Manchmal ist die Welt herrlich gerecht. Wenn die Frau, die dir eben noch auf den Fuß getreten ist, sich im nächsten Gully den Absatz abbricht. Wenn der Kerl im Cabrio, der dir gerade den Parkplatz weggeschnappt hat, genau dort von einer Möwe angeschissen wird. Aber wie oft passiert so was schon?

Dass die Welt wirklich gerecht ist, darf bezweifelt werden. Doch manchmal macht allein der Glaube daran sie schon zu einem besseren Ort. Er lässt Menschen nämlich rücksichtsvoller handeln, sagen einige Wissenschaftler. Als einer der Ersten wies der US-Psychologe Miron Zuckerman auf diesen Zusammenhang hin. Zuckerman untersuchte in den siebziger Jahren, ob und wann Studenten bereit waren, einer blinden Frau vorzulesen oder sich Kommilitonen für eine Untersuchung zur Verfügung zu stellen. Die Studenten befanden sich dabei in einer nervlichen Ausnahmesituation: Die Uni-Prüfungen standen kurz bevor.

Jetzt könnte man fragen: Wer hat denn da noch Zeit und Muße, gute Taten zu vollbringen? Und tatsächlich waren einige kaum bereit zu helfen. Es gab aber auch Studenten, die sich trotz der bevorstehenden Prüfungen Zeit für die blinde Frau oder die Kommilitonen nehmen wollten. Nach Zuckermans These müsste man sogar sagen: nicht trotz, sondern gerade wegen der Prüfungen. Die hilfsbereiten Probanden glaubten nämlich häufiger als die anderen an eine gerechte Welt, also daran, dass jeder bekommt, was er verdient. Sie hofften womöglich, mit ihrer Hilfsbereitschaft das Universum gnädig zu stimmen, folgerte Zuckerman. Vielleicht würde das Schicksal es dann ja bei den Klausuren gut mit ihnen meinen.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN Nr. 5/2015, das online oder am Kiosk erhältlich ist.

Andere Forscher haben seither ähnliche Beobachtungen gemacht, zuletzt Psychologen aus Charlottesville und Chicago. Sie stellten fest, dass Probanden eher bereit waren, Zeit oder Geld für Wohltätigkeitsorganisationen zu spenden, etwa um den Wunsch eines todkranken Kindes wahr werden zu lassen, wenn sie darüber nachdachten, dass sie selbst gerade auf Wohlwollen angewiesen waren oder auf die Erfüllung eines Wunsches hofften. Wenn sie sich etwa um einen Job beworben hatten und auf Antwort warteten. Oder wenn sie sich ein Kind wünschten und ein positives Schwangerschaftstest-Ergebnis herbeisehnten. Wann immer das Glück der Menschen nicht allein in ihrer Hand liegt, scheinen sie besonders motiviert zu sein, Gutes zu tun, folgerten die Psychologen. Investing in karma haben sie das Phänomen genannt – Menschen "investieren" demnach gezielt in ihr Karma, wenn Bedarf besteht.

Das klingt nach wirtschaftlichem Kalkül. Vielleicht ist es da kein Wunder, dass sich die Konsumindustrie das Bedürfnis nach Karma-Aufbesserung zunutze macht. "Pimp your Karma" nennt sich ein Modelabel, das ethisch korrekte T-Shirts verkauft. Im Biosupermarkt verheißt selbst ein profaner Knabbersnack gutes Karma – als könne man mit ein paar Mandeln und Goji-Beeren das Universum beschwören. Die amerikanische Chase Bank war unlängst sogar dreist genug, für einen Werbespot den John-Lennon-Song Instant Karma zu verwenden. Leute, Leute, wenn das mal gut geht.