Am 28. März 2014 sitzt ein Mann im gelben T-Shirt in der indischen Küstenstadt Thiruvananthapuram vor einem Bildschirm und versucht, eine Nachricht nach Europa zu übermitteln, an einen Empfänger in Straßburg. Keiner der beiden soll dabei sprechen oder auch nur einen Finger bewegen. Die Forscher, die das Experiment aufgebaut haben, wollen den ersten Beweis einer Gehirn-zu-Gehirn-Kommunikation antreten, sie wollen Gedanken aus dem einen Gehirn herauslesen und in das andere hineinschreiben. Von Telepathie wird später die Rede sein.

Der Mann in Indien trägt eine Haube mit acht Elektroden auf dem Kopf. Er sieht etwas seltsam aus, wie ein verkabelter Wasserballspieler, aber er soll ja keinen Schönheitswettbewerb gewinnen, sondern eine Botschaft senden, genauer gesagt: ein Wort, codiert in einer Bitfolge aus Nullen und Einsen. Will der Mann eine 1 schicken, soll er sich vorstellen, er bewege die Hände. Will er eine 0 schicken, soll er sich vorstellen, er bewege die Füße. Die Elektroden in der Haube registrieren dafür die Signale des Motorkortex, eines Gehirnareals gleich unter der Schädeldecke. Per E-Mail schickt ein Rechner die Bitfolge nach Europa. Es ist wie Morsen mit Gedanken.

In Straßburg sitzt zur selben Zeit ein Mann in einem Labor, die Augen verdeckt von einer Schlafmaske. Ein Roboterarm bugsiert eine Magnetspule an seinen Hinterkopf, dort befindet sich das Sehzentrum des Gehirns. Kommt eine 1 aus Indien, reizt ein magnetischer Impuls das Sehzentrum, der Mann nimmt einen Lichtblitz wahr. Kommt eine 0, wird ein anderer Magnetimpuls abgefeuert, es bleibt dunkel. Nach 70 Minuten hat der Mann 140 Bits aus Thiruvananthapuram empfangen und die Nachricht von einem Computer entschlüsseln lassen. Zum ersten Mal haben Menschen ein Wort von Gehirn zu Gehirn übertragen, ohne zu sprechen: "Hola".

Unter Gedankenübertragung stellt man sich gemeinhin etwas anderes vor, als 70 Minuten lang an Hände oder Füße zu denken, um auf Spanisch Hallo zu sagen. Aber hat das Zeitalter der Telefonie nicht ähnlich bescheiden angefangen, wenn auch etwas unterhaltsamer? "Das Pferd frisst keinen Gurkensalat", dieser Satz wird am 26. Oktober 1861 vor einem Frankfurter Hörsaal in ein Trichtermikrofon gesprochen, in Strom umgewandelt, in den Hörsaal übertragen und dort vom Erfinder des Telefons, Johann Philipp Reis, vor staunendem Publikum fast fehlerfrei wiederholt. Hätte Reis zu träumen gewagt, dass die Menschen 150 Jahre später beim Spazierengehen telefonieren können, ohne Kabel und über Kontinente hinweg? Wird die Geschichte des Gedankenlesens und der Gedankenübertragung eine ähnliche Fortsetzung haben wie die des Telefons? Werden wir also auf das "Hola" aus Thiruvananthapuram irgendwann zurückblicken wie heute auf das Pferd und den Gurkensalat?

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN Nr. 5/2015, das online oder am Kiosk erhältlich ist.

Die französischen und spanischen Forscher, die das Gedankenmorsen organisiert haben, neigen jedenfalls nicht zu Bescheidenheit. "Wir reden lieber von Geist-zu-Geist-Kommunikation als von Gehirn-zu-Gehirn-Kommunikation", schreiben sie in ihrer Veröffentlichung, "weil sowohl das Senden als auch das Empfangen der Nachricht eine bewusste Aktivität der Teilnehmer erfordert." Es ist eine kühne, vielleicht eine unverschämte Behauptung.

Gehirn oder Geist, das ist kein kleiner Unterschied. Wer Gehirne erforscht, registriert Neuronenaktivität, Durchblutung, Sauerstoffgehalt. Wer den Geist versteht, liest Gedanken. Er blickt dem Menschen ins Ich. Gehirn und Geist sind irgendwie miteinander verknüpft. Wie lässt sich diese Verbindung entschlüsseln? Das ist die Frage, um die sich derzeit alles dreht.

Wissenschaftler in aller Welt arbeiten daran. Sie legen Freiwillige in Hirnscanner, setzen ihnen Elektrodenhauben auf oder legen Sensoren unter die Schädeldecke von Patienten. Aus den Gehirndaten eines Menschen wollen sie ableiten, welche Absichten er hegt, welche Gefühle er empfindet, welche Bilder, Melodien oder gar Wörter ihm durch den Kopf gehen.