Der Mann. Seine Hoden produzieren Testosteron. Einen Stoff, der nur noch für das Böse verantwortlich gemacht wird: Aggression, entfesselte Triebe, Draufgängertum, Gewalttätigkeit.

Selbst Hamster, Börsenmakler und Häftlinge haben im Dienst der Wissenschaft an Testosteron-Studien teilgenommen.

Wie wurde Testosteron zum Übeltäter?

Dass das Hormon Männer männlich macht, ist unbestritten: In der Pubertät regt die Testosteron-Ausschüttung körperliche Wandlungen wie den Stimmbruch an. Der Mythos vom Testosteron, das wild, egoistisch und aggressiv macht, entstand jedoch aus Forschung und Dichtung. Schon die Geschichte, wie Testosteron zu seinem Namen kam, weckt entsprechende Assoziationen: Ein Pharmakologe extrahierte das Hormon 1935 aus Stierhoden. Aus testis (Hoden) und den Molekülnamen sterol und ketone entstand testosterone .

Anklage: Testosteron macht aggressiv

Tierstudien zeigen tatsächlich, dass ein höherer Testosteronspiegel im Blut mit aggressivem Verhalten zusammenhängt. Hamster greifen unter Einfluss des Hormons eher Artgenossen an, die man in ihren Käfig setzt. Über die Frage, ob Testosteron Menschen genauso beeinflusst, streitet die Fachwelt. Untersuchungen deuten darauf hin, so gerieten Häftlinge mit viel Testosteron im Blut öfter mit anderen Insassen in Konflikt.

Untersuchungen dieser Art haben den Mythos vom Testosteron-Männchen gefestigt. Dabei sind solche Studien bei genauer Betrachtung wenig aussagekräftig. Denn in der Regel messen Wissenschaftler die Testosteronkonzentration der Studienteilnehmer im Blut. Die im Hirn vorhandene Menge, die für die Psyche und das Verhalten entscheidend ist, kann stark davon abweichen. Außerdem darf man Ursache und Wirkung nicht verwechseln: Forscher zeigten Hockeyspielern das Video eines Spiels, das ihre Mannschaft gewann. Daraufhin stieg ihr Testosteronlevel an. "Höhere Testosteronwerte können durchaus das Resultat von Aggressionen sein statt umgekehrt", vermutet der Neurobiologe Christoph Eisenegger von der Universität Wien.

Anklage: Testosteron entfesselt die Triebe

Wahr ist, dass ein hoher Testosteronspiegel Lust auf Sex macht. Dass gewalttätige Übergriffe die Folge sind, ließ sich wissenschaftlich nicht belegen. "Bei Sexualstraftätern konnte trotz zahlreicher Untersuchungen keine klare Relation zum Testosteronspiegel gefunden werden", schreibt der Mediziner Christian Leiber von der Universität Freiburg in einer Übersichtsarbeit.

Anklage: Testosteron macht leichtsinnig

Studien haben ergeben, dass in experimentellen Investmentspielen die Risikofreude mit dem Testosteronspiegel stieg. Eine Untersuchung im echten Leben schien die Befunde zu bestätigen: 17 Londoner Börsenhändler gaben eine Woche lang vor und nach der Arbeit Speichelproben ab und legten den Forschern ihre Tagesgewinne offen. Die Händler mit höheren Testosteronspiegeln erzielten mehr Gewinn.

Bei diesen Ergebnissen müsse es sich noch lange nicht um kausale Zusammenhänge handeln, kritisiert der Epidemiologe Robin Haring in seinem neuen Buch Die Männerlüge. Er suchte nach weiteren Studien – und stellte fest, dass die Ergebnisse sich widersprechen. Mal zeigten sich Testosteron-Männer besonders risikofreudig, mal sogar besonders risikoscheu, mal zeigten sie sich in Geldangelegenheiten durchaus besonnen. Dass Testosteron so einen schlechten Ruf hat, hängt wohl auch damit zusammen, dass vor allem diejenigen Forschungsergebnisse weitererzählt werden, die das bestätigen, was wir sowieso schon zu wissen glauben.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN Nr. 5/2015, das online oder am Kiosk erhältlich ist.

Anklage: Testosteron macht egoistisch

Forscher luden Frauen zu einem Spiel ein. Einer Gruppe verabreichten sie vorher Tabletten mit Testosteron, der anderen ein Placebo. Wer was bekommen hatte, blieb geheim. Nach dem Spiel, bei dem die Probandinnen um Geld feilschten, fragten die Forscher: Glauben Sie, Sie haben das Hormonpräparat oder das Placebo bekommen? Eine geniale Frage, denn es stellte sich heraus: Diejenigen, die dachten, sie hätten Testosteron bekommen, verhielten sich dominanter und weniger fair. In Wirklichkeit hatten sich aber die Frauen auf Testosteron deutlich fairer verhalten als diejenigen aus der Placebo-Gruppe. So sehr hat sich der Mythos vom Testosteron, das einen zum wilden Alphatier macht, schon verselbstständigt.

Warum Gnade

Testosteron macht männlich, aber nicht aggressiv. Inzwischen ist der schlechte Ruf des Hormons so fest im Denken verankert, dass wir womöglich vor allem Berichte wahrnehmen, die den Mythos bekräftigen.