wissen: Sie haben einmal gesagt, wir wüssten erschreckend wenig über das menschliche Gehirn. Für einen Hirnforscher ist das doch eine Kapitulationserklärung.

Güntürkün: Viele Leute hängen dem Irrglauben an, wir wüssten sehr viel über das menschliche Gehirn, weil wir in unser Gehirn reingucken können. Aber wir können das nur mit sehr grober Auflösung. Deswegen wissen wir so viel mehr über das Rattengehirn, das man sezieren kann. Natürlich folgt unser Gehirn den gleichen Grundprinzipien. Insofern können wir gut extrapolieren von anderen Tieren auf den Menschen. Aber wir haben kein Tiermodell für Sprache oder Schach spielen oder viele andere Dinge, die wir Menschen täglich tun. Da gibt es eben Grenzen, die uns zwingen zu extrapolieren.

ZEIT Wissen: Was ist die größte Entdeckung der Hirnforschung in den vergangenen Jahren?

Güntürkün: Die Erkenntnis der lernabhängigen Plastizität: dass unser Gehirn ein Organ ist, das sich selbst ununterbrochen umbaut, und zwar in einer Art und Weise, dass es Umwelterfahrungen in sich integrieren kann, also den Speicher für Gedächtnis in sich selbst schaffen kann.

ZEIT Wissen: Auch jetzt, in diesem Moment?

Güntürkün: Versuchen Sie mal morgen beim Frühstück, sich daran zu erinnern, was Sie heute gemacht haben. Wenn ich in Ihrer Erinnerung vorkomme, dann hat sich Ihr Gehirn verändert, und ich bin in Ihrem Gehirn physisch präsent, so wie Sie in meinem Gehirn physisch drin sind und vielleicht auch diese Flasche, die auf dem Tisch steht. Vielleicht aber nicht die Flasche dort drüben, weil ich die seltener sehe.

ZEIT Wissen: Würde sie aber jetzt umfallen ...

Güntürkün: Exakt, dann wäre diese Flasche ... spätestens jetzt ist sie bereits in meinem Gehirn. Das heißt, Aspekte dessen, was uns widerfährt, werden durch den Umbau von Strukturen im Gehirn in Gedächtnis umgewandelt und sind Teil meiner Erinnerungen.

ZEIT Wissen: Was halten Sie von der Verschmelzung von Mensch und Maschine im Hinblick auf die kognitiven Fähigkeiten? Glauben Sie, das wird uns weiterbringen?

Güntürkün: Hier haben Sie gerade eine Verknüpfung auf dem Tisch liegen, ein Aufnahmegerät. Sie könnten sich das Gespräch ja auch versuchen zu merken. Aber Sie haben hier, wenn Sie so wollen, ein externalisiertes mechanisches Stück Ihres Gehirns, einen externen Speicher. Und das haben wir auf ganz vielen Ebenen. Ich finde das sehr praktisch. Wir werden diese Dinge wahrscheinlich immer weitertreiben, solange wir sie praktisch finden. Die NSA hat wahrscheinlich andere Vorstellungen davon, was praktisch ist, als wir. Aber solange Menschen oder Organisationen diese Dinge praktisch finden, wird diese Sache weitergehen.

ZEIT Wissen: Werden Maschinen das menschliche Gehirn eines Tages übertrumpfen?

Güntürkün: Das ist jetzt schon so. Als Maschinen addieren und multiplizieren konnten, hieß es: Rechnen, ja! Aber Schach spielen? Das kann nur der Mensch. Als ein Computer den Schachweltmeister besiegte, hieß es: Schach spielen, das mag gehen. Aber Kreativität, die hat nur der Mensch! Ich meine: Computer werden uns irgendwann geistig überlegen sein, denn unsere Kerndomäne des Denkens ist ja nicht etwas Metaphysisches, sondern etwas Biologisches. Das kann man mit genügend Wissen und Infrastruktur nachbauen. Und nicht nur das: Ich kann auch den Volume-Regler weiter aufdrehen.

ZEIT Wissen: Und wenn so ein Wesen aus Zellen besteht, die sich selbst organisieren...

Güntürkün: ... und reproduzieren, könnte eine technische Intelligenz sich selbst immer intelligenter bauen, bis sie irgendwann sagt: Was war es noch mal, wofür wir euch Menschen gebraucht haben?!

ZEIT Wissen: Die machen dann Experimente mit uns wie Sie mit den Tauben.

Güntürkün: Die Maschinen sagen dann: Am Anfang war es eine Zwangsehe.

ZEIT Wissen: Macht Ihnen diese Aussicht Angst?

