"Werdet endlich erwachsen!" – "Dann gebt doch die Kinder ins Heim und setzt euch den ganzen Tag ins Café, ihr Schwachmaten!" – "Schämt euch bis ans Ende der Welt." Ein paar Wochen lang wütete auf Twitter eine Auseinandersetzung unter dem Hashtag #Regrettingmotherhood. Mütter hatten zugegeben, dass sie das Muttersein nicht ausschließlich genießen. Vordergründig empörte die Massen, dass diese Frauen nicht glücklich und erfüllt sind, allein weil sie Kinder haben – so wie es der Muttermythos verlangt. Unterschwellig ging es in dieser Debatte aber noch um etwas anderes: Die Frauen sagten, sie liebten ihre Kinder zwar, doch wenn sie sich noch einmal entscheiden könnten, würden sie sie nicht bekommen. Ein Widerspruch, den offenbar viele Leute nicht aushalten konnten.

Das Innenleben ist manchmal kompliziert. Ein Teil will die Beziehung, der andere nicht, ein Teil will einen festen Job, der andere frei sein, und manchmal will eben auch ein Teil Mutter sein und ein Teil nicht. Jeder Mensch hat heute so viele Rollen, bewegt sich in so verschiedenen Lebenswelten, realen und ersehnten, vergangenen, gegenwärtigen und künftigen, und entwickelt entsprechend viele Teilidentitäten.

Da entstehen Widersprüche, und die werfen große Fragen auf. Fragen danach, wie wir den Menschen sehen wollen, wie vielseitig der Einzelne sein darf, wie eindeutig er sein muss. Glücklich und zugleich unglücklich sein, die Kinder lieben, aber eigentlich keine haben wollen, geht das? Kann es einem selbst nur dann gut gehen, wenn man solche Gegensätze und Dissonanzen auflöst? Oder dürfen sie stehen bleiben? Und was würde das für unser Zusammenleben bedeuten?

Die Möglichkeiten, das Leben zu gestalten, sind in den vergangenen Jahrhunderten immer vielfältiger geworden. Diese Entwicklung begann schon am Ende der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Ständegesellschaft: Als damals viele Zwänge und Konventionen entfielen, hatten unsere Vorfahren eher die Chance, einen Beruf frei zu wählen und damit auch das soziale Umfeld zu wechseln.

Heute arbeitet kaum mehr jemand sein Leben lang in demselben Job, oft nicht einmal im selben Beruf. Wir verändern uns immerzu und werden dabei nie fertig. Auch Familien setzen sich in wechselnden Konstellationen immer wieder neu zusammen, viele leben im Patchwork-Stil. All das bringt Spielraum mit sich, aber auch Unruhe: Mit jedem Wechsel der Arbeit, des Wohnorts, der Familienstruktur ändert sich ein Teil der Identität.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN Nr. 4/2015, das online oder am Kiosk erhältlich ist.

Zugleich ergeben sich stets neue Möglichkeiten, die eigene Identität flexibel zu gestalten. Wer sich bei Facebook ein Profil anlegt, kann zwischen mehr als 60 verschiedenen Geschlechtern wählen, darunter Agender, Androgyn und Male to Female. Intersexuelle, die weibliche und männliche Anteile in sich tragen, haben erkämpft, dass im Pass heute für das Geschlecht ein X stehen darf. Selbst so festgesetzte Kategorien wie Männlich und Weiblich lassen sich also hochoffiziell umgehen.

Neu ist auch, dass keiner mehr mit seinen Interessen allein ist, seien sie noch so obskur. In Onlineforen findet jeder Gleichgesinnte, ob für Rollenspiele oder für den fachkundigen Austausch über Flipper-Automaten oder die artgerechte Haltung von Anakondas im Wohnzimmer. Das macht es leichter als früher, die einzelnen Teile seiner Identität auszuleben.

Es ist diese Mischung aus gesellschaftlichem und technischem Fortschritt, die eine vielfältige Welt erschafft und in ihr den Menschen mit multipler Identität. Im Extremfall beginnt die Fragmentierung schon vor der Geburt: Manche Kinder haben heute mehr als zwei Eltern, etwa eine Mutter, einen sozialen Vater und einen Samenspender. Oder zwei Väter, eine Eizellspenderin als biologische Mutter und zusätzlich eine Leihmutter. In den USA kann man schon seit Jahren Embryonen anderer Menschen adoptieren und selbst austragen. Als Kind muss man sich da die Einzelteile seiner Identität erst einmal zusammensuchen. Solche Konstellationen sind bislang sehr selten, aber sie geben eine Ahnung davon, vor welchen Fragen die Menschen in naher Zukunft stehen werden.

Je mehr Lebenswelten wir betreten, desto mehr Facetten können wir entfalten. Wie leicht sich je nach Situation einzelne Teilidentitäten wachrufen lassen, zeigen psychologische Experimente. Fragt man beispielsweise Probanden vor einem Mathetest nach ihrem Geschlecht, schneiden Frauen in den Aufgaben schlechter ab. Offenbar erinnert die Frage nach dem Geschlecht sie daran, dass sie dem Stereotyp zufolge ja gar kein Mathe können – und aktiviert so ihr unsicheres Selbst. Und lässt man Banker an einem Spiel teilnehmen, hängt ihr Verhalten davon ab, ob man sie anfangs bittet, Fragen zu ihrem Beruf zu beantworten. Wird auf diese Weise nämlich ihr Banker-Selbst geweckt, schummeln sie mehr.