Menschen ahmen die Körperhaltung, Mimik und Gestik ihrer Mitmenschen nach. Und dadurch auch ihre Stimmung.

Mit Räucherstäbchen und Kräuterduft reinigt man in Indien Räume, in denen negative Emotionen aus der Vergangenheit haften könnten – sonst droht weiteres Unglück. In anderen Ländern scheinen die Menschen ähnliche Befürchtungen zu haben: Der Psychologe Krishna Savani fand heraus, dass auch Amerikaner ungern in einem Büro arbeiten wollen, in dem zuvor ein schlecht gelaunter Mensch gesessen hat. Es könnten ja emotionale Rückstände darin sein, die sich übertragen.

Ist das bloß Aberglaube? Oder kann miese Stimmung tatsächlich ansteckend sein wie eine Grippe?

Dass Räume Emotionen übertragen, ist zweifelhaft, aber auf anderem Wege ist eine Übertragung denkbar, etwa über die Körperhaltung. Psychologen haben herausgefunden, dass eine aufrechte Sitzhaltung die Stimmung hebt, während gekrümmtes Sitzen negativ auf die Psyche wirkt. Andere Studien ergaben, dass Menschen die Körperhaltung, Mimik und Gestik ihrer Mitmenschen nachahmen. Und dadurch auch ihre Stimmung: In einer Studie schleusten Forscher einen Schauspieler in ein Firmenteam ein, der aggressiv sprach, nervös mit den Fingern auf die Tischplatte klopfte und immerzu die Stirn runzelte. Die so zur Schau gestellte Stimmung übertrug sich mit der Zeit tatsächlich auf die Angestellten. Am Ende gingen sie gereizt, unzufrieden und viel selbstkritischer als sonst nach Hause.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN Nr. 4/2015, das online oder am Kiosk erhältlich ist.

Wie hoch das Infektionsrisiko durch Nachahmung ist, hängt allerdings auch damit zusammen, wie sehr wir den anderen mögen, meint der Psychologe Wolfgang Tschacher von der Universität Bern. In einer Reihe von Studien konnte er nicht nur bestätigen, dass sich unsere Körperbewegungen bei Interaktion mit anderen unbewusst synchronisieren, sondern er fand auch heraus: "Je größer das Ausmaß der nonverbalen Synchronisation ist, desto sympathischer sind wir einander." Ist also jemand, der uns sympathisch ist, gut gelaunt, imitieren wir seine Haltung, sodass sich unsere Stimmung hebt. Andersherum passiert das aber auch: "Bei negativen Emotionen fühlen sich die Menschen nach der Interaktion bedrückt, ängstlich oder ärgerlich", sagt Tschacher. Er und seine Kollegen warnen vor "Schlechte-Laune-Attraktoren" – vor negativen Verhaltensmustern wie verspannter Haltung, verschränkten Armen oder Stirnrunzeln, die man sich angewöhnt und die dann dauerhaft die eigene Psyche beeinflussen.

Forscher der Universität Utrecht fanden zudem heraus, dass auch Körpergeruch Gemütszustände übertragen kann. In einem Experiment zeigten sie Männern Videos, die Furcht einflößen oder Freude wecken sollten. Während die Männer die Filme sahen, wurde ihr Schweiß mit Pads unter den Achseln aufgefangen. Im nächsten Schritt rochen Frauen an den Schweißproben, wobei ihr Gesichtsausdruck aufgezeichnet wurde. Rochen die Frauen Angst, verzogen sie die Stirn. Schnüffelten sie an den Schweißproben, die bei positiver Laune abgegeben wurden, zeigten sie dagegen einen Anflug von Lächeln. Bewusst war das den Frauen aber nicht, denn bei der späteren Befragung konnten sie die Emotionen anhand der Proben nicht identifizieren.

Sollte man Miesepetern aus dem Weg gehen? Nicht unbedingt: Schlechte Laune hat auch Vorteile, das ergab eine Studie der Universität New South Wales, bei der ein Handtaschenraub inszeniert wurde, den Testpersonen als Augenzeugen beobachteten. Das Ergebnis: Wer schlecht gelaunt war, konnte sich besser an die Geschehnisse erinnern und den Tathergang präziser schildern. Die Forscher glauben, dass schlechte Laune die Aufmerksamkeit erhöht und das Denken verbessert.

Die Quellenangaben zum ZEIT-Wissen-Artikel finden Sie hier.