Güntürkün: Worst-Case-Szenarien dieser Art begleiten die Zivilisation. Denken Sie an die Anfänge der Eisenbahn. Ab 30 Stundenkilometern würde durch die Fenster der Sauerstoff herausgesaugt, hieß es, sodass die Fahrgäste ersticken müssten. Ich bin froh, dass man trotzdem Eisenbahnen gebaut hat. Wenn wir zu vorsichtig sind, entwickeln wir viele Dinge nicht, die sehr nützlich sind. Ich kann mein Leben nicht danach ausrichten, dass unter Tausenden von Möglichkeiten die schlimmste eintreten könnte.

"Menschen sind ziemlich überlebensfähig"

ZEIT Wissen: Sie haben Vertrauen in den Menschen.

Güntürkün: Wir sind ziemlich überlebensfähig. Und wenn wir mit dem Rücken zur Wand stehen, können wir ziemlich schlau sein. Worst-Case-Szenarien sind spannend. Aber man sollte sie nicht mit dem wahrscheinlichsten Fall verwechseln.

ZEIT Wissen: Warum sitzen wir eigentlich jetzt hier im Wissenschaftskolleg? Was hat Sie an diesen schönen Ort gebracht?

Güntürkün: Eine Einladung, die ich lange Zeit vor mir hergeschoben habe. Wenn mal irgendjemand meine Gene analysieren würde, kämen wahrscheinlich lauter preußische Gene heraus. In der Tiefe meines Herzens tickt ein sehr preußisches, taubenähnliches, frustrationsresistentes Etwas. Ich bin öfter für ein Freisemester in anderen Ländern und arbeite dort sehr hart. Und ich habe so eine primitive Naturwissenschaftler-Einstellung: Hart arbeiten bedeutet, im Labor zu arbeiten. Das Wissenschaftskolleg bietet nun die wunderbare Möglichkeit, auf dieser Terrasse zu sitzen und tief nachzudenken. Für einen klassischen Geisteswissenschaftler ist tiefes Nachdenken gleich Arbeit. Aber als Lebenswissenschaftler verwechselt man das gern mit Urlaub. Deshalb habe ich lange mit dem Gedanken gefremdelt, bis ein Kollege mich umgestimmt hat. Unser Problem ist doch: Weil wir erfolgreich waren, haben wir den Job an der Universität gekriegt, aber dadurch können wir manchmal in dem, worin wir gut waren, nicht mehr so erfolgreich sein. Durch den bürokratischen Aufwand, einen Lehrstuhl zu leiten, kommt die Tiefe des Denkens abhanden. Da habe ich das Angebot angenommen.

ZEIT Wissen: Und was hat dieser Ort mit Ihrem Denken gemacht?

Güntürkün: Ich bin fasziniert von den Kollegen aus Disziplinen, mit denen ich sonst nicht so viel zu tun habe. Ich merke aber auch, dass die Kluft zwischen dem, was wir Geisteswissenschaften und Lebenswissenschaften nennen, viel größer ist, als ich geahnt habe. Lebenswissenschaftler – man sagt zu Menschen wie mir ja nicht mehr Naturwissenschaftler – sind oft darauf fixiert, erst mal eine Frage zu definieren, die es zu beantworten gilt. Geisteswissenschaftler können häufig auch ohne eine explizit gestellte Frage ein Korpus an Erkenntnis zusammentragen. Manche Philosophen meinen sogar, dass nichtempirische, geistige Erkenntnisse das Erklärungsprimat besitzen. Da bin ich ganz anderer Meinung.

ZEIT Wissen: Die Hirnforschung ist allerdings auch dadurch aufgefallen, dass sie vollmundige Voraussagen darüber gemacht hat, was sie alles bewältigen werde.

Güntürkün: Immer dann, wenn eine Wissenschaft zum Trend wird, gibt es zwei Phänomene. Erstens: Einige Forscher nehmen den Mund zu voll. Zweitens: Leute, die nicht wirklich in dieser Wissenschaft sind, können auf der Welle mitschwimmen. Die übertreiben dann maßlos und werden deshalb gerne von Journalisten angerufen. Und das gehört natürlich abgestraft. Ich finde es überhaupt nicht schlimm, dass wir jetzt Prügel beziehen. Es gehört zur Demokratie, dass man öffentlich hart kritisiert werden kann. Das macht mich nicht traurig.

ZEIT Wissen: Als Junge sind Sie an Polio erkrankt und sitzen seither im Rollstuhl. Erzählen Sie bitte, wie es Ihnen damit geht – sind Sie ein glücklicher Mensch?

