Für Jean-Marie Ghislain bedeutete das Meer eine Urangst. Es stand für den Tod, seit sich seine Mutter, die nicht schwimmen konnte, im Dunkel der Nacht im Wasser einer Zisterne das Leben genommen hatte. Er selbst wäre als Jugendlicher im Mittelmeer fast ertrunken. 52 Jahre musste der belgische Fotograf alt werden, bis er beschloss, diese Angst nicht mehr hinzunehmen: Er fing an zu tauchen. "Aber ich merkte, dass da noch eine andere Angst war, und das waren Haie", sagt Ghislain. Also versuchte er, auch diese Phobie zu überwinden. Er begann, mit Haien zu tauchen und sie zu fotografieren. Dabei machte er eine Entdeckung: "Als ich mich den Haien gestellt hatte, war die Angst weg. Was blieb, war ein Glücksgefühl."

Die Geschichte von Ghislains Entwicklung ist mehr als eine persönliche Episode. Sie hat auch mit der Verblendung des modernen Menschen zu tun, mit seiner unverhältnismäßigen Furcht vor Gefahren, die er nicht bezwingen oder kontrollieren kann. Ghislains Geschichte immerhin weckt die Hoffnung, dass der Mensch sich ändern kann.

Dass Haie mächtige Raubfische sind, wussten Fischer und Seefahrer von alters her. Doch wäre ihnen nicht in den Sinn gekommen, Haie seien eine existenzielle Bedrohung, gar das Böse schlechthin. Wurden sie in Küstengewässern gesichtet, war dies zwar Grund zur Vorsicht, aber auch immer eine gute Nachricht. Die Anwesenheit von Haien zeigte, dass sich da reichlich Fische tummelten, die einen guten Fang abgeben würden. Seeungeheuer sahen anders aus. In der westlichen Fantasie war es ein weißer Wal, den Herman Melville 1851 in Moby Dick zur Projektionsfläche für die Angst einer aufstrebenden Zivilisation aufgebaut hatte.

Noch Ende der 1930er Jahre kehrte der junge Hans Hass, einer der Pioniere der Tauchforschung, tief beeindruckt von Haien aus der Karibik zurück. "Wir ... stellten fest, dass ihre Angriffslust ganz ungeheuer übertrieben wird. Es sind ebenso schöne und elegante wie scheue Tiere", erinnerte er sich 1973 in der ZEIT. Zwei Jahre später jedoch wich jegliche Ehrfurcht binnen Wochen einer neuen Paranoia. Steven Spielbergs Film Der weiße Hai begründete nicht nur das Blockbuster-Genre in Hollywood – er pflanzte ins kollektive Bewusstsein den Nachfolger Moby Dicks ein. Eine gefräßige Bestie, die sinnlos alles attackiert, was in den Wellen schwimmt, Menschen ebenso wie Boote.

Die Vorlage hatte der US-Schriftsteller Peter Benchley mit seinem gleichnamigen Bestseller ein Jahr zuvor geliefert. Darin hatte er fünf Haiattacken an der Küste von New Jersey verarbeitet, die fast sechs Jahrzehnte zurücklagen. In Benchleys Buch waren die Rollen des Bösewichts und des Opfers jedoch nicht eindeutig verteilt. Erst Spielberg schuf das Schwarz- Weiß-Bild, das sich fortan in vielen Köpfen festsetzen sollte. Dass es sich festsetzen konnte, hat nicht allein mit dem Hai zu tun.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN Nr. 5/2015, das online oder am Kiosk erhältlich ist.

1975 zählte das erfolgreichste Raubtier der Welt, der Mensch, bereits vier Milliarden Exemplare. Es war zum Mond geflogen, hatte Tiefseegräben erkundet und die höchsten Gipfel der Erde erklommen – und es beanspruchte in seiner Verblendung den gesamten Planeten als Habitat, um ihn nach seinem Belieben auszubeuten. In den industrialisierten Weltgegenden waren alle anderen Landraubtiere so gut wie verschwunden oder hinter die Käfigstäbe von Zoos gebannt. Der weiße Hai erschien da wie eine Zumutung, ein Monster just in dem Moment, als sich der Mensch am Beginn der Globalisierung als das eigentliche Monster entpuppte. War der Hai gar eine unbewusste Projektion der eigenen Monstrosität, um sich ihrer zu entledigen?

Der Mensch begann, den Hai zu jagen, mit einer Verachtung, die ihresgleichen suchte. Die industrialisierte Hochseefischerei entdeckte mit dem Hai, der lange als lästiger Beifang gegolten hatte, ein lukratives Geschäft. Die Flossen der Fische erzielten Spitzenpreise von bis zu 700 Dollar pro Kilogramm. An Bord der Trawler schnitt man den Tieren bei lebendigem Leibe Rücken-, Brust- und Schwanzflosse ab und warf den verstümmelten Körper zurück ins Meer. Dieses "Finning" machte nicht vor dem Weißen Hai halt, auch viele andere Arten wie Hammer- und Blauhaie wurden Opfer der Flossenjäger.