Güntürkün: Ich fühle mich sehr wohl, und wahrscheinlich habe ich eine Veranlagung dafür. Ist Ihr Glas halb voll oder halb leer? Beides sind legitime Interpretationen. Wenn man die negative Interpretation nimmt, kann man sich das Leben sehr dunkel machen. Und bei meiner Konstitution gäbe es dafür viele Gründe. Insofern ist da sicher auch eine Charaktereigenschaft, von der ich nicht weiß, wie und wann sie entstanden ist, die mich mein Leben lang begleitet hat. Das Zweite ist, dass viele Dinge, von denen wir alle träumen, bei mir wahr geworden sind.

ZEIT Wissen: Zum Beispiel?

Güntürkün: Ich war sehr früh von der Wissenschaft fasziniert. Mit 20 habe ich beschlossen, dass ich das ein Leben lang machen möchte – es hat geklappt. Mit 19 habe ich meine Frau getroffen und wusste, sie ist es, und sie ist es auch bis heute. Ich wollte viel von der Welt sehen, auch das ist eingetreten. Natürlich habe ich durch die Schwerbehinderung viele Einschränkungen, das ist klar. Aber viele Dinge, die für mich zentral waren, sind in Erfüllung gegangen.

ZEIT Wissen: Ihre Frau begleitet Sie auch manchmal auf Forschungsreisen. Liegt das daran, dass Sie einander sonst nie sehen würden?

Güntürkün: So schlimm ist es nicht. Sie kommt gern mit, weil sie selber auch interessiert ist. Aber natürlich hat sie auch immer die latente Angst, dass ich irgendetwas mache, mit dem ich im Ernstfall nicht klarkomme. Sie denkt, dass ich dann da irgendwo auf einem 2.000 Meter hohen Berg hänge, es ist steil, es regnet, und ich denke, ach, kein Problem, das schaffe ich, und dann schaffe ich es doch nicht.

ZEIT Wissen: Wenn Sie Ihre Frau mit 19 kennengelernt haben, war sie ja auch schon Ihre Frau, als Sie Ihre berühmte Studie zum Einparken gemacht haben.

Güntürkün: Meine Frau war sogar der Anlass für die Einparkstudie.

"Frauen schätzen sich schlechter ein"

ZEIT Wissen: Weil sie nicht einparken kann?

Güntürkün: Ja. Es gibt mehrere Experimente, die durch Monika überhaupt nur entstanden sind. Ich beobachte sie die ganze Zeit, ich bin ja Verhaltensforscher. Wir wohnen seit über 20 Jahren im selben Haus, da gibt es einen Carport, und da parkt meine Frau immer rückwärts ein. Das war lange Zeit ein sehr kritischer Moment in unserer Ehe. Als die Kinder noch kleiner waren und wir zu viert im Auto saßen, wussten wir genau: Jetzt dürfen wir kein falsches Wort sagen. Die Kinder versenkten ihre Köpfe in die Micky Maus-Hefte, ich guckte mir die Wolken an. Es durfte auch nicht falsch geatmet werden. Trotzdem sagte sie manchmal: "Ich weiß genau, was ihr denkt!" Sie sagt natürlich: Ich parke besser ein, wenn du nicht dabei bist. Was auch sein kann. Ich habe einfach nicht gewusst, warum. Meine Frau ist sehr intelligent und auch praktisch veranlagt, sie sägt, sie bohrt, sie macht alles Mögliche. Als wir kein Geld hatten, hat sie einen Teil der Möbel selber gebaut. Aber warum kann sie nicht einparken?! Zwanzig Jahre lang im selben Carport. Ich dachte, dem muss ich auf den Grund gehen.

ZEIT Wissen: Wie sah Ihr Experiment aus?

Güntürkün: Wir haben zwei Gruppen getestet, Fahranfänger und Leute mit einem Jahr Führerscheinerfahrung. Fahranfänger sind wichtig. Gesetzt den Fall, einer von Ihnen würde schlechter einparken. Dann kann ich nicht sagen: Sie parken schlechter ein, weil Sie eine Frau oder ein Mann sind. Denn Sie sind ja sehr verschiedene Menschen. Männer kontrollieren häufig mehr Geld als Frauen, Männer haben andere Jobs und kaufen im Schnitt andere Autos als Frauen. Das sind gesellschaftliche und nicht unbedingt biologische Rahmenbedingungen, die manche Fähigkeiten wie das Einparken womöglich beeinflussen. Gute Wissenschaft muss nicht nur einen Effekt zeigen, sondern auch erklären, warum das so ist. Nur zu zeigen, dass Frauen schlechter einparken, wäre populistische Forschung.

ZEIT Wissen: Fahranfänger haben ähnliche Ausgangsbedingungen, ist das die Logik?

Güntürkün: Die hatten den Führerschein maximal zwei Wochen, also praktisch identische Fahrerfahrung. Wir haben ihnen ein Auto gegeben, das absurd groß ist, einen Audi 8. Keine unserer Versuchspersonen hatte mit diesem Auto Erfahrungen gesammelt und somit einen Vorteil. Dann haben wir viele Tests gemacht, auch mit den Personen der Vergleichsgruppe, die den Führerschein seit einem Jahr besaßen, bei denen also gesellschaftliche Prozesse schon aufkumuliert waren. Was wir herausbekommen haben, ist erstens: Frauen parken schlechter ein. Sie brauchen 30 Prozent länger, um vier Prozent schlechter einzuparken. Punkt zwei: Dies gilt für alle Parkmanöver, die wir getestet haben. Drittens: Dieser Unterschied ist fast identisch in beiden Gruppen. Viertens: Bei den Fahranfängern korreliert die schlechte Leistung der Frauen mit ihren schlechten Leistungen im mentalen Rotationstest.

ZEIT Wissen: Mentaler Rotationstest?

Güntürkün: Dabei müssen Probanden sagen, ob zwei dreidimensionale Objekte im Raum gleich oder ungleich sind, je nachdem, wie man sie dreht. Frauen schneiden darin systematisch schlechter ab, in allen Kulturen und über 40 Jahre hinweg. In Bochum konnten wir nachweisen, dass die Fähigkeit mit dem Monatszyklus variiert. Es ist wirklich ein Hormonprozess, der zum Teil einen kognitiven Prozess unterschiedlich steuert.

ZEIT Wissen: Sagen Sie jetzt nicht, dass das Einparkvermögen vom Zyklus abhängt.

Güntürkün: So direkt haben wir es nicht gezeigt, aber es liegt zumindest für die Fahranfänger nahe. Wer beim Rotationstest schlecht abschneidet, parkt auch schlechter ein. Das gilt auch für Männer. Und Frauen, die in diesem Rotationstest sehr gut sind, parken besser ein. Der Test ist also ein guter Indikator. Es gibt einen zweiten Indikator für die Fahrleistung der Novizen: Selbstsicherheit. Frauen schätzen sich schlechter ein.

ZEIT Wissen: Was ist mit denen, die schon etwas länger Auto fahren?

Güntürkün: Die mentale Rotationsfähigkeit spielt keine Rolle mehr, der biologische Faktor ist also verschwunden. Aber die Selbstunsicherheit ist immer noch ein guter Prädiktor für die schlechtere Einparkleistung der Frauen. Wir erklären das so: Jeder hat hierzulande schon einmal einen Witz über Frauen und Parken gehört. Das heißt, eine junge Frau setzt sich hinter das Steuer des Fahrschulautos, Parken ist angesagt, und sie stellt fest: Es fällt ihr schwer. Es fällt auch Jungs schwer. Sie merkt aber vielleicht, dass sie schlechter einparkt als Jungs. Die Witze fallen ihr ein, und sie denkt: Mist, jetzt gucken alle. Es entsteht die Angst vor der Parklücke. Und der Versuch, die Parklücke zu meiden.

ZEIT Wissen: Eine selbsterfüllende Prophezeiung?

Güntürkün: Eine Wechselwirkung von Biologie und Psychologie. Sowohl Männer als auch Frauen bekommen mit der Zeit Routine und kommen ohne mentale Rotationsleistung aus. Was aber bleibt, ist die Angst, beim Einparken zu versagen. Und deshalb war die Studie für meine Frau so positiv, weil sie sich im Recht fühlte. Das sage ich dir doch die ganze Zeit, meinte sie, wenn du nicht dabei bist, klappt es.

ZEIT Wissen: Parkt sie heute besser ein?

Güntürkün: Nein, überhaupt nicht.

ZEIT Wissen: Jedenfalls nicht, wenn Sie dabei sind. Die anderen Situationen kennen Sie ja nicht.

Güntürkün: Die Studie hat andere Folgen gehabt. Wenn ich mich beim Einparken dumm anstelle, sagen Frauen, die zufällig dabei sind: Ha, finde ich ja irre, dass du es nicht hinkriegst! Und in anderen Fällen kommen Frauen ungefragt zu mir und sagen: Komm mal mit, guck mal, wie ich da eingeparkt habe – so wenig vorn, so wenig hinten!